Ölpreis fällt, doch Frachtraten und Inflation bleiben hartnäckig hoch
Der Brent-Preis sinkt nach dem Demokraten-Sieg bei den US-Zwischenwahlen, aber Frachtraten und Eurozone-Inflation bleiben hoch.

Der Sieg der Demokraten bei den US-Zwischenwahlen hat die Hoffnung auf ein Ende des Iran-Kriegs genährt. An den Ölmärkten schlägt sich das in fallenden Preisen nieder: Die Sorte Brent verbilligte sich von über 110 Dollar pro Fass Ende Oktober auf zuletzt knapp über 95 Dollar pro Fass. Ein Barrel entspricht 159 Litern Rohöl.
Doch die Entspannung an der Preisfront ist trügerisch. Die Abwärtsbewegung dürfte wohl begrenzt bleiben, denn die Ölpreise liegen weiterhin deutlich über dem Vorkriegsniveau von knapp über 60 Dollar pro Fass. Und die Inflation hält an.
In der Eurozone erreichte die Teuerungsrate im Oktober 4,0 Prozent. Das ist die höchste Inflationsrate seit September 2023. Für Verbraucher und Anleger bedeutet das: Der Preisdruck lässt nicht nach, obwohl der Ölpreis zuletzt nachgab. Der Iran-Krieg ist dabei nur eine von mehreren Krisen – die Quelle beschreibt eine Gemengelage aus Pandemie, Zoll-, Ukraine- und Iran-Krieg, die die weltweiten Lieferketten dauerhaft verändert hat.
Die Exporte der Golfstaaten steigen, bleiben aber unter dem Vorkriegsniveau
Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, der Irak und Kuwait haben ihre Exporte im Oktober um 10 Prozent gesteigert. Zusammen kamen sie auf 15 Millionen Fass pro Tag. Vor dem Iran-Krieg hatten diese vier Länder rund 20 Millionen Fass pro Tag ausgeführt. Der Engpass in der Straße von Hormus schrumpft also, ist aber noch nicht verschwunden.
June Goh, Ölanalystin bei Sparta Commodities, sagte laut Reuters: "Der Weg zu einer umfassenden diplomatischen Lösung zur Beendigung des Krieges ist nach wie vor mit vielen Unsicherheiten behaftet, während die globalen strategischen Reserven stark geschrumpft sind." Die Analystin verweist damit auf ein zentrales Problem: Selbst wenn sich die Lage am Golf entspannt, fehlt es an Puffern, um kurzfristige Rückschläge abzufedern.
Maersk meldet unvermindert hohe Nachfrage nach Containerfracht
Während der Ölpreis fällt, bleiben die Frachtraten hoch. Maersk, der rund 14 Prozent des weltweiten Containerverkehrs abwickelt, sieht keine Entspannung. Die Rate für einen 40-Fuß-Container liegt bei rund 3285 Dollar und damit 46 Prozent höher als vor einem Jahr.
Vincent Clerc, Chef von Maersk, sagte: "Was wir beobachten, ist, dass die Nachfrage unvermindert anhält. Sie wird weiterhin von umfangreichen Investitionen in Elektrifizierung und KI angetrieben, die aus Asien kommen und sich weltweit ausbreiten." Clerc erwartet auf absehbare Zeit erhöhte Frachtraten. Als Grund nennt er Engpässe bei der Logistik an Land, die die Nachfrage auf See hochhalten. Ursache dafür sind versäumte Investitionen in die Infrastruktur an Land. Die Entlastung durch sinkende Treibstoffkosten erreicht die Kunden vermutlich nicht.
Drei Entwicklungen bestimmen die Neuausrichtung der Logistik
Die Branche steht vor drei teils gegenläufigen Entwicklungen: der Verlagerung von Produktion, neuen Handelskorridoren und den Schifffahrtskapazitäten. Zusammen bestimmen sie, wohin die Frachtraten steuern. Die UBS erwartet, dass neue Handelskorridore für sinkende Frachtraten sprechen.
