Großbritanniens Gasverbrauch dürfte wegen Rechenzentren bis 2035 stark steigen
Der KI-Boom treibt den Strombedarf britischer Rechenzentren; viele Entwickler weichen auf Gas aus, weil Netzanschlüsse bis 2034 fehlen.

Großbritanniens Gasverbrauch dürfte in den kommenden Jahren deutlich steigen. Auslöser ist der enorme Stromhunger neuer Rechenzentren, die im Zuge des KI-Booms entstehen. Weil der Anschluss an das nationale Stromnetz vielerorts Jahre dauert, weichen Entwickler zunehmend auf gasbetriebene Kraftwerke aus. Nach Angaben von National Gas, dem Eigentümer der britischen Gasetransportleitungen, ist die Zahl der großen Rechenzentrumsprojekte, die sich für einen Gasanschluss interessiert haben, von fünf im vergangenen Jahr auf heute 24 gestiegen. Über diese Entwicklung berichtet die Financial Times (FT Markets).
Ein besonders anschauliches Beispiel ist der geplante Quest Park Data Centre Campus des Immobilienentwicklers David Kohler in Bedfordshire. Kohler, ehemaliger Vorsitzender des Fußballvereins Luton Town, steigt damit in den KI-Boom ein. Das Vorhaben wäre eines der größten Rechenzentren Großbritanniens. Es gibt allerdings ein Problem: Bis 2034 besteht nach Angaben des Berichts kein Platz, um es an das britische Stromnetz anzuschließen.
Das 720-MW-Projekt könnte jedoch früher an Hochdruck-Gaspipelines angeschlossen werden, die in der Nähe des Standorts verlaufen. Deshalb schlägt der Entwickler vor, ein mit Gas betriebenes Kraftwerk zu errichten, das das Vorhaben zumindest in seiner ersten, kleineren Phase versorgen würde. Rechenzentren, die es dennoch schaffen, ans Netz zu gelangen, beziehen ihren Strom aus dem britischen Mix aus Erneuerbaren, Kernkraft und Gas – was die Gasnachfrage erhöht, einzeln betrachtet aber in geringerem Maße.
Aurora Energy Research erwartet bis 2035 bis zu 40 Terawattstunden zusätzlichen Gasstrom
In der Summe könnte die britische Stromerzeugung aus Gas bis 2035 um 40 Terawattstunden steigen. Das entspricht 44 Prozent der gasbefeuerten Stromerzeugung des Vorjahres. Zu diesem Ergebnis kommt Marten Ford von Aurora Energy Research für den Fall, dass sich das Wachstum der Rechenzentren beschleunigt – es sei denn, die Erneuerbaren wachsen schneller als in den aktuellen Plänen vorgesehen. „Ohne umfassendere Maßnahmen könnte die erhöhte Bereitstellung von Rechenzentren den Gasverbrauch und damit die CO2-Emissionen erhöhen", sagte Ford.
Die Schätzungen von Aurora gehen davon aus, dass die meisten vorgeschlagenen Rechenzentren spekulativ sind und nicht gebaut werden. Sollten sie doch gebaut werden, wäre der Anstieg des Gasverbrauchs noch höher. Wie die stromhungrigen Rechenzentren ihren Strom beziehen, steht im Mittelpunkt des KI-Booms.
Greg Jackson von Octopus Energy nennt die reine Gas-und-Kernkraft-These „Blödsinn"
Greg Jackson, Chief Executive des größten britischen Gas- und Stromversorgers Octopus Energy, hat die Idee, dass nur Gas- und Kernkraftwerke die Nachfrage der Rechenzentren decken können, als „Blödsinn" bezeichnet. Er hat vorgeschlagen, Rechenzentren in Schottland anzusiedeln, um die zahlreichen Windparks des Landes zu nutzen. Der britische Strommarkt bietet dafür jedoch keine ausreichenden Anreize, da viele Entwickler nah an ihren Kunden in London sein wollen.
