Mercedes-CFO Harald Wilhelm: Nachfolge beim Autobauer bleibt offen
Der Vertrag von Harald Wilhelm läuft Ende März aus. Der Aufsichtsrat schweigt zur Nachfolge – und die Aktie kennt seit Monaten nur eine Richtung.

Der Vertrag von Harald Wilhelm als Finanzvorstand von Mercedes läuft Ende März aus. Ob der 60-Jährige ein weiteres Jahr dranhängt oder das Unternehmen verlässt, hat der Konzern bislang nicht mitgeteilt. Zuständig ist der Aufsichtsrat, an dessen Spitze Martin Brudermüller steht.
Für die Anleger ist das mehr als eine Personalie. Der CFO soll den Autobauer vor räuberischen Aktionären schützen – eine Aufgabe, die bei Mercedes besonders schwer wiegt, denn der Konzern hat anders als Volkswagen oder BMW keinen Familien-Ankerinvestor im Rücken. Wilhelm wird im April 61 Jahre alt. Nach den Regeln des Unternehmens können Vorstände ab 60 Jahren nur noch für jeweils ein Jahr verlängert werden.
Üblich ist bei Mercedes, eine solche Entscheidung ein Jahr vor dem Ende der Amtszeit bekannt zu geben, spätestens aber sechs Monate vorher. Dieses Zeitfenster ist praktisch geschlossen. Ein externer Kandidat bräuchte mindestens sechs Monate Einarbeitung, bevor er die Aufgabe voll übernehmen könnte.
Der Kapitalmarkt wartet vergeblich auf Klarheit
Hendrik Schmidt von der Fondsgesellschaft DWS formuliert die Kritik deutlich: "Der Kapitalmarkt darf so kurz vor dem Auslaufen dieses zentralen Mandates nicht im Unklaren darüber gelassen werden, wer diese entscheidende Rolle im Frühjahr ausfüllt."
Moritz Kronenberger von Union Investment gibt zu bedenken, es gebe "keinen, der die Kosten besser drücken kann". Damit steht die Frage im Raum, wie viel Sanierungsarbeit dem Finanzressort in den kommenden Jahren noch bevorsteht – und wer sie verantworten soll. Für Privatanleger bedeutet das vor allem eines: Die Unsicherheit über die Führung der Bilanz kommt zu einem Zeitpunkt, in dem der Autobauer ohnehin operativ unter Druck steht.
Für die Nachfolge kursieren drei Szenarien
Das erste Szenario sieht eine Verlängerung von Wilhelm um ein Jahr vor, wie es die Altersregel des Konzerns erlaubt. Im zweiten Szenario übernimmt Olaf Schick den Posten. Der 54-Jährige kam Ende 2025 von Continental, wo er als Finanzvorstand tätig war, und brachte dort die Abspaltung der Autosparte ins Ziel. Zuvor war er als lokaler CFO in Russland und China tätig. Schick gilt als Brückenbauer und Team-Motivator.
Das dritte Szenario bringt Christina Schenck ins Spiel, die als CFO gehandelt wird. Wilhelm selbst bleibt dem Konzern zumindest in einem Gremium verbunden: Er sitzt im Prüfungsausschuss des Aufsichtsrats von Daimler Trucks. Welches Szenario am Ende greift, hängt an der Entscheidung des Aufsichtsrats.
Zwei Frauen verlassen den Vorstand
Mit Sabine Kohleisen und Renata Jungo Brüngger gehen zwei Frauen aus dem Führungsgremium. Britta Seeger bleibt dem Vorstand erhalten: Sie ist bis Dezember 2029 bestellt und wurde im September 57 Jahre alt. Als Finanzvorständin gehandelt wird darüber hinaus die 46-jährige Christina Schenck.
Der Sparkurs verlangt der Belegschaft viel ab
Unabhängig von der Spitzenpersonalie läuft im Konzern ein hartes Sparprogramm. Der Vorstand fordert bis zu fünf Stunden Mehrarbeit pro Woche ohne Lohnausgleich. Auch die Sonderzahlungen stehen auf dem Prüfstand, darunter Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld und die Ergebnisbeteiligung. Das Einsparziel bei den Arbeitskosten liegt bei 800 Millionen Euro. Ohne eine Einigung droht laut Quelle die Schließung zweier deutscher Werke.
Die Aktie kennt seit Monaten nur eine Richtung
Die Stimmung an der Börse ist angespannt. Der Absatz in China befindet sich im freien Fall, der Börsenwert bewegt sich um 40 Milliarden Euro. Rechnerisch entspricht das in etwa der Summe aus der Liquidität des Unternehmens und dem Anteil an Daimler Trucks. Das laufende Aktienrückkaufprogramm scheint zu verpuffen, die Aktie zeigt seit Monaten nur nach unten.
Zur Einordnung: Im Jahr 2022 galt für die Pkw-Sparte noch die Vorgabe einer Umsatzrendite von nicht unter acht Prozent. Für 2026 rechnet das Unternehmen für die Pkw-Sparte inzwischen mit einer bereinigten Umsatzrendite von zwei bis drei Prozent – statt bislang drei bis fünf Prozent. Diese Lücke erklärt, warum der Kapitalmarkt auf jede Personalentscheidung so genau schaut.
Die Jubiläumsfeier fällt in unruhige Zeiten
Mitten in diese Phase fällt das 140-jährige Bestehen von Mercedes, das mit 15.000 Menschen gefeiert wird. Die historischen S-Klasse-Modelle Bertha, Carl und Gottlieb kehren ins Museum zurück; seit Januar waren sie auf einer Reise durch 55 Länder unterwegs. Begleitet wurden sie von 140 weiteren historischen und aktuellen Fahrzeugen. Die Bilder von gestern dürften die offenen Fragen von heute kaum überdecken.
