US-Zwischenwahlen: Börsenrekorde treffen auf tiefe Inflationsfrustration der Wähler
Kurz vor den Midterms prallen Rekorde an der Börse und niedrige Arbeitslosigkeit auf gestiegene Energiepreise und historisch schlechte Verbraucherstimmung.

Kurz vor den US-Zwischenwahlen steht die wirtschaftliche Stimmung der Amerikaner im Fokus. Das Land steht vor der Entscheidung, ob die Republikaner von Präsident Donald Trump ihre Kongressmehrheit verteidigen können. Die öffentliche Wahrnehmung ist dabei von tiefer Skepsis geprägt: Viele Wähler machen Trumps Politik – insbesondere die Zölle und den Krieg gegen den Iran – für die anhaltende Inflation verantwortlich.
Die ökonomischen Daten zeichnen dagegen ein differenziertes Bild. Auf der einen Seite steht eine historisch niedrige Arbeitslosenquote von 4,2 % (Stand September), die seit fünf Jahren nicht über 4,5 % gestiegen ist. Auch der Aktienmarkt verzeichnete unter Trump Rekordhochs, getrieben durch den KI-Investitionsboom und solide Unternehmensgewinne. Der S&P 500 legte in Trumps zweiter Amtszeit um über 26 % zu.
Von diesen Zuwächsen profitierten insbesondere wohlhabendere Haushalte. Der Kontrast zur Stimmung breiter Bevölkerungsschichten ist dennoch eklatant: Während das Vertrauen in die Makroökonomie laut Conference Board im Oktober leicht stieg, verzeichnete die University of Michigan ein historisch niedriges Konsumentensentiment. Brian Jacobsen von Annex Wealth Management erklärt den Unterschied damit, dass das Sentiment die persönliche finanzielle Lage widerspiegelt, während das Vertrauensbarometer eher die Märkte abbildet.
Die Energiepreise treiben seit dem Iran-Krieg die Inflation im ganzen Land
Für viele Haushalte ist die Realität ernüchternd. Seit Beginn des Iran-Krieges sind die Energiepreise massiv gestiegen. Benzinpreise liegen erstmals vor einer Wahl über 4 Dollar pro Gallone, und die Dieselpreise haben Rekordhöhen erreicht. Das befeuert die Transportkosten und damit die Inflation im gesamten Land – ein Effekt, der sich durch die gesamte Lieferkette zieht und praktisch jeden Warenkorb verteuert.
Hinzu kommt, dass die Entlastung bei den Treibstoffen nicht in Sicht ist. Die Quelle nennt keine Prognose für eine Entspannung an den Tankstellen, sondern beschreibt die aktuelle Belastung als Resultat des Konflikts, der die Energieversorgung und damit die Preise bestimmt. Für Wähler mit geringem Einkommen sind die Fahrtkosten zur Arbeit damit ein direkter, täglich spürbarer Kostenfaktor.
Die Hypothekenzinsen sind wieder auf über sieben Prozent gestiegen
Besonders kritisch ist die Situation am Immobilienmarkt. Trotz eines Rückgangs der Hypothekenzinsen im ersten Jahr von Trumps Amtszeit sind diese mittlerweile wieder auf über 7 % für 30-jährige Kredite gestiegen. In Kombination mit den um 57 % gestiegenen Immobilienpreisen seit 2020 sind viele Amerikaner vom Wohneigentum ausgeschlossen.
Zwar verfügen Eigenheimbesitzer über ein Rekordkapital von 35 Billionen Dollar. Für den täglichen Konsum ist dieses „Papiervermögen“ jedoch kaum nutzbar. Der Buchgewinn auf dem Eigenheim hilft nicht beim Bezahlen der Tankrechnung oder des Wocheneinkaufs – und genau diese Ausgaben bestimmen das Gefühl von Kaufkraft im Alltag.
Die Inflation hat in den letzten sechs Monaten die Lohnzuwächse überholt
Die Kaufkraft bleibt damit ein zentraler Streitpunkt der politischen Auseinandersetzung. Löhne und Preise sind seit Januar 2025 beide um etwa 5,5 % gestiegen. Daten von NBC News zeigen allerdings, dass die Inflation in den letzten sechs Monaten die Lohnzuwächse überholt hat – real bleibt den Haushalten also weniger übrig, obwohl nominal mehr auf dem Konto eingeht.
Finanzminister Scott Bessent verteidigt die Wirtschaftspolitik dennoch als „gute Mischung“ aus Steuer-, Handels- und Regulierungsvorgaben. Die Federal Reserve unter Kevin Warsh versucht derweil, mit „monetärer Medizin“ – also weiteren Zinserhöhungen – die Inflation zu bekämpfen, ohne die Wirtschaft abzuwürgen. Dieser Kurs wirkt gleichzeitig auf die Baufinanzierung, weil höhere Leitzinsen die Hypothekenkonditionen zusätzlich belasten.
