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Siemens Energy verbannt Klimakiller SF6 aus Schaltanlagen

Das stärkste Treibhausgas der Welt verschwindet aus der Energieinfrastruktur. Siemens Energy und andere Konzerne setzen auf Clean Air statt SF6 – mit Erfolg in Europa, aber Herausforderungen global.

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Siemens Energy verbannt Klimakiller SF6 aus Schaltanlagen

Schwefelhexafluorid (SF6) ist 24.000 Mal klimaschädlicher als CO2 und bleibt über 3.000 Jahre in der Atmosphäre. Trotzdem ist das Gas unverzichtbar für moderne Stromnetze – noch. Denn europäische Konzerne wie Siemens Energy, ABB und Schneider Electric revolutionieren gerade die Schalttechnik und machen dem Klimakiller den Garaus.

Kleine Menge, riesige Wirkung

Weltweit werden nur 8.000 Tonnen SF6 pro Jahr emittiert. Doch diese geringe Menge entspricht dem Klimaeffekt von 100 Millionen Autos mit Verbrennungsmotor. Das Gas wird in Schaltanlagen von Kraftwerken, Wind- und Solarparks sowie Rechenzentren eingesetzt. Seit 2000 hat sich die SF6-Konzentration in der Atmosphäre mehr als verdoppelt.

Europäischer Hotspot ist Bad Wimpfen am Neckar, wo der belgische Chemiekonzern Solvay SF6 produziert. Forscher der Uni Frankfurt wiesen nach, dass dort jährlich 30 Tonnen entweichen – das entspricht dem Treibhauseffekt des innerdeutschen Flugverkehrs. Gemeldet hatte Solvay nur 56 Kilogramm.

EU-Regulierung als Innovationstreiber

Die EU-F-Gase-Verordnung von 2014, verschärft 2023, zwingt die Industrie zum Umdenken. Ab 2025 dürfen kleinere Neuanlagen kein SF6 mehr enthalten, bis 2032 folgen auch große Hochspannungsanlagen. Diese Planungssicherheit über ein Jahrzehnt ermöglicht den Konzernen massive Investitionen in Alternativen.

Siemens Energy setzt in seinem Berliner Werk in Spandau auf "Clean Air" – ein hochreines Gemisch aus Stickstoff und Sauerstoff. Mark Kuschel, SF6-Experte des Konzerns, spricht von einer "Mission": "In Skandinavien kauft praktisch niemand mehr Produkte mit SF6, wenn wir eine Alternative anbieten."

Produktion wie in der Pharmaindustrie

Im Spandauer Werk herrscht Hochbetrieb, seit Monaten laufen Nachtschichten. In Reinräumen montieren Mitarbeiter in Ganzkörperanzügen die neuen Schaltanlagen. Die Luft muss komplett trocken sein, keine Feuchtigkeit darf eindringen. Nach dem Hartlöten bei mehreren Hundert Grad werden die Anlagen extremen Tests unterzogen.

Magdalena Schulze, Kundenbetreuerin im Werk, plant eine Verdreifachung der Fertigungskapazität: "Die Nachfrage wächst kontinuierlich." Siemens Energy gelang kürzlich der Durchbruch bei den größten 420-Kilovolt-Anlagen – auch sie sind nun SF6-frei.

Der Preis der Innovation

Die neuen Anlagen haben einen entscheidenden Nachteil: Sie kosten 40 bis 100 Prozent mehr als konventionelle Technik. Zudem benötigen sie mehr Platz, da Clean Air nicht so gut isoliert wie SF6. Im regulierten Energiemarkt lassen sich diese Mehrkosten jedoch an Kunden weitergeben – anders als in wettbewerbsintensiven Branchen.

Siemens hat rund 130 Millionen Euro in die SF6-freie Fertigung am Standort Frankfurt-Fechenheim investiert. Stephan May, Business Unit CEO, betont: "Die Investitionen sind direkt an die EU-Regulierung gekoppelt." Schneider Electric kündigte eine strategische Partnerschaft mit E.On an. Caroline Pim, Vizepräsidentin Stromsysteme, hebt hervor: "Die Lebensdauer der neuen Anlagen ist bis zu 30 Prozent länger."

China als globale Herausforderung

Während Europa den Ausstieg schafft, steigt der weltweite SF6-Ausstoß weiter. China verursacht 5.000 der 8.000 Tonnen jährlich – fast eine Verdopplung zwischen 2011 und 2021. Ein Verbot oder Ausstiegsplan existiert dort nicht.

Meteorologe Martin Vojta sieht "keine Anzeichen dafür, dass Chinas SF6-Emissionen sich in naher Zukunft stark reduzieren". Immerhin gibt es inzwischen ein besseres Monitoringsystem. Japan setzt auf Freiwilligkeit, Korea auf Emissionshandel. In den USA müssen SF6-Emissionen gemeldet werden, Kalifornien will bis Anfang der 2030er SF6-frei sein.

Hoffnung auf Skalierung

Siemens-Energy-Manager Kuschel sieht erste Erfolge auch außerhalb Europas: "Allein nach China haben wir schon 300 Stück verkauft." Er prognostiziert, dass der Preisnachteil durch Skalierung in "einigen Jahren" verschwinden wird.

Doch die Zeit drängt. Chinesische Wettbewerber arbeiten ebenfalls an der Technologie und holen rasant auf. Ob aus der europäischen Innovation ein globaler Erfolg wird, entscheidet sich in den kommenden Jahren. Die technologische Grundlage ist gelegt – jetzt müssen Kosten und Regulierung weltweit nachziehen.

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