Wo immer sie auch stehen: Die meisten Rechenzentrumsentwickler würden es vorziehen, an das nationale Stromsystem anzuschließen. Die Nachfrage ist jedoch so hoch, dass der Prozess Jahre dauern kann. Aufgrund von Planungs-, Regulierungs-, Kosten- und Arbeitskräftemängeln hat sich eine Warteschlange gebildet. Beamte versuchen, diese Warteschlange zu beschleunigen und spekulative Projekte auszuschließen.
„Für die meisten [Entwickler] wird die Priorität darin liegen, sich mit der Reform der Anschlussnachfrage auseinanderzusetzen, um sicherzustellen, dass wir die Politik richtig gestalten, damit sie schneller anschließen können", sagte Katie Berriman-Davies, Leiterin der Energie- und Infrastrukturpolitik bei der Handelsvereinigung Tech UK.
Entwickler prüfen Wind, Solar, Brennstoffzellen und kleine Kernreaktoren
Für Entwickler, die ihre eigenen Stromversorgungen bauen, gibt es kohlenstoffarme Optionen. Dazu zählen Wind, Solar, Brennstoffzellen und kleine modulare Kernreaktoren (SMRs). „Wir erforschen eine ganze Reihe von Projekten", sagte Sam Nicole, Direktor im Energieteam der Immobilienberater Savills. Drax, dessen holzgefeuertes Kraftwerk in Yorkshire etwa 5 Prozent des britischen Stroms erzeugt, plant ein Rechenzentrum auf dem Gelände.
Gas bleibt für einige Projekte dennoch die bevorzugte Alternative zum Netz. Gründe sind die Platzanforderungen und die Volatilität von Wind und Solar, die Kosten für Stromspeicher, die Tatsache, dass SMRs noch weit von einer kommerziellen Einführung entfernt sind, und die schnelle Verfügbarkeit von Gaspipelines. „Der Weg zu gasbefeuertem Strom ist kürzer als der Weg zu dauerhafter Netzanschlusskapazität", sagte Alan Fotheringham, Direktor für Low-Carbon-Marktlösungen bei den Beratern Jacobs. Optionen wie Biomethan, CO2-Abscheidung und Wasserstoff könnten langfristig in Quest Park und anderen Projekten eingeführt werden, bemerkte er.
Zu den weiteren Vorhaben, die erwägen, bis zum Erhalt ihres Netzanschlusses ein gasbefeuertes Kraftwerk zu bauen, gehören der von SDC Capital Partners entwickelte 3-Milliarden-Pfund-Campus SDC M40 in Buckinghamshire und der vorgeschlagene Rechenzentrumsstandort von Curtis Hall in Cardiff. Das zeigen Planungsdokumente.
Die Regierung will strategisch wichtigen Rechenzentren Gaskraftwerke erlauben
Die Regierung reagierte letzte Woche mit einem Vorschlag, der strategisch wichtigen Rechenzentren erlaubt, gasbefeuerte Stromerzeugung zu nutzen – solange der Entwickler im langfristigen Plan vorsieht, zum Netz zu wechseln. Der Vorschlag ging einher mit einem neuen „Covenant" für Rechenzentren, über den erstmals die FT berichtete. Darüber hinaus müssten die Emissionen eines Kraftwerks nicht individuell gegen Klimaziele geprüft werden; die Regierung würde diese stattdessen auf nationaler Ebene regeln.
Natascha Hospedales, KI-Leiterin bei der Umweltrechtsorganisation ClientEarth, argumentierte, die Vorschläge der Regierung würden eine „starke Prämisse zugunsten des Baus von Rechenzentren ohne Festlegung gleich starker Umweltschutzgrenzen" etablieren.
Es herrscht große Unsicherheit darüber, wie viele Rechenzentren tatsächlich gebaut werden. Berater schätzen, dass nur 10–20 Prozent der enormen 73 GW an Rechenzentren in der Stromnetz-Warteschlange realisiert werden. Auf jeden Fall wird das System zusätzlich belastet. Tom Edwards, Analyst bei Cornwall Insight, sagte, dass bestehende gasbefeuerte Kraftwerke je nach Ausbaugeschwindigkeit häufiger betrieben werden müssten. Ford von Aurora Energy Research verwies auf neue Regeln in Irland, die vorschreiben, dass Rechenzentren 80 Prozent ihres Stroms aus Erneuerbaren beziehen müssen, als potenzielles Modell zur Förderung von Erneuerbaren.
