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Europas Industrie am Scheideweg: Warum keiner mehr folgen will

Chemiekonzern-Chef Hansen warnt beim Industriegipfel: Hohe Energiekosten und Bürokratie gefährden Wettbewerbsfähigkeit massiv.

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Europas Industrie am Scheideweg: Warum keiner mehr folgen will

Beim Europäischen Industriegipfel in Antwerpen schlagen mehr als 500 Unternehmenschefs Alarm. Ihre Botschaft an die Politik: Die europäische Industrie steht vor dem Kollaps, wenn nicht schnell gehandelt wird. Einen Tag vor den Reformberatungen der Regierungschefs nutzt die Branche die Bühne für einen eindringlichen Appell.

Niels H. Hansen, CEO des Hamburger Chemiekonzerns Hansen & Rosenthal mit 1,3 Milliarden Euro Umsatz, findet drastische Worte. In Deutschland verschwinden monatlich 10.000 Industriejobs. Bei H&R ist die Lage noch nicht dramatisch, doch der Druck wächst. Besonders die Produktionsstandorte in Salzbergen und Hamburg, wo chemisch-pharmazeutische Grundstoffe hergestellt werden, kämpfen mit massiven Wettbewerbsnachteilen.

Die Energiekosten liegen in Deutschland mittlerweile dreimal höher als in den USA. Hinzu kommen steigende CO2-Kompensationszahlungen, die die Produktion zusätzlich verteuern. Was früher ein Nachteil war, hat sich zu einem existenzbedrohenden Problem entwickelt.

Bürokratie wird zum Wettbewerbskiller

Die Genehmigungsverfahren für Anlagen dauern immer länger, die Reportinganforderungen von Wirtschaftsprüfern und Banken werden immer komplexer. Hansen verweist auf die USA unter Präsident Trump: Dort werden Behörden und Regeln abgeschafft, was Unternehmen das Leben erheblich erleichtert. Der internationale Wettbewerb verschärft sich dadurch massiv.

Besonders kritisch sieht Hansen die Situation mit China. Während Europa strenge Umweltstandards durchsetzt, ignoriert China diese weitgehend. 90 Prozent der chinesischen Grundwasservorkommen sind für Trinkwasser ungeeignet – Folge jahrzehntelanger Produktion ohne Umweltauflagen. Bei der Batterieherstellung würden Abwässer einfach in die Umwelt geleitet. Diese Wettbewerbsverzerrung werde viel zu wenig thematisiert.

Innovation allein reicht nicht mehr

Trotz leichter Konjunkturaufhellung bleibt Hansen skeptisch. Die grundstrukturellen Probleme bleiben bestehen. Selbst resiliente Unternehmen mit starken Mitarbeitern halten Investitionen zurück und verlagern sie aus Europa. Die aktuelle Entwicklung ist keine vorübergehende Schwäche, sondern ein struktureller Abstieg.

Europa habe kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem, betont der Chemie-Chef. Vor zwei Jahren definierte die Industrie konkrete Maßnahmen, die von verschiedenen Ländern und Parteien mitgetragen wurden. Das ernüchternde Ergebnis: 83 Prozent wurden nicht umgesetzt.

Der geplante Industriestrompreis und die Verlängerung kostenloser CO2-Zertifikate sind Schritte in die richtige Richtung. Doch der Strompreis in der aktuellen Fassung bringe keine spürbare Entlastung. Hansen fordert kostenlose CO2-Zertifikate bis 2050, um Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen und Klimaschutzinvestitionen zu ermöglichen.

Das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 basierte auf zwei Voraussetzungen: globale Beteiligung und ausreichend grüne, günstige Energie. Beide Bedingungen sind nicht erfüllt. Europa schwächt sich wirtschaftlich, ohne dass andere Regionen folgen. Die Konsequenz: "Heute will keiner in der Welt mehr Europa folgen. Schlicht, weil man sieht: Ihr verdient ja noch nicht mal anständig Geld."

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