Cannabis strenger reguliert als Alkohol – und dennoch sicherer
Ein US-Unternehmer widerspricht der Forderung, Cannabis wie Alkohol zu behandeln – mit einem Blick auf beide Märkte.

In Massachusetts tobt ein regulatorischer Streit darüber, wie Cannabis künftig beaufsichtigt werden soll. Der Unternehmer Wes Ritchie, Mitgründer und Co-Geschäftsführer von Tree House Craft Cannabis, hat in einem Gastbeitrag für das Portal CommonWealth Beacon der Forderung widersprochen, den Cannabissektor wie den Alkoholhandel zu regulieren. Ritchie betreibt nach eigenen Angaben sowohl ein Spirituosengeschäft als auch mehrere Cannabis-Filialen und eine Anbau-Farm und beschäftigt an seinen Standorten mehr als 45 Mitarbeiter.
Auslöser des Beitrags war ein Kommentar von Robert Mellion, dem Geschäftsführer der Massachusetts Package Stores Association. Mellion argumentiert laut Ritchie, die Aufsicht über den Cannabis-Sektor des Bundesstaats sei lax und dieser solle wie Alkohol reguliert werden. Ritchie hält diese Sichtweise aus zwei fundamentalen Gründen für verkehrt herum.
Alkohol ist das tödlichere Rauschmittel
Der erste Grund ist aus Sicht des Unternehmers eine Frage der Gefährlichkeit. Alkohol sei ein weitaus tödlicheres Rauschmittel als Cannabis, schreibt Ritchie. Im bestehenden legalen Cannabismarkt seien bisher null Todesfälle durch den Konsum von legalisiertem Cannabis gemeldet worden. Für den Alkoholkonsum gelte das Gegenteil. Vor diesem Hintergrund lohne es sich, laut zu hinterfragen, ob Alkohol und Cannabis denselben regulatorischen Rahmenbedingungen unterliegen sollten.
Der zweite Grund betrifft die tatsächliche Regulierungsdichte. Cannabis werde umfassender reguliert als fast jedes andere in Massachusetts verkaufte Einzelhandelsprodukt, so Ritchie. Wichtig sei zudem, dass Mellion das bestehende Compliance-Regime möglicherweise nicht verstehe. Mellion weise darauf hin, dass die staatliche Kommission zur Kontrolle alkoholischer Getränke (Alcoholic Beverages Control Commission) routinemäßige, zufällige und unangekündigte Compliance-Prüfungen durchführe, und schließe daraus, dass der Staat ähnliche unangekündigte Inspektionen aller lizenzierten Cannabis-Einrichtungen finanzieren und durchführen müsse. Doch die Cannabis Control Commission führe solche Prüfungen tatsächlich durch – Ritchie betont, sein Unternehmen habe sie bereits erlebt.
Vom Samen bis zum Verkauf: eine lückenlose Kette
Ritchie beschreibt detailliert, wie die Aufsicht über Cannabis in seinem Bundesstaat funktioniert. Sie beginne noch vor dem Moment, in dem die Samen in die Erde gelangen, mit vorgeschriebenen Tests des Substrats. Von dort an unterliege jede Ernte obligatorischen Labortests auf Potenz, Pestizide, Schwermetalle, Restlösemittel, Mikroben, Mykotoxine und andere Verunreinigungen. Die Cannabis Control Commission habe umfangreiche Anforderungen an ordnungsgemäße Testprotokolle und prüfe die Betreiber auf deren Einhaltung. Fällt ein Produkt zu irgendeinem Zeitpunkt im Prozess durch einen Test, erreicht es niemals die Verbraucher.
Bevor ein Cannabis-Produkt überhaupt ein Regal erreiche, begleite ein landesweites Inventarsystem jede Pflanze auf ihrem Weg – vom Saatgut bis zum Verkauf – und werde kontinuierlich staatlich überwacht. Jede Verpackung müsse kindersicher sein, klar beschriftet sein und Gesundheitswarnungen tragen. Jeder Transfer zwischen Unternehmen werde elektronisch nachverfolgt, jeder Verkauf aufgezeichnet, jeder Gramm erfasst.
Nach Darstellung von Ritchie existiert all das in der Alkoholindustrie nicht. Niemand teste jede Flasche Wein oder Whiskey auf Verunreinigungen, bevor sie die Verbraucher erreiche. Bier werde nicht in Quarantäne geschickt, bis die labortechnische Genehmigung vorliege. Und jede einzelne Flasche werde nicht durch ein staatliches Inventarsystem verfolgt – vom Anbau über die Produktion bis zum Einzelhandel.
