Demokraten-Erdrutschsieg in den USA erschüttert die Energiepolitik
Der blaue Tsunami der Midterms drückt den Ölpreis um mehr als 8 Prozent und beflügelt Clean-Energy-Aktien.

Der klare Sieg der Demokraten bei den US-Zwischenwahlen hat an den Energiemärkten ein Beben ausgelöst. Der Brent-Rohölpreis stürzte am Mittwoch um mehr als 8 Prozent ab und schloss bei 94,62 Dollar je Barrel. Gleichzeitig schnellten die Aktien von Unternehmen aus dem Bereich der erneuerbaren Energien in die Höhe. Die Anleger setzen darauf, dass die vernichtende Niederlage der Republikanischen Partei Präsident Donald Trump unter Druck setzen wird, den Iran-Krieg zu beenden.
Vizepräsident JD Vance, ein möglicher Kandidat für die Präsidentschaftswahl 2028, war in seiner Einschätzung des Ergebnisses eindeutig: „Der Grund für unsere Niederlage ist der Krieg.“ Als Oberbefehlshaber behält Trump zwar die Befugnis, militärische Schläge gegen das Regime fortzusetzen. Doch wenn die Demokraten die Kontrolle über Senat und Repräsentantenhaus übernehmen, erhalten sie mächtige Instrumente, die die politischen Kosten des Krieges erhöhen.
Die Rohölpreise sind seit Ende der vergangenen Woche um mehr als 19 Prozent gefallen
Claudio Galimberti, Chefökonom der Forschungsgruppe Rystad Energy, sagte: „Da beide Kammern nun in der Lage sind, Resolutionen zu verabschieden, die Kriegsfinanzierung zurückzuhalten und Bestätigungen hinauszuzögern, steht die Verwaltung vor einer kürzeren politischen Laufbahn und einem größeren institutionellen Druck, eine [Friedens]vereinbarung zu finden.“
Die Rohölpreise sind seit Ende der vergangenen Woche um mehr als 19 Prozent gefallen, nachdem Berichte über Fortschritte hin zu einer Friedensvereinbarung zwischen Washington und Teheran die Runde machten. Die optimistische Stimmung nach der Wahl hinsichtlich Iran teilen jedoch nicht alle Analysten. Rapidan Energy hält die Wahrscheinlichkeit einer weiteren militärischen Eskalation zwischen den USA und dem Iran weiterhin bei 70 Prozent.
„Präsident Trump bleibt entschlossen, ein Atomabkommen als sein Vermächtnis zu sichern, nachdem er die politischen Kosten des Konflikts bereits absorbiert hat, ohne sich einer Wiederwahl stellen zu müssen. Wir erwarten weitere militärische Eskalation“, heißt es in der Analyse der Gruppe. Das Unternehmen prognostiziert potenzielle Angriffe auf den Pickaxe Mountain, eine stark befestigte unterirdische Anlage, die verdächtigt wird, Teil des iranischen Atomprogramms zu sein. „[Dies] könnte Trump ermöglichen, die Zerstörung des iranischen Atomprogramms zu erklären und ein Phase-eins-Abkommen ohne atomare Zugeständnisse zu verfolgen“, so Rapidan in einer Forschungsnotiz. „Iran würde kräftig vergelten, aber wahrscheinlich Abqaiq [eine Ölverarbeitungs- und Stabilisierungsanlage in Saudi-Arabien] und andere kritische Energieinfrastrukturen des Golfkooperationsrates verschonen.“
Clean-Energy-Aktien legen deutlich zu
Das Wahlergebnis führte zu einem Kursanstieg der Aktien von Clean-Energy-Unternehmen, da die Anleger darauf setzten, dass ein demokratisch kontrollierter Kongress die Grundlagen für eine Rückkehr zu günstigeren Politiken gegenüber erneuerbaren Energien legen würde. In den USA stiegen die Aktien der Solarenergieunternehmen First Solar und Sunrun beim Marktstart am Mittwoch zunächst um mehr als 12 Prozent. In Europa legte der deutsche Windturbinenhersteller Nordex um 4,8 Prozent zu, und Ørsted, die dänische Wind- und Thermieenergiegruppe, stieg um 4,6 Prozent.
Die Demokraten hatten während des Midterm-Wahlkampfs die Bekämpfung der hohen Energiekosten priorisiert und Gesetzentwürfe mitunterzeichnet, die darauf abzielen, Steuervorteile für saubere Energie wiederherzustellen, die von der Trump-Administration abgeschafft wurden oder kurz vor ihrer Abschaffung stehen. Es wird für die Demokraten schwierig sein, neue Gesetze zur Wiederherstellung der Steuervorteile durchzusetzen, angesichts der ersten Kommentare von Trump nach der Demütigungsniederlage der Republikanischen Partei.
„Sie werden Dinge schicken, die wahnsinnig sind, und ich werde sie vetoieren“, sagte Trump in der Nacht der Wahlen gegenüber Fox News. „Und nach ein paar Monaten von Vetos werden sie hinausgehen und sagen: ‚Wie schaffen wir das?‘ Und dann werden wir zusammenarbeiten.“ Gemeinsames Arbeiten war jedoch keine Eigenschaft der Trump-Administration, die Dutzende von Exekutivmaßnahmen eingesetzt und Regulierungen genutzt hat, um den Ausbau erneuerbarer Energieprojekte zu behindern und die Öl- und Gasindustrie zu fördern.
