BoE vor Zinserhöhung auf 4 Prozent: ING und Goldman sehen mehr
Die Bank of England dürfte am Donnerstag um 25 Basispunkte auf 4 Prozent anheben; ING und Goldman Sachs rechnen im Februar mit einem weiteren Schritt.

Die Bank of England (BoE) wird an diesem Donnerstag weithin erwartet, ihren Leitzins um 25 Basispunkte auf 4 Prozent anzuheben. Sowohl die Ökonomen von ING als auch die von Goldman Sachs gehen in ihren aktuellen Prognosen von diesem Schritt aus. Beide Institute erwarten zudem ein Abstimmungsergebnis von 7 zu 2 im geldpolitischen Ausschuss der Notenbank.
Von zuletzt 3,75 Prozent würde der Leitzins damit auf 4 Prozent steigen. Die beiden abweichenden Stimmen werden nach Einschätzung der Institute von Swati Dhingra und Alan Taylor kommen. James Smith, Ökonom für entwickelte Märkte bei ING, erklärte, die beiden „seien zutiefst skeptisch gegenüber der Notwendigkeit höherer Zinssätze“.
Zwei Ausschussmitglieder stimmen voraussichtlich gegen die Erhöhung
Das Abstimmungsergebnis von 7 zu 2 ist für beide Häuser ein zentraler Bestandteil ihrer Prognose. Es zeigt, dass die Skepsis gegenüber einer weiteren Straffung innerhalb des Ausschusses nicht verschwunden ist, auch wenn die Mehrheit den Schritt mitträgt. Für die Interpretation der Entscheidung ist das insofern relevant, als eine knappe Mehrheit die Wahrscheinlichkeit weiterer Schritte verringern würde – eine Konstellation, die beide Institute derzeit nicht erwarten.
Die Ökonomen von Goldman Sachs, angeführt von James Moberly, begründen ihre Erwartung mit steigenden Energiepreisen, robusteren Aktivitätsdaten sowie jüngsten Signalen von Gouverneur Andrew Bailey und den stellvertretenden Gouverneuren, die Offenheit für eine Straffung der Geldpolitik erkennen ließen. Diese Mischung aus externem Preisdruck und besser als erwartet laufender Konjunktur gibt den Ausschlag für die Prognose.
ING begründet den Schritt mit Risiken, nicht mit der aktuellen Datenlage
Smith betonte, dass es bei dem Schritt um Risiken gehe, nicht um aktuelle Daten. Die Bank „erhöhe die Zinsen nicht, weil die wirtschaftlichen Daten dies nahelegen, sondern aufgrund der Risiken, die durch deutlich gestiegene Energiepreise entstehen“, schrieb er. Bisher gebe es kaum Anzeichen für sekundäre Effekte, wobei das Lohnwachstum im privaten Sektor bei 3,4 Prozent liege. Allerdings sei eine Inflation von 4 Prozent eine Grenze, die die BoE als risikoreich eingestuft habe.
Für die Inflationsentwicklung rechnet ING damit, dass die Gesamtinflation Anfang nächsten Jahres leicht über 4 Prozent ihren Höhepunkt erreichen wird. Unterstützt wird diese Erwartung durch einen Anstieg der Obergrenze für die Energiepreise privater Haushalte um rund 25 Prozent im Januar.
Goldman Sachs erwartet einen kurzfristigen Inflationsgipfel von etwa 4,5 Prozent
Die US-Investmentbank geht davon aus, dass die neuen Prognosen der Bank einen höheren kurzfristigen Inflationsgipfel von etwa 4,5 Prozent im ersten Halbjahr 2027 zeigen werden. Zugleich erwartet Goldman ein stärkeres mittelfristiges Unterschreiten der Zielmarke, begründet mit einem höheren Pfad für den Bank Rate. Das Institut sieht die Konjunkturaktivität robuster als erwartet und veranschlagt das Wachstum im dritten Quartal bei 0,7 Prozent – drei Zehntel über der Schätzung der BoE. Zudem wurde gemeldet, dass die Arbeitslosenquote im August unerwartet gesunken ist.
Mit Blick auf die weitere Entwicklung sagte Smith, es gebe „wenig Vorbilder für ‚one-and-done'-Zinserhöhungen“, und merkte an, dass die Bank dies möglicherweise vermeiden werde. Er erwartet eine unverbindliche Leitlinie. Eine hawkische Überraschung würde nach seiner Einschätzung nur dann eintreten, wenn die Bank signalisiert, dass „eine weitere Straffung“ wahrscheinlich ist.
Goldman Sachs rechnet inzwischen mit einer zweiten Erhöhung auf 4,25 Prozent im Februar. Begründet wird dies mit anhaltendem Energiedruck sowie stärkeren Aktivitäts- und Arbeitsmarktdaten. Zugleich erwarten die Ökonomen, dass die Leitlinien keine klare Richtung vorgeben werden.