Strenge Auflagen für Betreiber und Personal
Auch auf der Ebene der Betreiber und Mitarbeiter sieht Ritchie deutliche Unterschiede. Um selbst Cannabis-Betreiber zu werden, musste er ein umfangreiches Verfahren durchlaufen, das mit umfassenden Hintergrundüberprüfungen begann, noch bevor er eine Lizenz erhielt. Seine Mitarbeiter durchliefen dieselben Hintergrundüberprüfungen, bevor sie Ausweise erhielten, um eine Cannabis-Einrichtung zu betreten und dort zu arbeiten. Die Einrichtungen würden nach strengen Sicherheitsvorgaben gebaut, die 24-Stunden-Überwachung, eingeschränkten Zugang, Alarmanlagen, Alarmüberwachung, Anforderungen an den sicheren Transport sowie detaillierte Betriebsverfahren umfassen, die von Aufsichtsbehörden jederzeit inspiziert werden könnten.
Die Compliance-Bürde ende nicht mit der Lizenz. Lizenzierte Cannabis-Einzelhändler seien verpflichtet, vor jedem Kauf die Identität zu überprüfen, unabhängig vom scheinbaren Alter eines Kunden. Mitarbeiter erhielten verpflichtende Schulungen. Die Unternehmen führten Tausende Seiten an Aufzeichnungen und Terabytes an Videoarchiven, meldeten jeden ungewöhnlichen Vorfall an die Aufsichtsbehörden, und Überwachungskameras zeichneten jede Transaktion auf. Die strengen Regeln für den Verkauf an Erwachsene ab 21 Jahren ließen nicht einmal zu, dass Eltern ihre Kinder mitbringen, wenn sie eine To-Go-Bestellung abholen. In Spirituosengeschäften hingegen könnten Kinder frei herumlaufen.
Verbesserungspotenzial und der Blick auf den Schwarzmarkt
Ritchie räumt ein, dass die Durchsetzung weiter verbessert werden könnte. Es sei eine neue Branche, die sich jedes Jahr durch Änderungen der Gesetze und Vorschriften weiterentwickle. Wie jede Aufsichtsbehörde sollte die Cannabis Control Commission Inspektionspraktiken, Compliance-Strategien und Vollzugsprioritäten kontinuierlich bewerten. Die Legislative habe kürzlich wichtige Schritte unternommen, um die Governance der Behörde zu stärken, und Branchenbetreiber begrüßten Verbesserungen, die konsistent, transparent und effektiv seien. Die Standardisierung und Klarstellung der Vollzugsmaßnahmen stünden bereits im Mittelpunkt, seitdem neue Kommissare zur Aufsicht über die Branche ernannt wurden.
Der Unternehmer betont zugleich, dass starke Regulierung verantwortungsvolle Unternehmen genauso schütze wie die Verbraucher. Ironischerweise werde einer der größten Erfolge der Legalisierung im Bereich der öffentlichen Sicherheit oft übersehen: Legales Cannabis verdränge einen Markt, der keine Altersverifikation, keine Produkttests, keine Kennzeichnungsnormen, keine Screening-Verfahren auf Verunreinigungen und keinerlei regulatorische Aufsicht kenne. Im Gegensatz zum illegalen Markt hätten lizenzierte Unternehmen jeden Anreiz, die Regeln einzuhalten, da die Konsequenzen bei Verstößen schwerwiegend seien.
Ritchie fasst seine Position mit einem Hinweis auf seine eigene Erfahrung zusammen: Als jemand, der sowohl unter Alkohol- als auch unter Cannabis-Vorschriften operiere und beide Produkte an Verbraucher verkauft habe, könne er exakt sagen, woher jeder Gramm seines Cannabis stamme – basierend auf einer Compliance-Kette, die sich über eine Meile erstrecke. Daten, eigene Erfahrungen und der gesunde Menschenverstand führten zu dem Schluss, dass Cannabis sicherer als Alkohol sei, jedoch dennoch strenger reguliert werde. Sein Appell: realistisch über den Stand der Branchenregulierung zu sprechen.
Für deutsche Leser ist der Beitrag vor allem als Einblick in die US-amerikanische Regulierungspraxis interessant. Während in Deutschland der Besitz und Anbau von Cannabis für Erwachsene seit 2024 in begrenztem Umfang erlaubt ist, zeigt das Beispiel Massachusetts, wie unterschiedlich die Aufsichtsansätze innerhalb der USA ausfallen – und wie stark die Debatte zwischen Alkohol- und Cannabislobby von wirtschaftlichen Eigeninteressen geprägt ist.
