Deutsche Wirtschaft wächst 0,2 Prozent, Evonik lehnt BASF ab
Die deutsche Wirtschaft überrascht im dritten Quartal 2026 mit Wachstum, während Evonik ein BASF-Übernahmeangebot ablehnt und sich neu ausrichtet.

Die deutsche Wirtschaft hat im dritten Quartal 2026 überraschend zugelegt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs um 0,2 Prozent im Vergleich zum Vorquartal und übertraf damit die Erwartungen der meisten Ökonomen, die Stagnation oder bestenfalls ein Plus von 0,1 Prozent prognostiziert hatten. Das Wachstum fiel trotz erheblicher Gegenwinde an, darunter niedrige Wasserstände am Rhein, die die Binnenschifffahrt behinderten und energieintensive Branchen wie die Chemie- und Stahlindustrie zusätzlich belasteten.
Trotz der positiven Zahlen bleiben Analysten vorsichtig, was die Nachhaltigkeit dieser Dynamik angeht. Experten des DIW-Instituts weisen darauf hin, dass die aktuelle Erholung vor allem von staatlichen Fiskalimpulsen getragen wird – konkret von schuldenfinanzierten Paketen für Infrastruktur und Verteidigung. Alexander Krüger, Chefvolkswirt bei Bethmann HAL, betonte, dass die Wirtschaftsleistung ohne diese "künstlich initiierten" Impulse wahrscheinlich stagniert wäre.
Der ifo-Geschäftsklimaindex steigt seit sechs Monaten
Zwar ist der ifo-Geschäftsklimaindex bereits sechs Monate in Folge gestiegen, was auf ein allmähliches Verlassen des konjunkturellen Tals hindeutet. Beobachter beschreiben die Erholung jedoch als "auf nur einem Bein stehend". Der private Konsum bleibt durch hohe Inflation und einen schwachen Arbeitsmarkt gedämpft, und die privaten Investitionen zeigen noch nicht die Dynamik, die für einen selbsttragenden Aufschwung nötig wäre. Das DIW erwartet zwar einen "Jahresschlussspurt", wenn die Industrie wieder Tritt fasst, doch eine breit angelegte, robuste Expansion bleibt bislang aus.
Parallel zu diesen gesamtwirtschaftlichen Trends durchläuft die deutsche Chemieindustrie eine Phase intensiver strategischer Neuausrichtung. Im Mittelpunkt steht die jüngste Ablehnung eines Übernahmeangebots von BASF durch Evonik. BASF hatte 24 Euro je Aktie geboten – eine Bewertung des Unternehmens von rund 11 Milliarden Euro – und argumentiert, dass der Zusammenschluss ein widerstandsfähigeres und wettbewerbsfähigeres globales Unternehmen schaffen würde.
Evonik lehnt BASF-Angebot ab und setzt auf eigenen Umbau
Der Vorstand von Evonik lehnte das Angebot jedoch formell ab und bekannte sich damit zu einer eigenen, unabhängigen Transformationsstrategie. Während BASF seine Enttäuschung über die Entscheidung äußerte und auf die Logik und Vorteile des Vorschlags verwies, konzentriert sich Evonik auf ein umfangreiches internes Restrukturierungsprogramm. Dieses sieht vor, die Belegschaft bis 2029 um rund 6.000 Stellen zu reduzieren, um Kosten zu senken und das Unternehmen zu einem stärker spezialisierten, innovationsgetriebenen Modell umzubauen.
Evoniks Vision für die Zukunft der deutschen Chemieindustrie sieht eine Abkehr von der traditionellen, stark getrennten Fertigung vor. Ralph Marquardt, Vizetransformationschef des Unternehmens, hat einen Plan vorgestellt, sechs große deutsche Produktionsstandorte in spezialisierte Innovationszentren umzuwandeln. Diese Strategie orientiert sich ausdrücklich am Life-Science-Cluster in Boston und Cambridge und zielt darauf ab, ein kollaboratives Ökosystem aus Universitäten, Start-ups und Industrie zu fördern.
Das Evonik-Management hat das "Not-invented-here"-Syndrom kritisiert, das Innovationen im deutschen Sektor historisch behindert habe. Um dies zu überwinden, werden den Kernstandorten spezifische Profile zugewiesen:
- Essen soll zu einem Zentrum für digitale Formulierungsentwicklung werden.
- Marl soll als Demonstrationsstandort für grünen Wasserstoff und nachhaltige Industrie dienen.
- Rheinfelden soll sich zu einem Silizium-Recyclingzentrum entwickeln, in Partnerschaft mit Firmen wie Rosi, um Materialien aus Solarmodulen zurückzugewinnen.
- Hanau soll als elektrochemischer Standort für Start-ups fungieren.
- Darmstadt und Wesseling sollen in spezialisierte Innovationszentren für Spezialchemikalien umgewandelt werden.
Diese Transformation ist Teil eines übergeordneten Ziels, die Umsatzverteilung des Unternehmens neu auszubalancieren. Derzeit entfallen 48 Prozent des Evonik-Umsatzes auf Europa; bis 2045 strebt das Unternehmen eine ausgewogene Aufteilung von je einem Drittel aus Europa, Asien und Amerika an.
Deutschland steht an einem kritischen Wendepunkt
Die Verknüpfung dieser beiden Entwicklungen verdeutlicht einen kritischen Wendepunkt für Deutschland. Auf makroökonomischer Ebene sorgt der Staat für den nötigen Boden, damit die Wirtschaft eine Kontraktion vermeidet. Die langfristige Gesundheit der Nation hängt jedoch davon ab, ob es den Industriegiganten gelingt, ihre eigenen strukturellen Übergänge erfolgreich zu bewältigen. Evoniks Ablehnung des BASF-Angebots unterstreicht die Überzeugung, dass interne Agilität und spezialisierte Innovation – und nicht bloße Größe – die entscheidenden Faktoren für Erfolg auf dem globalen Markt der kommenden Jahrzehnte sein werden. Mit Blick auf das Jahr 2045 wird der Erfolg dieser standortspezifischen Transformationen ein wichtiger Indikator dafür sein, ob Deutschland seinen Status als führendes globales Chemiezentrum behaupten kann.
