Quartalszahlen im FTSE 100: Banken, Pharma und Öl im Fokus
HSBC, Shell und AstraZeneca gehören zu den FTSE-100-Schwergewichten, die in einer dichten Berichtswoche ihre Q3-Zahlen vorlegen.

Die Berichtssaison im britischen Leitindex FTSE 100 erreicht in der kommenden Woche ihren Höhepunkt. Die drei größten Unternehmen des Index – HSBC, Shell und AstraZeneca – gehören zu den Konzernen, die ihre Quartalszahlen für das dritte Quartal (Q3) veröffentlichen. Der Leiter der Märkte bei interactive investor, Richard Hunter, erläutert die Erwartungen an eine „extrem geschäftige Woche“.
Insgesamt stehen die Zahlen von gleich acht Schwergewichten aus dem britischen Leitindex auf dem Programm. Neben den drei größten Konzernen legen auch die Banken Lloyds Banking Group, NatWest Group, HSBC Holdings und Standard Chartered sowie die Pharmawerte GSK und AstraZeneca und die Ölkonzerne Shell und BP ihre Q3-Berichte vor. Für Anleger bedeutet das eine dichte Folge an Zahlen und Unternehmensnachrichten.
Überschattet wird die Berichtswoche von der politischen Unsicherheit rund um den britischen Haushaltsplan. Im Zentrum der Debatte steht die sektorspezifische Bankabgabe, die zusätzlich zur Körperschaftsteuer erhoben wird. Nach Berichten könnte sie von derzeit 3 Prozent auf 8 Prozent angehoben werden – ein Schritt, der die Gewinne der Institute möglicherweise um 6 Prozent senken würde.
Die Details
Im Bankensektor beginnt Lloyds Banking Group (LSE:LLOY) am Donnerstag, 29. Oktober, gefolgt von NatWest Group (LSE:NWG) am Freitag, 30. Oktober. Selbst nach einem stürmischen Lauf in den vergangenen zwei Jahren, der teilweise durch eine überfällige Neubewertung des Sektors getrieben wurde, bleiben Banken im Vergleich zu ihren europäischen Pendants unterbewertet, sodass weiteres Wachstumspotenzial besteht. Dies gilt trotz des Drucks durch exogene Faktoren, nicht zuletzt die Möglichkeit einer Erhöhung der Bankabgabe im bevorstehenden Budget. Neben dem möglichen Anstieg auf 8 Prozent bestehen Bedenken, dass ein solcher Schritt die globale Wettbewerbsfähigkeit verringern könnte, da die Körperschaftsteuersätze bereits zu den höchsten weltweit gehören. Befürchtet wird zudem, dass inländische Banken wie Lloyds und NatWest am stärksten betroffen sein könnten.
Die Halbjahreszahlen für Lloyds waren laut Hunter stark und zuverlässig, statt spektakulär zu glänzen, und da Lloyds oft als Barometer für die britische Wirtschaft angesehen wird, war seine Entwicklung hart erkämpft. Hinzu kommen jene Geschäftseinheiten, die alternative Einkommensquellen bieten – Versicherung, Kreditkarten und die britische Privatbank (früher „Wealth“) – sowie die kürzlich erfolgte Übernahme von Schroders Personal Wealth (jetzt Lloyds Wealth), bei der die Integration nahezu abgeschlossen ist. NatWest erfreut sich unterdessen eines neuen Lebens: Die außerordentliche Cash-Generierung hat großzügige Ausschüttungen an die Aktionäre ermöglicht, während das Unternehmen weiterhin auf Acquisitionspirsch geht, auch wenn der Preis von 2,7 Milliarden Pfund für den jüngsten Kauf von Evelyn Partners im Bereich Wealth Management hinterfragt wurde. Zuvor hatte NatWest das Hypothekenbuch der Metro Bank und die Sainsbury’s Bank erworben, die beide nahtlos integriert worden zu sein scheinen. Eine Dividendenrendite von 5,5 Prozent und die Aussichten auf weitere Aktienrückkäufe stützen die Investitionsargumentation.
