Zukunftsbranchen per Sektor-ETF: Anleger sollten Angebote genau prüfen
Chip- und KI-Werte sind teuer geworden – fünf andere Branchen rücken in den Fokus, doch Branchen-ETFs haben Tücken.

Die Chip- und KI-Branche befindet sich seit Ende 2025 in einem anhaltenden Höhenflug. Wer jetzt noch einsteigen will, zahlt für Branchen-ETFs und Einzelaktien dieser Sparte nach Einschätzung der WirtschaftsWoche keine Schnäppchenpreise mehr. In der Titelgeschichte der vergangenen Woche sowie im Podcast „Leben mit Aktien" der WirtschaftsWoche diskutieren die Expertinnen und Experten deshalb eine These, die für Privatanleger interessant ist: Eine Kapitalverlagerung von KI-Titeln hin zu unterbewerteten Branchen könnte anstehen.
Der Grundgedanke ist einfach. Der KI-Hype hat andere Sektoren in günstige Einstiegspositionen gedrängt, weil sich das Kapital der Anleger überwiegend auf die bekannten Technologiewerte konzentriert hat. Julia Groth bringt die Überlegung im Podcast auf den Punkt: „Ich finde, es gibt gute Argumente dafür, sich zumindest langsam auch abseits von KI umzuschauen". Wer diesen Gedanken verfolgt, steht allerdings vor der Wahl zwischen Einzelaktien und Branchen-ETFs – und beide Wege haben sehr unterschiedliche Konsequenzen.
Bei Einzelaktien ist das Gewinnpotenzial im Erfolgsfall höher, weil der Anleger direkt an der Entwicklung eines Unternehmens partizipiert. Der Preis dafür ist ein deutlich größeres Risiko: Wer die falsche Aktie erwischt, verliert Geld, auch wenn die Branche insgesamt erfolgreich ist. Branchen-ETFs reduzieren genau dieses Risiko, weil die falsche Einzelaktie als Fehlerquelle wegfällt. Allerdings erkauft man sich diese Sicherheit mit einem anderen Problem, das viele Anleger unterschätzen.
Branchen-Indizes kosten mehr und sind schwächer gestreut als der Weltindex
Branchen-Indizes sind fast immer teurer als ein breiter Weltindex. Die laufenden Kosten, ausgedrückt als TER, liegen bei MSCI-World-ETFs oft unter 0,2 Prozent des Fondsvermögens pro Jahr. Bei Branchen-ETFs sind es meist mehr als 0,5 Prozent. Hinzu kommt eine schwache Risikostreuung: Die Top drei bis vier Aktien eines Branchen-ETF machen ein Viertel bis mehr als ein Drittel des Fonds aus. Ein Weltindex-ETF enthält dagegen meist über 1000 Einzelaktien. Christian W. Röhl beschreibt das Problem mit einem anschaulichen Bild: Ein Branchen-ETF sei ein „ETF-Eintopf", der sich als „Jagdrevier für Stock-Picking" entpuppen kann.
Biotech, Energie, Agrar, Robotik und Rohstoffe unterscheiden sich deutlich
Die WirtschaftsWoche nennt fünf Zukunftsbranchen, die für Anleger interessant sein könnten: Biotech, Energie, Nahrungsmittel, Robotik und Rohstoffe. Die Argumente unterscheiden sich dabei erheblich.
Im Biotech-Sektor setzen die Befürworter auf Forschungserfolge, die durch mRNA-Technologie und KI möglich werden. Ein Beispiel für die Umsetzung ist der iShares NASDAQ US Biotechnology ETF mit einem Fondsvolumen von über einer Milliarde Euro und einer TER von 0,35 Prozent. Allerdings konzentriert sich ein Viertel des Fonds auf die drei Werte Amgen, Vertex und Gilead – ein Klumpenrisiko, das Anleger kennen sollten.
Beim Thema Energie treiben zwei Faktoren die Nachfrage: der Strombedarf von KI-Rechenzentren und die allgemeine Elektrifizierung. Der MSCI World Energy wird von Exxon, Chevron und Shell dominiert, die zusammen über ein Drittel des Index ausmachen. Der MSCI-Branchenindex Energie besteht zu über 60 Prozent aus US-Aktien. Ein Clean-Energy-ETF verteilt knapp unter einem Viertel seines Volumens auf First Solar, China Yangtze und Bloom Energy. Bei den Erneuerbaren liegt der US-Anteil bei 35 Prozent, China kommt auf 22 Prozent.
