VAE prüfen dritte Ölpipeline zur Umgehung der Straße von Hormus
Bloomberg berichtet von Plänen für eine dritte Erdölexportleitung an die Ostküste; Adnoc weist die Darstellung als spekulativ zurück.

Die Vereinigten Arabischen Emirate prüfen den Bau einer dritten Erdölexportleitung an ihre Ostküste. Das berichtet Bloomberg unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen. Abu Dhabi beschleunigt damit eine strategische Neuausrichtung im Milliardenbereich, die darauf abzielt, die volatile Straße von Hormuz vollständig zu umgehen. Die vorgeschlagene Infrastruktur soll die westlichen Produktionsstandorte direkt mit dem Hafen von Fujairah außerhalb des Persischen Golfs verbinden.
Nach Angaben der Nachrichtenagentur hat die staatliche Abu Dhabi National Oil Co. (Adnoc) bereits ausgewählte asiatische Raffinerien über das konzeptionelle Projekt informiert. Die Route und der Gesamtrahmen könnten jedoch noch überarbeitet werden, betonten die Personen. Adnoc selbst widersprach der Veröffentlichung entschieden und erklärte gegenüber Bloomberg, die Darstellung sei unzutreffend und rein spekulativ.
Der geopolitische Hintergrund bleibt angespannt. Regionale Spannungen und wiederkehrende Angriffe auf Handelsschiffe haben die Risikoaufschläge in den Energielieferketten auf einem erhöhten Niveau gehalten. Eine Pipeline, die den Persischen Golf umgeht, würde dieses Transportrisiko für Abnehmer deutlich reduzieren und den Seeweg durch das Nadelöhr entbehrlich machen.
Ein solcher Korridor könnte nach Darstellung der Quelle nicht nur die eigenen Lieferungen absichern, sondern auch Transitkapazitäten für Dritte öffnen und wichtige internationale Käufer vor maritimen Engpässen schützen. Damit würde Abu Dhabi seine Rolle im globalen Energiehandel weiter ausbauen.
Die neue Leitung soll einen bestehenden Korridor mit zwei Millionen Barrel täglich erweitern
Die geplante Pipeline würde einen bestehenden Onshore-Korridor erweitern, der derzeit etwa 2 Millionen Barrel pro Tag zu den Terminals in Fujairah fördert. Nach einer Entscheidung von Adnoc im vergangenen Mai soll sich die Transportkapazität entlang dieser Hauptader verdoppeln. Dafür treibt das Unternehmen ein zweites Verbindungselement schnell voran.
Dieses zweite Element ist für das kommende Jahr fertiggestellt und soll Anfang 2027 erste kommerzielle Lieferungen an asiatische Kunden aufnehmen. Damit entstünde ein zweiter, unabhängiger Pfad für den Export in Richtung Asien, der nicht über die Straße von Hormuz führt.
Die Bemühungen zur Diversifizierung der Exportwege bilden das Rückgrat einer breiteren VAE-Initiative, die darauf abzielt, die Abhängigkeit von der Straße von Hormuz zu beseitigen. Vor diesem Hintergrund koppelt Abu Dhabi den Ausbau der Pipeline-Durchflussmengen mit erheblichen Kapitalinvestitionen in die Straßen- und Schienennetze im Osten des Landes. Hinzu kommen Kapazitätserweiterungen an mindestens drei nicht am Golf gelegenen maritimen Knotenpunkten.
Der Infrastrukturausbau unterstreicht auch die zunehmend eigenständige strategische Ausrichtung der VAE nach ihrem Austritt aus der OPEC im Mai. Durch den Aufbau redundanter Exportinfrastruktur, die unabhängig von regionalen Engpässen ist, scheint es das Land darauf anzulegen, seinen Status als ununterbrochener Lieferant für die globalen Energiemärkte zu festigen, ungeachtet der Instabilität im Golfraum.
Bereits im Frühjahr 2026 wichen die VAE über Fudschaira und getarnte Tanker aus
Bereits am 28.04.2026 berichtete aktien.news, dass die VAE alternative Wege suchten, um ihr Öl auf den Weltmarkt zu bringen. Die staatliche Adnoc informierte damals Vertragskunden darüber, dass Ölladungen außerhalb des Persischen Golfs – konkret vor der Küste Fudschairas – zur Verfügung stehen. Angeboten wurden Ladungen verschiedener Sorten per Ship-to-Ship-Transfer, bei dem Rohöl auf offener See von einem Tanker auf einen anderen umgeladen wird, ohne dass ein Hafen im Persischen Golf angelaufen werden muss.
