Schaeffler streicht 3.460 Stellen und schließt vier deutsche Standorte
Der Zulieferer reagiert auf die Krise der deutschen Autoindustrie und will bis 2030 jährlich 300 Millionen Euro einsparen.

Der Automobilzulieferer Schaeffler baut weltweit 3.460 Stellen ab, davon 2.660 in Deutschland. Das Unternehmen kündigte das Restrukturierungsprogramm am Dienstag an und reagiert damit auf die wachsende Krise der deutschen Automobilindustrie. Vier deutsche Produktionsstandorte sollen geschlossen werden. Mit dem Abbau will Schaeffler bis 2030 jährliche Kosteneinsparungen von 300 Millionen Euro erreichen.
Die Führung um Vorstandschef Klaus Rosenfeld bezeichnet den Schritt als notwendige Überlebensstrategie angesichts einer "Automobilkrise". Als Gründe nennt das Unternehmen hohe Arbeitskosten in Deutschland, eine zu komplexe Organisation mit zu vielen Managementebenen und ein schwieriges Marktumfeld.
Die Zahlen belegen den wachsenden Druck auf den Zulieferer
Die Finanzdaten zeigen, wie angespannt die Lage ist. In den ersten neun Monaten des Jahres erwirtschaftete Schaeffler einen Nettogewinn von 11 Millionen Euro – eine Verbesserung gegenüber dem Verlust von 244 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Der operative Gewinn ging jedoch um 7,2 Prozent zurück. Besonders stark traf es die Division "Powertrain & Chassis", die stark vom Geschäft mit Verbrennungsmotoren abhängt: Dort sank der Gewinn um 15 Prozent. Zudem senkte das Unternehmen seine Umsatzprognose für 2028 und verbuchte zuletzt eine Wertminderung von 240 Millionen Euro im Bereich Elektroantriebe, die auf Überkapazitäten zurückzuführen ist.
Vier Standorte in Deutschland werden geschlossen
In Deutschland trifft die Restrukturierung besonders hart. Betroffen sind die Werke in Dortmund, Morbach, Berlin und Schwalbach. Auch die Werkzeugfertigung in Höchstadt wird eingestellt. Insgesamt entspricht der Abbau einer Reduzierung der deutschen Kernbelegschaft um 18 Prozent im Vergleich zum Stand von September 2024. Die Aktie steht seit einem Jahr unter Druck und hat 30 Prozent an Wert verloren. Hintergrund ist der Rückgang der europäischen Pkw-Neuzulassungen von 15,3 Millionen im Jahr 2019 auf 10,8 Millionen im Jahr 2025.
Widerstand gegen den "Solidaritätsbeitrag" der Belegschaft
Ein zentraler Baustein des Programms ist ein sogenannter "Solidaritätsbeitrag" der Beschäftigten, der vorübergehende Gehaltsverzichte vorsieht. Rosenfeld betont, diese Maßnahme sei entscheidend, um das Ausmaß des Stellenabbaus zu begrenzen. Die Arbeitnehmervertreter lehnen den Vorschlag jedoch ab. Thomas Höhn, IG-Metall-Beauftragter für Schaeffler, und Betriebsratschef Uli Schoepplein kritisieren die Strategie des Managements als reaktiv statt visionär. Sie werfen der Führung vor, immer neue Restrukturierungsprogramme aufzulegen, ohne die Folgen der vorherigen vollständig aufgearbeitet zu haben. Gespräche über Gehaltsverzichte könne es erst geben, wenn das Management eine klare, langfristige Produkt- und Investitionsstrategie für die deutschen Standorte vorlege. Der aktuelle Plan schwäche den Industriestandort Deutschland, statt ihn zu sichern, so die Arbeitnehmerseite.
Schaeffler setzt auf Rüstung und neue Märkte
Neben dem Kostensenkungsprogramm versucht Schaeffler, die Abhängigkeit vom Automobilsektor zu verringern. Dazu hat das Unternehmen eine eigene Tochtergesellschaft "Defence & New Space" gegründet und einen eigenen Chef für die Sparte benannt. Damit will Schaeffler von den steigenden europäischen Militärausgaben profitieren. Analysten weisen darauf hin, dass die Restrukturierung auch einen Abbau der Forschungs- und Entwicklungsbelegschaft um 30 Prozent umfasst. Während einige Marktbeobachter dies als notwendige Effizienzmaßnahme werten, zeigt sich etwa Luman überrascht: Für den erfolgreichen Wechsel in neue Märkte und Technologien sei erheblicher Forschungsaufwand nötig. Rosenfeld bleibt dennoch optimistisch und hält es für "möglich und sinnvoll", wettbewerbsfähige Produktion in Europa zu erhalten – mithilfe von Robotik, Automatisierung und KI.
Die Einschätzungen zum Management gehen auseinander
Die Berichterstattung fällt unterschiedlich aus. Finanzmedien rahmen den Stellenabbau meist als schmerzhafte, aber rationale Antwort auf den existenziellen Druck durch die E-Mobilität, die chinesische Konkurrenz und die schwache europäische Nachfrage. Deutschsprachige Medien wie die Wirtschaftswoche sind kritischer und verweisen auf gescheiterte Prognosen des Managements. So hatte Rosenfeld nach der Fusion mit Vitesco geschätzt, die Verluste im Bereich E-Mobilität würden binnen zwei bis drei Jahren überwunden – eine Einschätzung, die sich als zu optimistisch erwies.
Mit dem Umbau reiht sich Schaeffler in eine Reihe von Industriekonzernen wie Volkswagen ein, die einen schmerzhaften Schrumpfungsprozess durchlaufen. Ob es dem Unternehmen gelingt, sich erfolgreich in Richtung Rüstung und Hightech-Fertigung zu bewegen und zugleich die sozialen und politischen Folgen des Stellenabbaus in Deutschland zu bewältigen, dürfte seine Entwicklung bis zum Ende des Jahrzehnts bestimmen.