Der Agrar-Sektor profitiert vom Wachstum der Weltbevölkerung und vom sozialen Aufstieg in Schwellenländern. Allerdings sind Agrar-ETFs thematisch unscharf, und der Klimawandel wirkt je nach Unterbranche als Chance oder als Risiko. Anleger müssen hier besonders genau prüfen, was sie tatsächlich kaufen.
In der Robotik ist die Lage zwiespältig. Chirurgie-Roboter sind in der Telemedizin bereits im Einsatz, doch humanoide Roboter sind bisher weitgehend Theorie. Viele bekannte Robotik-Firmen sind entweder nicht börsengelistet oder nur eine Randerscheinung am Markt. Der Rohstoffsektor wiederum wird durch den Bedarf an Elektromobilität, Stromspeichern und Rüstungstechnik getrieben. Allerdings ist dieser Bereich hochpolitisch – die WirtschaftsWoche vergleicht eine Investition hier mit einem Roulettespiel.
Bereits am 12.07.2026 berichtete aktien.news über vernachlässigte Sektoren
Die Idee, abseits der großen Technologiewerte nach Chancen zu suchen, ist nicht neu. Bereits am 12.07.2026 berichtete aktien.news, dass ETF-Experte Mike Akins Anlegern zu einem strategischen Umdenken riet. Der Mitbegründer von ETF Action sah in bislang vernachlässigten Marktsegmenten erhebliches Renditepotenzial für das zweite Halbjahr und nannte Software- und Cloud-Computing-Titel als Favoriten, weil viele dieser Unternehmen von ihren astronomischen Bewertungen zurückgekommen seien.
Auch am 15.07.2026 griff aktien.news das Thema auf: Der nächste große Engpass-Trade könnte weniger mit Halbleitern und mehr mit klassischen Industriegütern zu tun haben. Investoren begannen demnach, ihren Fokus von den größten KI-Investoren auf Unternehmen zu verlagern, die in Zukunft eine wichtige Rolle spielen werden. Und am 23.09.2026 berichtete aktien.news über den Fondsmanager Brock Campbell, der im Umfeld des KI-Infrastruktur-Booms auf klassische Versorger und Energiepipelines setzt statt auf Rechenzentren oder Chipkonzerne.
Privatanleger sollten Kosten, Zusammensetzung und regionale Streuung prüfen
Wer über einen Branchen-ETF nachdenkt, sollte drei Punkte prüfen. Erstens die Kosten: Eine TER von mehr als 0,5 Prozent pro Jahr frisst auf lange Sicht einen Teil der Rendite, besonders wenn der Sektor nicht wie erhofft läuft. Zweitens die Zusammensetzung: Wer nicht weiß, welche Aktien den Index dominieren, trägt möglicherweise ein Klumpenrisiko, das er nicht beabsichtigt hat. Drittens die regionale Streuung, die sich zwischen den Anbietern erheblich unterscheidet.
Die Angebote am Markt unterscheiden sich deutlich bei Auswahl, Kosten und regionaler Streuung. Anbieter wie iShares, Xtrackers, ARK, VanEck und L&G haben unterschiedliche Konzepte, die sich in der Praxis stark auswirken können. Ein pauschales Urteil über Branchen-ETFs ist deshalb nicht möglich. Das Fazit der Quelle: ETFs sind teils geeignet, die konkreten Angebote müssen aber genau geprüft werden.
Ob Kapital tatsächlich aus KI-Titeln abfließt, bleibt offen
Ob die erwartete Kapitalverlagerung von KI-Titeln in unterbewertete Branchen tatsächlich stattfindet, ist offen. Die Diskussion darüber läuft, und die Argumente für einen breiteren Blick über die KI-Branche hinaus liegen auf dem Tisch. Für Anleger bedeutet das vor allem eines: Wer sein Depot breiter aufstellen will, sollte die einzelnen Produkte vergleichen, statt blind auf einen Sektor zu setzen. Die WirtschaftsWoche empfiehlt ausdrücklich, die Angebote genau zu prüfen – ein Hinweis darauf, dass die Unterschiede zwischen den Fonds erheblich sind.
Diese drei Fachbegriffe sollten Anleger kennen
- TER: Die Total Expense Ratio gibt an, welcher Anteil des Fondsvermögens jährlich für die Verwaltung eines Fonds anfällt.
- Branchen-ETF: Ein börsengehandelter Fonds, der einen Index eines einzelnen Wirtschaftssektors abbildet statt des gesamten Marktes.
- Klumpenrisiko: Die Gefahr, dass ein Fonds stark von wenigen Einzelwerten abhängt und dadurch weniger breit gestreut ist als angenommen.
