EZB: Eurozone integriert sich schneller mit den USA als untereinander
EZB-Vizepräsident Boris Vujcic warnt in Dublin, europäische Sparmittel flössen zunehmend in die USA, während nationale Grenzen Investitionen im Euroraum fragmentieren.

DUBLIN, 2. November (Reuters) – Die Länder der Eurozone integrieren sich schneller mit den Vereinigten Staaten als untereinander. Das sagte der Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Boris Vujcic, am Montag bei einer Finanzkonferenz in Dublin. Zugleich warnte er, dieser Trend mache die Europäische Union in Zeiten steigender geopolitischer Spannungen anfälliger für wirtschaftliche Schocks.
Die Bemerkung unterstreicht ein Paradoxon im Kern des langjährigen Bestrebens der Europäischen Union, einen echten Binnenmarkt für Kapital zu schaffen. Europäische Sparmittel fließen zunehmend in die USA, während nationale Grenzen die Investitionen innerhalb des Blocks weiterhin fragmentieren. Vujcic machte damit ein Thema zum Gegenstand einer Grundsatzrede, das seit Jahren auf der Agenda der EU steht.
Unter Verweis auf EZB-Forschungsergebnisse erklärte Vujcic, die geschätzten Hindernisse für grenzüberschreitende Aktieninvestitionen zwischen der Eurozone und den Vereinigten Staaten seien seit 2014 um ein Viertel gesunken. Das ist mehr als doppelt so stark wie der Rückgang der Hindernisse innerhalb des Euroraums. Anders formuliert: Der Weg des europäischen Kapitals über den Atlantik ist zuletzt deutlich glatter geworden als der Weg zwischen den Mitgliedstaaten der Währungsunion.
Die Hürden für Aktieninvestitionen in die USA sinken doppelt so schnell wie im Euroraum
"Erstaunlicherweise integrieren wir uns schneller mit den Vereinigten Staaten als miteinander", sagte Vujcic in Dublin. Die Zahlen, auf die er sich beruft, stammen aus der Forschungsarbeit der Notenbank und vergleichen zwei Entwicklungen: den Abbau von Barrieren bei grenzüberschreitenden Aktieninvestitionen gegenüber den USA und den Abbau entsprechender Barrieren zwischen den Ländern der Währungsunion. Der erste Wert fiel seit 2014 um ein Viertel, der zweite um weniger als die Hälfte davon.
Für Anleger ist dabei weniger der absolute Wert interessant als das Verhältnis der beiden Größen. Es beschreibt, wohin europäisches Erspartes wandert, wenn Grenzen innerhalb Europas bestehen bleiben. Die EZB-Forschung liefert damit eine quantitative Untermauerung für ein Muster, das die Notenbank nun selbst offen als integrationspolitisches Problem benennt.
Unternehmen mit überwiegend inländischen Aktionären kürzten ihre Investitionen um rund 20 Prozent stärker
Vujcic verwies zudem auf Hinweise, dass die fragmentierten europäischen Kapitalmärkte die Wirtschaft weniger widerstandsfähig machen. Konkret zeigen EZB-Forschungen, dass Unternehmen mit überwiegend inländischen Aktionären ihre Investitionen während des COVID-19-Schocks etwa 20 Prozent stärker kürzten als Vergleichsunternehmen mit internationaler Investorenbasis. Der Unterschied in der Reaktion war also messbar – und er hing an der Zusammensetzung der Eigentümerstruktur, nicht an einer einzelnen Branche.
Ein zweiter Befund kommt hinzu: Europäische Unternehmen neigten dazu, ihre Investitionen zurückzufahren, wenn die Ölpreise steigen – im Gegensatz zu US-Unternehmen. In beiden Fällen zeigt sich dasselbe Muster: Wenn die Finanzierung breiter gestreut ist, gerät die Investitionstätigkeit bei einem Schock weniger schnell unter Druck.
"In einem fragmentierten Europa wird die Investition zur Anpassungsgröße, sobald ein Schock eintritt", sagte Vujcic. "Das ist zunächst ein Problem der Widerstandsfähigkeit und erst danach ein Wachstumsproblem." Die Reihenfolge dieser beiden Punkte ist der Kern seiner Argumentation: Bevor über Wachstumseffekte gesprochen werden kann, geht es aus Sicht der EZB um die Frage, wie stark ein Schock die Investitionstätigkeit einer Volkswirtschaft durchschlägt.
Im Januar 2026 hatte die EZB ihre Zusammenarbeit mit der US-Notenbank als Routine bezeichnet
Die Aussagen vom Montag fallen in eine Phase, in der die Notenbank die transatlantischen Finanzbeziehungen ohnehin regelmäßig kommentieren muss. Am 15.01.2026 berichtete aktien.news, dass die EZB ungeachtet der politischen Spannungen in Washington an ihrer engen Zusammenarbeit mit der US-Notenbank Federal Reserve festhält. EZB-Vizepräsident Luis de Guindos sagte damals in einem Interview mit Politico, die Zusammenarbeit mit der Fed sei bislang normal verlaufen, "business as usual". Auch die Währungs-Swap-Linien zwischen den Zentralbanken waren Thema.