Arktische Routen und Bahnlinien durch Usbekistan verkürzen die Transportwege. Neue Rohstoffquellen in Afrika ermöglichen kürzere Lieferketten. Volkswirtschaften verringern ihre Abhängigkeit von den Weltmärkten. Transportiert werden Güter wie Elektronik für Energiesysteme, Wärmepumpen, Rechenzentren und Autos. Bei den Grundmaterialien geht es um Eisenerz, Lithium, Kupfer und Aluminium. Die Pandemie-Lieferkettenprobleme und die Kriegsabhängigkeiten befeuern den Trend zu Nearshoring.
Ab 2027 könnten die Frachtraten rapid sinken
Die Branche erwartet ab 2027 neue und größere Schiffe. Das könnte das Angebot an Schifffahrtskapazität deutlich erhöhen. Die UBS prognostiziert für Containerfracht einen Rückgang von 35 Prozent in den nächsten zwei Jahren. Für große Öltanker erwartet die Bank sogar einen Rückgang von 59 Prozent.
Das Containerfracht-Volumen soll bis 2035 um 30 Prozent zunehmen. Es ergibt sich eine zweigeteilte Entwicklung: kurzfristig teuer, ab 2027 möglicherweise rapid sinkend. Sinkende Frachtraten könnten die Inflation direkt und indirekt senken – direkt über die Transportkosten und indirekt über die Ölpreise.
Frühere Berichte von aktien.news zeigten explodierende Transportkosten
Bereits am 15.10.2026 berichtete aktien.news, dass die Öltransportkosten explodieren und Tanker-Raten die Inflation weltweit antreiben. Damals kostete die Reise eines Supertankers von den USA nach Japan 81 Millionen US-Dollar, verglichen mit durchschnittlich 9,1 Millionen Dollar im Vorjahr.
Am 24.09.2026 berichtete aktien.news, dass die US-Inflation eng am Konflikt mit dem Iran hängt und der Weg nach unten weiter über den Iran führt. Am 31.10.2026 meldete aktien.news, dass Tanker trotz iranischer Angriffe weiterhin Rohöl durch die Straße von Hormus transportieren. Am 20.10.2026 berichtete aktien.news, dass der Ölpreis auf ein Fünf-Monats-Hoch kletterte, als Brent über 111 US-Dollar notierte.
Für deutsche Privatanleger sind zwei Signale entscheidend
Für Anleger sind zwei Signale wichtig. Erstens: Der fallende Ölpreis allein entlastet die Inflation nicht, solange die Frachtraten hoch bleiben. Zweitens: Die Frachtraten hängen laut Maersk-Chef Clerc nicht mit den Ereignissen am Golf zusammen. Clerc sagte: "Die Entwicklung der Frachtraten steht tatsächlich in keinem Zusammenhang mit den Ereignissen am Golf."
Wer in Logistik-, Schifffahrts- oder Energieunternehmen investiert ist, sollte die drei Entwicklungen im Blick behalten: Produktionsverlagerung, neue Handelskorridore und Schifffahrtskapazitäten. Sie entscheiden darüber, ob die Frachtraten kurzfristig teuer bleiben und ab 2027 fallen. Wichtig ist, dass die beiden großen Prognosen auseinandergehen: Maersk rechnet auf absehbare Zeit mit erhöhten Raten, die UBS mit einem deutlichen Rückgang. Anleger sollten daher nicht von einer einzigen Erwartung ausgehen.
Die Branche rechnet ab 2027 mit neuen und größeren Schiffen
Die Branche rechnet ab 2027 mit neuen und größeren Schiffen. Die UBS erwartet sinkende Frachtraten, gestützt auf neue Handelskorridore. Maersk-Chef Clerc erwartet dagegen auf absehbare Zeit erhöhte Frachtraten. Beide Sichtweisen stehen nebeneinander.
Sollten die Frachtraten tatsächlich sinken, könnte das die Inflation direkt über die Transportkosten und indirekt über die Ölpreise senken. Ob und wann das eintritt, hängt auch vom weiteren Verlauf des Iran-Kriegs ab.
Drei Fachbegriffe ordnen den Artikel ein
- Frachtrate: der Preis, den Reedereien für den Transport eines Containers auf einer bestimmten Route verlangen.
- Brent: eine wichtige Referenzsorte für Rohöl, an der sich viele Ölpreise orientieren.
- Nearshoring: die Verlagerung von Produktion und Lieferketten in geografisch nähere Regionen.