Die Federal Reserve hat im September die Leitzinsen erstmals seit drei Jahren angehoben
Der Blick in die jüngere Vergangenheit zeigt, wie lange sich der Druck bereits aufbaut. Bereits am 18.02.2026 berichtete aktien.news über das Phänomen der „Boomzession“, also die paradoxe Lage, in der makroökonomische Kennzahlen Wohlstand signalisieren, während viele Haushalte mit Rekordschulden und steigenden Lebenshaltungskosten kämpfen. Der Ökonom Matt Stoller hatte den Begriff geprägt. Laut einer Guardian-Harris-Umfrage vom Dezember glaubten fast 60 Prozent der Amerikaner fälschlicherweise, das Land befinde sich in einer Rezession – 11 Prozentpunkte mehr als Anfang 2025.
Am 10.10.2026 meldete aktien.news den dritten monatlichen Rückgang des Michigan-Index in Folge: von 48,1 Punkten im September auf 46,3 Punkte, während von Reuters befragte Ökonomen 47,8 erwartet hatten. Als Hauptursache galt die anhaltend hohe Inflation, die durch den Nahostkonflikt weiter angeheizt wurde; die Federal Reserve hatte im September die Leitzinsen zum ersten Mal seit drei Jahren angehoben. Am 15.10.2026 folgte die Nachricht, dass die Verbraucherpreise im September um 3,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr stiegen – nach 3,4 Prozent in den zwölf Monaten bis August und damit über den Prognosen der Wall Street.
Am 23.09.2026 zeichnete aktien.news in fünf Diagrammen nach, wie deutlich der Iran-Krieg die US-Wirtschaft verändert hat. Am 27. Februar, dem Tag vor den Angriffen der USA und Israels auf den Iran, befand sich die amerikanische Wirtschaft auf stabilem Kurs hin zu sinkender Inflation und steigender Kaufkraft: Benzin war günstig, die Zinssätze gingen zurück. Heute trifft keines dieser Dinge noch zu. Trotz Trumps Zusicherung im März, der Krieg werde sich als „kurzfristige Exkursion“ erweisen, näherte sich der Konflikt seinem siebten Monat.
Für deutsche Anleger ist die KI-Investitionsbereitschaft der entscheidende Unsicherheitsfaktor
Experten wie Torsten Slok von Apollo Global Management warnen vor einer Fragilität der bisherigen Erfolgsgeschichte: Ein Rückgang der KI-Erwartungen könnte Investitionen bremsen und die Wirtschaft in ein stagflationäres Umfeld führen. Für Anleger ist das relevant, weil der Kursanstieg des S&P 500 um über 26 % in Trumps zweiter Amtszeit maßgeblich vom KI-Investitionsboom und von soliden Unternehmensgewinnen getragen wurde – also von Faktoren, die stark an Erwartungen hängen.
Gleichzeitig bleibt die Belastung durch Energiepreise, Hypothekenzinsen über 7 % und die Zinserhöhungen der Federal Reserve bestehen. Die Quelle beschreibt damit ein Umfeld, in dem ein robustes Arbeitsmarktbild und Rekordstände an den Märkten mit einer historisch schwachen Verbraucherstimmung zusammenfallen. Eine Einordnung als Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Am Wahltag entscheidet sich, ob die Wähler den Makrodaten oder ihrem Alltag folgen
Der Ausblick hängt an wenigen, klar benannten Punkten. Am Wahltag wird sich zeigen, ob die Wähler eher auf die makroökonomischen Erfolge oder auf ihre persönliche finanzielle Belastung reagieren. Im Iran-Konflikt deutete Trump an, dass ein Abkommen nach den Midterm-Wahlen im November möglich sein könnte – ein Schritt, der nach der Logik der Quelle auf die Energiepreise wirken würde.
Auf der geldpolitischen Seite bleibt die Federal Reserve unter Kevin Warsh bei ihrer Linie, mit weiteren Zinserhöhungen die Inflation zu bekämpfen, ohne die Wirtschaft abzuwürgen. Beide Termine – die Wahl und eine mögliche Vereinbarung im Iran-Konflikt – sind damit die Größen, an denen sich die weitere Entwicklung der US-Wirtschaft entscheiden dürfte.
Die folgenden drei Begriffe helfen bei der Einordnung des Umfelds
- Stagflation: Eine Lage, in der die Wirtschaft kaum wächst, gleichzeitig aber die Preise deutlich steigen.
- Leitzins: Der Zinssatz, den eine Notenbank festlegt und der die Finanzierungskosten in der gesamten Wirtschaft beeinflusst.
- Konsumentensentiment: Die Stimmung der Verbraucher, die sich vor allem an der persönlichen finanziellen Lage orientiert.