Parteiliche Energiepolitik prägt Washington seit mindestens einem Jahrzehnt
Parteiliche Politik ist seit mindestens einem Jahrzehnt ein bestimmendes Merkmal der US-Energiepolitik. Der Widerruf eines Baugenehmigungsbescheids für die Keystone-XL-Pipeline zwischen den USA und Kanada durch den ehemaligen Präsidenten Joe Biden im Jahr 2021 sowie seine Pause bei der Genehmigung von Flüssigerdgas-Anlagen im Jahr 2024 zeigten, dass auch die Demokraten dieses Spiel spielen können.
Wenn die neuen demokratischen Mitglieder des Kongresses Anfang nächsten Jahres ihr Amt antreten, werden die republikanische Administration und Unternehmen, die eng in kontroverse Geschäfte verwickelt waren, strengerer Prüfung unterzogen. Senator Ed Markey von Massachusetts, Demokrat im Ausschuss für Umwelt und öffentliche Arbeiten, postete in der Nacht der Wahlen auf X: „Sie werden neue Wälder pflanzen müssen für all die Vorladungen, die wir drucken werden.“
Trumps Diesel-Liefervertrag mit Wladimir Putin und die kontroverse Vereinbarung seiner Administration mit dem Ölmagnaten Alejandro Betancourt, die Kontrolle über 65 Milliarden Barrel Öl in Venezuela zu übernehmen, werden wahrscheinlich ganz oben auf der Liste der Untersuchungen stehen. „Das Energieministerium ist wahrscheinlich parteiischer als je zuvor in seiner Geschichte, zum Beispiel durch die Kürzung von Projekten in blauen Staaten. Daher wird es dazu Untersuchungen geben“, sagte David Banks, der während Trumps erster Amtszeit Sonderberater für internationale Energie und Umwelt war. Er sagte, die zweite Amtszeit des Präsidenten biete eine „umweltreiche Umgebung“ wegen der großen Anzahl von Geschäften, die Staatsbehörden und private Gruppen, einschließlich Energieunternehmen, involvierten.
Einige Analysten erwarten eine moderatere Ausrichtung der Demokraten
Einige Analysten sagen jedoch, dass der neue Zustrom von Demokraten in den Kongress, von denen viele aus ländlichen und Öl- und Gasstaaten stammen, den progressiven Flügel ihrer Partei moderieren könnte, der für das schnelle Auslaufen von fossilen Subventionen, tiefe Emissionssenkungen und Politiken, die Verschmutzer stark bestrafen, eintritt. „Die Demokratische Partei hat eine vielfältigere Palette an Ansichten und repräsentiert eine breitere Geographie. . . und das ist insbesondere im Energiesektor wichtig“, sagte Josh Freed, Senior Vice President für das Klima- und Energieprogramm bei Third Way, einem Think-Tank in Washington. „Klima wird ein Thema bleiben, aber es wird in diesem Kontext ländlicher Wähler und Gemeinden diskutiert und betrachtet werden.“
Der starke Fokus der Demokraten auf Erschwinglichkeit, Trumps Veto gegenüber Gesetzgebung und Veränderungen in der öffentlichen Wahrnehmung der Energiesicherheit in den letzten fünf Jahren könnten zu einem bipartisipierten Ansatz inspirieren, so Analysten. „Trump hat das Overton-Fenster – die Parameter der öffentlichen Akzeptanz – so weit nach rechts verschoben, dass wir unsere Ansicht bestätigen, dass der Peak ESG im Jahr 2021 erreicht wurde“, sagte Paul Sankey, Gründer von Sankey Research, unter Bezugnahme auf Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen (ESG).
Ein erster Test dafür, wie Republikaner und Demokraten zukünftige Politiken angehen werden, findet am 9. November statt, wenn ein bipartitischer Text zu neuen Gesetzgebungsinitiativen, die sich auf Genehmigungsreformen konzentrieren, einer verfahrenstechnischen Abstimmung im Senat unterzogen wird. Die Branche für saubere Energie und der Öl- und Gassektor unterstützen den vorgeschlagenen Gesetzesentwurf. Doch die starke Wahlleistung der Demokraten könnte Stimmen auf dem progressiven Flügel der Partei ermutigen, bei einem Text, der ihrer Ansicht nach den Öl- und Gassektor gegenüber Erneuerbaren begünstigt, härter zu verhandeln.