Bereits am 16.02.2026 berichtete aktien.news über einen Vorstoß der europäischen Finanzpolitik: Die Finanzminister der Eurozone trafen sich in Brüssel, um über die Zukunft des Euro als internationale Währung zu beraten. Ziel war es, Europa widerstandsfähiger gegenüber dem wirtschaftlichen Druck aus den Vereinigten Staaten und China zu machen. Die Europäische Kommission hatte dazu einen Katalog mit elf Maßnahmen vorgelegt. Im Zentrum stand der Abbau interner Handelsschranken innerhalb der EU – nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds entsprechen diese Hürden einem Zoll von 44 Prozent auf Waren und sogar 110 Prozent auf Dienstleistungen. Ein weiterer Punkt war die Einführung eines einheitlichen Gesellschaftsrechts.
Am 09.06.2026 meldete aktien.news, dass Europas Investitionslücke einer Analyse des Beratungsunternehmens Oliver Wyman im Auftrag des Europäischen Bankenverbands (EBF) zufolge auf 1,4 Billionen Euro jährlich gewachsen ist. 2024 lag die Schätzung noch bei 800 Milliarden Euro, 2025 bei 1,2 Billionen Euro. Der steigende Finanzierungsbedarf entfällt demnach auf Energie, Verteidigung, Digitalisierung und Industriekapazitäten.
Und am 18.09.2026 berichtete aktien.news, dass Vujcic selbst die Zinsspekulationen der Märkte bremste. Die Erwartungen weiterer Zinserhöhungen der EZB wurden damals maßgeblich durch steigende Energiepreise getrieben; bei der Entscheidung über die nächsten Schritte wollten die Währungshüter jedoch eine deutlich breitere Palette wirtschaftlicher Indikatoren berücksichtigen, so Vujcic gegenüber Reuters. Der sich ausweitende Konflikt im Nahen Osten trieb die Kraftstoffkosten in der Währungsunion in die Höhe.
Für deutsche Anleger geht es um die Frage, wo europäisches Erspartes investiert wird
Die Dubliner Befunde betreffen Privatanleger mittelbar, aber konkret. Wenn Hindernisse für grenzüberschreitende Aktieninvestitionen innerhalb des Euroraums langsamer abgebaut werden als gegenüber den USA, bleibt die Aktienanlage in Europa stärker an nationale Märkte gebunden. Die von Vujcic zitierten EZB-Zahlen zeigen zudem, dass diese Bindung in Krisen nicht neutral ist: Firmen mit überwiegend inländischen Aktionären reagierten während des COVID-19-Schocks mit stärkeren Investitionskürzungen als Vergleichsunternehmen mit internationaler Investorenbasis.
Der zweite Befund – die stärkere Zurückhaltung europäischer Unternehmen bei steigenden Ölpreisen – verweist auf einen zweiten Übertragungskanal. Energiepreise wirken damit in Europa stärker auf Investitionsentscheidungen als in den USA. Für Depotanleger bedeutet das, dass die Eigentümerstruktur und der regionale Anlegerkreis eines Unternehmens als Risikofaktor relevant werden können, wenn die Finanzierung eines Unternehmens eng am Heimatmarkt hängt. Eine Anlageempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten; es handelt sich um eine Beschreibung der Mechanismen, die die EZB-Forschung abbildet.
Die EU-Kommission verfolgt mit elf Maßnahmen bereits eine eigene Agenda für den Kapitalmarkt
Einen konkreten Zeitplan für neue Initiativen nannte Vujcic in seiner Dubliner Rede nach Darstellung der Nachrichtenagentur Reuters nicht. Der Ausblick bleibt damit an bestehenden Vorhaben hängen: Der von der EU-Kommission vorgelegte Katalog mit elf Maßnahmen zur Stärkung des Euro als internationale Währung umfasst den Abbau interner Handelsschranken und ein einheitliches Gesellschaftsrecht. Parallel beziffert der Europäische Bankenverband den jährlichen Finanzierungsbedarf in Schlüsselbereichen auf 1,4 Billionen Euro. Der Europäischen Zentralbank liefert ihre Forschung zu grenzüberschreitenden Aktieninvestitionen und zur Investitionsreaktion von Unternehmen in Schocks die Datengrundlage für diese Debatte.
Drei Begriffe aus dem Artikel
- Kapitalmarktunion: Sie bezeichnet das Ziel der EU, einen einheitlichen Binnenmarkt für Kapital zu schaffen, in dem Sparmittel innerhalb des Blocks frei und ohne nationale Hürden investiert werden können.
- Fragmentierung: Damit ist die Zersplitterung von Finanzmärkten entlang nationaler Grenzen gemeint, die grenzüberschreitende Investitionen erschwert und Kapital im Inland bindet.
- Resilienz: Der Begriff beschreibt die Widerstandsfähigkeit einer Volkswirtschaft, einen wirtschaftlichen Schock zu verkraften, ohne dass Investitionen und Wachstum übermäßig stark einbrechen.