Bei HSBC Holdings (LSE:HSBA) steht der Q3-Bericht am Dienstag, 27. Oktober, an, Standard Chartered (LSE:STAN) folgt am Mittwoch, 28. Oktober. Im Fokus stehen die Auswirkungen aus den USA, die darauf hindeuten, dass Handels- und Deal-Making-Aktivitäten einen weiteren Schub erhalten haben. Zugleich werden Kredite und Einlagen, die im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zugenommen haben, auf Momentum untersucht. Für HSBC erhielt der Push in Richtung des wohlhabenden Sektors bei den Zwischenergebnissen einen weiteren Schub, wobei ein vielversprechender Beitrag vom Wealth-Geschäft stammt. Die Gruppe hat stark in diese Strategie investiert und sich damit höhere, aber diversifiziertere Einnahmequellen verschafft; neben dem langfristigen Potenzial des chinesischen Marktes wurden Indien und Vietnam als schnell wachsende Volkswirtschaften identifiziert.
Im Pharmasektor legt GSK (LSE:GSK) am Mittwoch, 28. Oktober, vor, AstraZeneca (LSE:AZN) am Freitag, 30. Oktober. Der Sektor gilt als spannendes Feld – nicht nur wegen technologischer Sprünge wie der rasanten KI-Entwicklung, die Entdeckungs- und Entwicklungszeiten verkürzt, sondern auch wegen der steigenden Nachfrage angesichts alternder Bevölkerungen. Die Branche bleibt jedoch schwierig: Arzneimittelentwicklung ist zeitaufwändig, kostspielig und riskant, und nach Erreichen der Gewinnspitze sind Umsätze anfällig für Patentabläufe. US-Preisregelungen haben GSK belastet, da die Gruppe die Hälfte ihrer Umsätze dort erzielt; im vergangenen Jahr war eine Zollgebühr von 100 Prozent auf importierte Arzneimittel ein Beispiel dafür, wobei erhebliche Investitionen in den USA als mildernder Faktor wirken. Positiv: starkes Wachstum aus Spezialarzneimitteln, Atemwegserkrankungen, Immunologie & Entzündungen, Onkologie und HIV-Produkten, eine Dividendenrendite von 3,6 Prozent sowie ein Kursgewinn von 27 Prozent in zwei Jahren. AstraZeneca ist mit einer Marktkapitalisierung von 196 Milliarden Pfund das drittgrößte Mitglied des FTSE 100 und kündigte zuletzt eine klinische Zusammenarbeit mit Summit Therapeutics im Wert von rund 1,5 Milliarden Pfund sowie die Eröffnung eines globalen Forschungs- und Entwicklungszentrums in Massachusetts an.
Bei den Ölwerten berichtet Shell (LSE:SHEL) am Donnerstag, 29. Oktober, BP (LSE:BP.) am Freitag, 30. Oktober. Der allgemein hohe Ölpreis in diesem Jahr aufgrund der Konflikte im Nahen Osten und des anhaltenden Russland/Ukraine-Krieges führt zu hohen Erwartungen. Shell hat im letzten Monat die 14 Milliarden Dollar schwere Übernahme des kanadischen Energieunternehmens ARC Resources abgeschlossen, sagte infolgedessen eine höhere Nettoverschuldung voraus, erwartet aber einen Anstieg der Raffineriemarge im dritten Quartal von 24 auf 42 Dollar pro Barrel. Strukturelle Kostensenkungen belaufen sich seit 2022 auf über 5 Milliarden Dollar; die Aktien sind in diesem Jahr bisher um 42 Prozent gestiegen. BP ist einer möglichen Wiederaufnahme von Aktienrückkäufen einen Schritt näher gekommen, nachdem der Konzern eine signifikante Reduzierung der Nettoverschuldung ankündigte. Die Managementerwartung liegt bei 13,5 bis 14,5 Milliarden Dollar zum 30. September; Ende Juni betrug sie 22,3 Milliarden Dollar. Die BP-Aktie legte in diesem Jahr bisher um 41 Prozent zu.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 16.10.2026 berichtete aktien.news, dass die Aktien der großen britischen Kreditinstitute unter Verkaufsdruck standen, ausgelöst durch Berichte, wonach die Regierung die Steuer auf die Gewinne der in London notierten Banken noch im Monat erhöhen wolle. Konkret hieß es, Finanzminister John Healey könnte die Abgabe bei seiner ersten Haushaltsvorstellung als Schatzkanzler von derzeit 3 Prozent auf 8 Prozent anheben; der Haushalt war für den 28. Oktober angesetzt.