„Genehmigungsreformen haben einen Weg, den andere Prioritäten der Demokraten nicht haben“, sagte Wood Mackenzie in einer Forschungsnotiz. „Die Ergebnisse der Midterms deuten auf einen Stimmungswechsel in den USA hin. Die Energiekosten haben sich als Bremse für die Agenda des Präsidenten herauskristallisiert und schaffen gemeinsame Grundlagen für beide Parteien hinsichtlich der Erschwinglichkeit.“
Bereits im Juli 2026 berichtete aktien.news über die Krisenlage vor den Midterms
Bereits am 18.07.2026 berichtete aktien.news, dass sich vor den US-Zwischenwahlen im November die Krisen für die Trump-Administration verdichteten. Militärische Eskalation im Nahen Osten, steigende Energiepreise und eine tiefe innenpolitische Spaltung prägten das politische Klima in Washington. Damals meldete das US Central Command sechs aufeinanderfolgende Nächte mit Luftangriffen auf iranische Militärlogistik und maritime Kapazitäten; Brent- und WTI-Rohöl-Futures verzeichneten wöchentliche Gewinne von mehr als 11 Prozent.
Bereits am 26.03.2026 berichtete aktien.news, dass der Preis für ein Barrel Brent-Rohöl seit Beginn des Iran-Krieges zwischenzeitlich auf bis zu 120 Dollar geklettert war – vor Kriegsbeginn hatte er noch unter 70 Dollar notiert. Damals verteuerten sich Brent und das US-Öl WTI um jeweils 2,4 Prozent auf 104,75 beziehungsweise 92,47 Dollar je Fass. Die Recherchen zeigten ein Muster: Sobald sich die US-Ölpreise der Marke von 95 bis 100 Dollar annäherten, wechselte die Trump-Regierung auf einen deeskalierenden Ton.
Bereits am 12.10.2026 berichtete aktien.news, dass der Iran-Krieg in einer wichtigen Umfrage auf Platz drei der größten Sorgen der Amerikaner rangierte – noch vor Gesundheitsversorgung, Staatsverschuldung und Einwanderung. Die Lebenshaltungskosten und die Inflation teilten sich den ersten Platz. Besonders brisant war die Energieinflation in wichtigen Swing States wie Iowa, Alaska, Texas, Maine und Ohio. Bereits am 08.04.2026 berichtete aktien.news, dass die USA einem zweiwöchigen Waffenstillstand mit dem Iran zugestimmt hatten – unter der Bedingung, dass die Straße von Hormus sofort wieder geöffnet wird. Damals gerieten Öl- und Gasaktien unter massiven Verkaufsdruck; besonders hart traf es den US-Flüssigerdgas-Exporteur Venture Global, dessen Aktie um mehr als 10 Prozent einbrach.
Der Ölpreis reagiert derzeit extrem stark auf politische Signale aus Washington
Für deutsche Privatanleger sind mehrere Punkte relevant. Erstens: Der Ölpreis reagiert derzeit extrem stark auf politische Signale aus Washington – ein Rückgang von mehr als 19 Prozent seit Ende der vergangenen Woche zeigt, wie schnell sich die Stimmung drehen kann. Zweitens: Europäische Titel aus dem Bereich erneuerbare Energien wie Nordex und Ørsted profitierten unmittelbar von der Wahl, weil ein demokratisch kontrollierter Kongress als Rückenwind für die Branche gilt. Drittens: Die Unsicherheit bleibt hoch, denn Rapidan Energy hält die Wahrscheinlichkeit einer weiteren militärischen Eskalation zwischen den USA und dem Iran weiterhin bei 70 Prozent. Anleger sollten daher beide Szenarien – Entspannung und Eskalation – im Blick behalten.
Der 9. November wird zum ersten Stimmungstest
Der 9. November ist der nächste konkrete Termin: Dann wird ein bipartitischer Text zu Gesetzgebungsinitiativen für Genehmigungsreformen einer verfahrenstechnischen Abstimmung im Senat unterzogen. Sowohl die Branche für saubere Energie als auch der Öl- und Gassektor unterstützen den vorgeschlagenen Gesetzesentwurf. Wood Mackenzie zufolge deuten die Midterm-Ergebnisse auf einen Stimmungswechsel in den USA hin, bei dem die Energiekosten als Bremse für die Agenda des Präsidenten wirken und gemeinsame Grundlagen für beide Parteien hinsichtlich der Erschwinglichkeit schaffen. Zudem ist Qatars staatliche Energiegesellschaft auf dem besten Weg, bis Anfang des nächsten Jahrzehnts der größte Käufer von US-flüssigem Erdgas (LNG) der Welt zu werden. Vier der größten japanischen Rohstoffhändler meldeten am Mittwoch Rekordgewinne, gestützt durch Turbulenzen auf den Energiemärkten, ausgelöst durch den Iran-Krieg, und steigende Kupferpreise.
Diese Fachbegriffe helfen Anlegern bei der Einordnung
- Brent-Rohöl: Eine wichtige Referenzsorte für Rohöl aus der Nordsee, deren Preis als Maßstab für den globalen Ölmarkt gilt.
- Midterm-Wahlen: Zwischenwahlen in den USA, bei denen Teile des Kongresses neu gewählt werden und die politische Mehrheiten verschieben können.
- LNG: Flüssigerdgas, das tiefgekühlt und dadurch per Schiff transportierbar wird.
- ESG: Sammelbegriff für Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien, nach denen Investoren Unternehmen bewerten.
- Overton-Fenster: Bezeichnet den Bereich von Meinungen, die in einer Gesellschaft als akzeptabel gelten.
