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Verteidigungssektor in Europa: Boom lockt Neueinsteiger, doch Barrieren bremsen

Eine Horváth-Studie zeigt: Über 40 Prozent der europäischen Unternehmen wollen in Verteidigung einsteigen – doch nur ein Drittel erreicht die Ziele.

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Verteidigungssektor in Europa: Boom lockt Neueinsteiger, doch Barrieren bremsen

Europas Verteidigungsindustrie erlebt einen historischen Boom. Bis 2030 könnten die Verteidigungsausgaben der EU auf bis zu 780 Milliarden Euro steigen, der deutsche Verteidigungsetat soll im selben Zeitraum die Marke von 180 Milliarden Euro überschreiten. Ausgelöst wurde diese Entwicklung durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine und die dadurch deutlich gestiegenen Sicherheitsbedürfnisse des Kontinents.

Dieser Boom zieht branchenfremde Unternehmen in Scharen an. Einer Studie der Beratungsgesellschaft Horváth, die der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt, zufolge streben mehr als 40 Prozent der befragten Unternehmen einen Einstieg in das Verteidigungs- und Weltraumgeschäft an oder wollen ihr Engagement dort ausbauen. Für die Untersuchung wurden rund 1000 Führungskräfte europäischer Unternehmen befragt.

Doch das Wachstum verliert an Tempo und stößt zunehmend an physische Grenzen. Für die europäische Verteidigungsindustrie prognostiziert die Studie ein reales Jahreswachstum von sechs bis sieben Prozent. Zum Vergleich: Seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs lag das durchschnittliche Wachstum bei 11,4 Prozent. Die Zeiten der extremen Dynamik scheinen damit vorerst vorbei.

Neueinsteiger mit sehr unterschiedlichen Erwartungen

Die Einstiegsabsichten verteilen sich sehr ungleich über die Branchen. Besonders groß ist das Interesse im Metall- und Bergbau: 72 Prozent der dort befragten Unternehmen sehen Potenziale im Verteidigungsgeschäft. In der Automobilindustrie planen 38 Prozent den Einstieg oder Ausbau, im Maschinenbau und in der industriellen Automatisierung sind es 33 Prozent. Auch Energieunternehmen und Banken zeigen Interesse am Rüstungsmarkt.

Wie viel Umsatz sich die Neulinge erhoffen, unterscheidet sich erheblich. Energieunternehmen kalkulieren mit einem Verteidigungsanteil von 23 Prozent am Gesamtumsatz, Softwareanbieter und Dienstleister mit 18 Prozent, Banken und Finanzdienstleister mit 15 Prozent. Die Automobilindustrie ist zurückhaltender und strebt bis 2029 einen Anteil von rund sieben Prozent an.

Doch die Realität holt viele Aspiranten schnell ein. Nur rund 33 Prozent der Neueinsteiger dürften ihre Wachstumsziele bis 2030 tatsächlich erreichen. Die größte Markteintrittsbarriere ist laut Studie die Regulierung und Compliance. Hinzu kommen lange Vorlaufzeiten sowie abgeschirmte Zulieferernetze, die etablierten Anbietern durch langjährige Beziehungen und Sicherheitszertifizierungen einen schwer überwindbaren Vorsprung sichern. Selbst die Beschaffungsabteilungen der großen Hersteller (OEMs) stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen.

Geduld statt Euphorie

Christoph Ketterle von Horváth warnt vor überzogenen Erwartungen: "Je mehr Firmen in den Markt drängen, desto enger wird der Spielraum für alle." Und weiter: "Man kann definitiv davon ausgehen, dass manche etwas zu optimistisch in die Zukunft blicken, was das künftige Wachstumspotenzial im Thema Defense angeht."

Ein häufiger Fehler vieler branchenfremder Firmen ist die Denkweise "Produkt sucht Kunde". Zivile Standardprodukte funktionieren in der Verteidigung meist nicht unverändert, weil Vergabeverfahren und parlamentarische Budgetfreigaben sich über Jahre ziehen und spezifische Anforderungen erfüllt werden müssen. Erfolgreiche Neueinsteiger agieren dagegen gezielt, bedarfsorientiert und konsequent. Ketterle bringt es auf den Punkt: "Wer neu in den Markt eintritt, sollte nicht fragen, was er grundsätzlich für Defense produzieren könnte, sondern wo tatsächlich Kapazitäten oder Kompetenzen fehlen."

Für Privatanleger bedeutet das: Der Verteidigungssektor bleibt langfristig ein Wachstumsfeld, doch die Euphorie ist mit Vorsicht zu genießen. Wer in Rüstungswerte investiert, sollte nicht allein auf die schiere Höhe der angekündigten Budgets schauen, sondern darauf, welche Unternehmen über Zertifizierungen, Zulieferbeziehungen und belastbare Auftragspipelines verfügen. Der Markteintritt erfordert Geduld und Ausdauer – das gilt für Unternehmen wie für Anleger. Die Studie zeigt, dass die Fantasie groß ist, die Umsetzung aber an harten strukturellen Hürden scheitert.

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