Steve Jack, Leiter des Geschäfts für Energie- und Infrastrukturkapitalmärkte von JLL in Europa, sagte, die Nummer-eins-Anfrage seiner Kunden laute: „Helfen Sie mir, das Netzproblem zu lösen, helfen Sie mir, Strom zu finden."
Bereits im Februar 2026 warnte der Netzbetreiber NESO vor falsch platzierten Rechenzentren
Bereits am 11.02.2026 berichtete aktien.news, dass der britische Netzbetreiber NESO Alarm schlägt: Falsch platzierte Rechenzentren könnten die Energiekosten für Verbraucher in die Höhe treiben und die Versorgungssicherheit gefährden. NESO-Chef Fintan Slye warnte auf der IE Week 2026 in London eindringlich vor den Risiken unkoordinierter Rechenzentrumsansiedlungen. Große Rechenzentren mit einem Strombedarf von über einem Gigawatt sollten nach Slyes Vorschlag bevorzugt in Schottland oder anderen Regionen mit starker Windkraft errichtet werden.
Am 06.08.2026 berichtete aktien.news über einen exklusiven Bericht des Nachhaltigkeits-Thinktanks RMI, wonach Überinvestitionen in Gasressourcen die Stromrechnung eines durchschnittlichen US-Haushalts um 94 bis 118 Dollar pro Jahr erhöhen könnten. Am 28.06.2026 beschrieb aktien.news, wie der KI-Boom eine der größten Infrastrukturoffensiven der modernen Wirtschaftsgeschichte auslöst und Hyperscaler wie Microsoft, Google, Amazon und Oracle massiv in zuverlässige Stromversorgung investieren. Am 16.09.2026 berichtete aktien.news über wachsenden Widerstand gegen KI-Rechenzentren in den USA und Großbritannien; in den USA forderte der demokratische Senator Bernie Sanders ein Moratorium für jeden neuen Bau.
Für Anleger steht die Frage der Stromversorgung im Zentrum des KI-Booms
Für deutsche Privatanleger ist die Entwicklung vor allem ein Infrastrukturthema. Der Bericht zeigt, dass der Ausbau der Rechenzentren nicht allein von Chips und Software abhängt, sondern von der Verfügbarkeit von Strom und Netzkapazität. Gasinfrastruktur, Kraftwerksbetreiber und Netzbetreiber rücken damit stärker in den Fokus, während die Unsicherheit über die tatsächliche Realisierung der Projekte hoch bleibt. Berater schätzen, dass nur 10–20 Prozent der 73 GW in der Warteschlange realisiert werden.
Zugleich wächst der politische und regulatorische Druck. Die Regierung will strategisch wichtigen Rechenzentren Gaskraftwerke erlauben, Umweltorganisationen kritisieren dies. In Irland gelten bereits Regeln, wonach Rechenzentren 80 Prozent ihres Stroms aus Erneuerbaren beziehen müssen. Solche Vorgaben könnten die Nachfrage nach Wind- und Solarprojekten stützen.
Die Regierung will die Warteschlange beschleunigen und spekulative Projekte ausschließen
Beamte versuchen laut Bericht, die Warteschlange für Netzanschlüsse zu beschleunigen und spekulative Projekte auszuschließen. Der jüngste Regierungsvorschlag erlaubt strategisch wichtigen Rechenzentren gasbefeuerte Stromerzeugung, solange der Entwickler im langfristigen Plan den Wechsel zum Netz vorsieht. Ob und wie viele der angekündigten Projekte tatsächlich gebaut werden, bleibt offen.
Diese Fachbegriffe helfen beim Verständnis des Berichts
- Rechenzentrum: Eine Anlage, in der zahlreiche Server dauerhaft betrieben werden und die deshalb sehr viel Strom benötigt.
- Netzanschluss: Die technische Verbindung eines Großverbrauchers mit dem öffentlichen Stromübertragungsnetz.
- SMR: Ein kleiner modularer Kernreaktor, der als kompakte Alternative zu großen Kernkraftwerken gilt.