Die Märkte preisen mehr Zinserhöhungen ein, als beide Institute für plausibel halten
Beide Institute sind der Ansicht, dass die Märkte über die erwarteten Schritte hinausgegangen sind. Smith wies darauf hin, dass bis zur gleichen Zeit im kommenden Jahr mehr als vier Zinserhöhungen einkalkuliert seien. Er betonte, dass Chefökonom Huw Pill angedeutet habe, eine solche Marktbewertung erscheine unwahrscheinlich. Die Ökonomen von Goldman Sachs stufen die Marktpreisbildung für mehr als 100 Basispunkte an Straffung im Laufe des nächsten Jahres als „zu hoch“ ein. Sie verweisen dabei auf in Grenzen gehaltene Lohnwirkungen und einen erwarteten Abschwung der Konsumentenausgaben im Winter.
Für das Pfund Sterling spricht derzeit die Zinserwartung
Smith fügte hinzu, dass das Pfund Sterling vor dem Hintergrund der Zinserwartungen gut notiere. Der EUR/GBP sei in etwa einem Monat um fast 4 Prozent gefallen, und Spekulanten hielten weiterhin erhebliche Short-Positionen im Pfund. Für den Devisenmarkt ist damit die Zinsdifferenz zwischen London und Frankfurt derzeit der bestimmende Faktor.
Bereits Mitte September hatten die Märkte noch mit unveränderten Zinsen gerechnet
Die Verschiebung der Erwartungen lässt sich an der bisherigen Berichterstattung von aktien.news nachvollziehen. Bereits am 14.09.2026 berichtete aktien.news, dass die Märkte für die damals anstehende Sitzung am Donnerstag mehrheitlich von einem unveränderten Leitzins von 3,75 Prozent ausgingen – bei explodierenden Ölpreisen, die infolge der eskalierenden Konflikte im Nahen Osten die Marke von 100 US-Dollar pro Barrel überschritten hatten. Am 25.09.2026 berichtete aktien.news, dass mehrere hochrangige Entscheidungsträger eine Abkehr von der abwartenden Haltung signalisierten; Sarah Breeden, stellvertretende Gouverneurin für Finanzstabilität, machte die veränderte Haltung bei einem Forum des National Institute of Economic and Social Research (NIESR) deutlich, und der Fokus richtete sich auf die Sitzung im November. Am 22.09.2026 berichtete aktien.news, dass die Deutsche Bank statt „keine weiteren Erhöhungen“ nun zwei Anhebungen um jeweils einen halben Prozentpunkt im November und Februar erwartet und diese als „Versicherungszinserhöhungen“ (insurance hikes) einordnet, nicht als Beginn eines anhaltenden Verschärfungszyklus.
Für deutsche Anleger ist vor allem der EUR/GBP-Kurs relevant
Wer in britischen Pfund engagiert ist oder britische Aktien hält, sollte die Kombination aus Zinserwartung und Marktpreisbildung im Blick behalten. Beide Institute halten die aktuelle Marktpreisbildung für zu hoch, und beide erwarten eine unverbindliche Leitlinie der Notenbank. Daraus ergibt sich ein Spannungsfeld: Die Zinserwartung stützt das Pfund, die von ING und Goldman erwartete Kommunikation liefert aber keine Bestätigung für den eingepreisten Pfad. Smith verweist zudem auf die erheblichen Short-Positionen im Pfund, die bei einer Enttäuschung über die Leitlinie relevant werden könnten. Auf der Inflationsseite bleibt das Lohnwachstum im privaten Sektor mit 3,4 Prozent der zentrale Indikator dafür, ob sich der Preisdruck verselbstständigt – bislang sehen die Institute dafür kaum Anzeichen.
Die nächste Sitzung im Februar entscheidet über den zweiten Schritt
ING und Goldman Sachs erwarten übereinstimmend eine weitere Erhöhung im Februar, Goldman beziffert den Zielwert auf 4,25 Prozent. Als Treiber gelten der anhaltende Energiedruck, die robustere Aktivität und die jüngsten Arbeitsmarktdaten. ING rechnet damit, dass die Gesamtinflation Anfang nächsten Jahres leicht über 4 Prozent ihren Höhepunkt erreicht, getragen von einem Anstieg der Energiepreisobergrenze für private Haushalte um rund 25 Prozent im Januar. Goldman erwartet in den neuen Prognosen der Bank einen kurzfristigen Inflationsgipfel von etwa 4,5 Prozent im ersten Halbjahr 2027. Ob die Notenbank in ihrer Leitlinie eine weitere Straffung signalisiert, entscheidet nach Einschätzung von Smith darüber, ob es zu einer hawkischen Überraschung kommt.
Drei Fachbegriffe helfen beim Einordnen der Entscheidung
- Basispunkt: Ein Basispunkt ist der hundertste Teil eines Prozentpunkts und die übliche Einheit für Änderungen von Notenbankzinsen.
- Bank Rate: Die Bank Rate ist der von der Bank of England festgelegte Leitzins, an dem sich die kurzfristigen Zinsen im Vereinigten Königreich orientieren.
- Tauben und Falken: Als Tauben gelten Notenbanker, die eine lockere Geldpolitik bevorzugen, als Falken solche, die auf straffere Zinsen und Inflationsbekämpfung dringen.