Am 07.05.2026 berichtete aktien.news, dass die VAE mehrere mit Rohöl beladene Tanker mit ausgeschalteten Ortungssystemen durch die Straße von Hormus schickten. Ziel war es, Öl zu bewegen, das seit dem Ausbruch des US-israelischen Krieges gegen den Iran im Golf festsaß. Im April gelang es Adnoc demnach, mindestens 4 Millionen Barrel der Sorte Upper Zakum sowie 2 Millionen Barrel Das-Rohöl auf vier Tankern von Terminals innerhalb des Golfs zu exportieren.
Am 06.08.2026 meldete aktien.news, dass sich die VAE in den zwei Monaten zuvor als wichtigster Rohöllieferant durch die Straße von Hormus etabliert hatten. Kein anderer Produzent transportierte in diesem Zeitraum mehr Öl durch das strategisch bedeutsame Nadelöhr. Besonders auffällig war der Supertanker Romania Prosperity, der Ende Juli seinen Transponder ausgeschaltet hatte und am Dienstag im Golf von Oman auftauchte. Laut dem Datenanalyseunternehmen Kpler war der Tanker mit Rohöl der Adnoc beladen.
Am 29.04.2026 berichtete aktien.news über die Einschätzung der Großbank HSBC zum angekündigten Austritt der VAE aus der OPEC und der erweiterten OPEC+-Allianz zum Mai 2026. Die Analysten bewerteten die kurzfristigen Auswirkungen auf die globalen Ölmärkte als begrenzt, sahen langfristig jedoch Risiken für den Zusammenhalt der einflussreichen Produzentengruppe.
Für Anleger rücken Transportrisiken und Lieferzuverlässigkeit in den Fokus
Für deutsche Privatanleger ist die Meldung vor allem als Signal für die Zuverlässigkeit der Ölversorgung aus der Golfregion zu lesen. Gelingt der Aufbau einer dritten Exportroute, sinkt die Verwundbarkeit der Lieferkette gegenüber Störungen im Persischen Golf. Umgekehrt bleibt erhebliche Unsicherheit bestehen, weil Adnoc die Berichterstattung ausdrücklich als unzutreffend und rein spekulativ bezeichnet und die Route sowie der Gesamtrahmen noch überarbeitet werden könnten. Anleger sollten deshalb die offizielle Kommunikation des Unternehmens und belastbare Angaben zu Kapazitäten und Zeitplänen abwarten, statt auf Basis eines konzeptionellen Projekts zu handeln. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich aus den vorliegenden Informationen nicht ableiten.
Das zweite Verbindungselement soll Anfang 2027 kommerzielle Lieferungen aufnehmen
Als nächster konkreter Termin im Quelltext steht die Fertigstellung des zweiten Verbindungselements im kommenden Jahr. Anfang 2027 sollen dann erste kommerzielle Lieferungen an asiatische Kunden über diesen Weg laufen. Ob und wann die nun diskutierte dritte Exportleitung hinzukommt, ist offen: Die Route und der Rahmen des Projekts können sich laut den informierten Personen noch ändern, und Adnoc hat die Darstellung zurückgewiesen. Beobachten lässt sich zudem, wie sich der angekündigte OPEC-Austritt und die Investitionen in Straßen-, Schienen- und Hafeninfrastruktur im Osten der Emirate weiterentwickeln.
Diese drei Fachbegriffe sollten Anleger kennen
- Onshore-Korridor: Eine Pipeline- oder Transportverbindung, die an Land verläuft und Produktionsstätten mit Exporthäfen verbindet.
- Ship-to-Ship-Transfer: Das Umladen von Rohöl auf offener See von einem Tanker auf einen anderen, ohne Anlaufen eines Hafens.
- Risikoaufschlag: Ein Preisbestandteil, den Marktteilnehmer für erhöhte Unsicherheiten in einer Lieferkette verlangen.