Am 18.10.2026 meldete aktien.news, dass die Führungskräfte der britischen Banken verarbeiten mussten, dass ihre monatelange Lobbykampagne offenbar gescheitert war. Chancellor John Healey habe am Donnerstag signalisiert, dass er die Branche mit einer neuen Steueroffensive belasten will, und von „Entscheidungen“ im Hinblick auf die „Kronjuwelen“ des Vereinigten Königreichs gesprochen.
Am 19.10.2026 berichtete aktien.news, dass die kommende Handelswoche an der Londoner Börse ganz im Zeichen zahlreicher Quartalsberichte von FTSE-100-Unternehmen steht, mit besonderer Aufmerksamkeit auf dem britischen Bankensektor. Analysten der Bank of America (BofA) erwarteten solide Zahlen für das dritte Quartal, warnten jedoch.
Am 23.10.2026 folgte der Hinweis auf eine ganze Reihe von Quartalsberichten, darunter Q3-Berichte über die Geschäftsentwicklung, ein Q3-Produktionsupdate sowie ein Q3-Zwischenlagebericht des Managements. Im Mittelpunkt des Interesses dürfte dabei der Ölkonzern BP stehen.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger mit Engagement in britischen Aktien ist die kommende Woche gleich doppelt relevant. Zum einen liefern die Q3-Zahlen der Index-Schwergewichte frische Einblicke in die Ertragslage von Banken, Pharma und Energie. Zum anderen fällt der britische Haushalt mit der möglichen Erhöhung der Bankabgabe in dieselbe Zeitspanne, was die Kurse der betroffenen Institute zusätzlich bewegen dürfte. Die genannten Zahlen und Bewertungen aus dem Quelltext – etwa die Dividendenrenditen von NatWest (5,5 Prozent) und GSK (3,6 Prozent) sowie die Kursgewinne von Shell (42 Prozent) und BP (41 Prozent) seit Jahresbeginn – dienen der Einordnung, nicht als Kauf- oder Verkaufsempfehlung.
Ausblick
Fix terminiert sind die Berichte von HSBC (27. Oktober), Standard Chartered und GSK (beide 28. Oktober), Lloyds und Shell (beide 29. Oktober) sowie NatWest, AstraZeneca und BP (alle 30. Oktober). Der britische Haushalt ist für den 28. Oktober angesetzt; ob und in welcher Höhe die Bankabgabe steigt, bleibt bis dahin offen. Shell erwartet einen Anstieg der Raffineriemarge von 24 auf 42 Dollar pro Barrel, BP stellt eine Nettoverschuldung von 13,5 bis 14,5 Milliarden Dollar zum 30. September in Aussicht. AstraZeneca setzt auf die Zusammenarbeit mit Summit Therapeutics und das neue Forschungszentrum in Massachusetts.
Kurz erklärt
- Quartalsbericht: Zwischenbericht eines Unternehmens über die Geschäftsentwicklung in einem Drei-Monats-Zeitraum.
- Bankabgabe: Eine zusätzlich zur Körperschaftsteuer erhobene Sondersteuer auf die Gewinne von Banken.
- Raffineriemarge: Der Gewinn, den ein Energieunternehmen pro verarbeitetem Barrel Rohöl erzielt.
- Aktienrückkauf: Der Erwerb eigener Aktien durch ein Unternehmen, wodurch sich die Zahl der ausstehenden Anteile verringert.
