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Löwenbräu-Wirtin Spendler: Oktoberfest als Gradmesser für die Wirtschaft

Stephanie Spendler über 40 Jahre Wiesn, steigende Preise und die Stimmung der Wirtschaft.

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Löwenbräu-Wirtin Spendler: Oktoberfest als Gradmesser für die Wirtschaft

Im Gasthaus Hirschau im Englischen Garten geht es ruhig zu – nur nicht im Büro der Chefin. Stephanie Spendler, Festwirtin des Löwenbräu-Zelts auf dem Oktoberfest, bereitet sich auf die 40. Wiesn vor. Zusammen mit ihrem Sohn Lukas führt sie eines der bekanntesten Festzelte Münchens.

Im Gespräch mit der WirtschaftsWoche gewährt die 59-Jährige Einblicke in ihr Geschäft, die Entwicklung des Oktoberfests und die wirtschaftliche Lage. Für Privatanleger ist der Blick hinter die Kulissen der Wiesn besonders aufschlussreich: Das Fest gilt als verlässlicher Konjunkturindikator.

Oktoberfest als Wirtschaftsbarometer

„Das Oktoberfest ist definitiv ein Gradmesser, wie es der Wirtschaft so geht“, sagt Spendler. Die aktuelle Stimmungslage sei verhalten, doch die Buchungen der Firmenkunden geben Entwarnung. Nur drei Unternehmen hätten in diesem Jahr ihre Reservierung stornieren müssen – wegen Insolvenz.

Die Preise steigen: Eine Mass Bier kostet im Löwenbräu-Zelt 15,90 Euro. Spendler rechtfertigt den Preis mit den enormen Kosten. „16.000 Glühbirnen hat unser Festzelt, wir zahlen zweieinhalb Millionen Euro für den Auf- und Abbau“, erklärt sie. Hinzu kommen 30 Musiker, sechs Sänger und 80 Ordner zu Spitzenzeiten.

Vom Hotel zur Festwirtin

Spendler stammt aus einer Wiesn-Dynastie. Ihre Großeltern waren in den 1950er-Jahren Festwirte, ihr Vater „Wiggerl“ Hagn prägte das Oktoberfest bis 2018. Doch Druck von der Familie gab es nicht. „Mein Vater hat mir geraten, ich soll Informatik studieren“, erinnert sie sich. Stattdessen absolvierte sie eine Hotelausbildung im Münchner Park Hilton Hotel.

Eigentlich hatte sie eine Zusage für die Hotelfachschule in Lausanne. Doch der Starttermin fiel in den September – Wiesn-Zeit. Sie sagte ab, studierte BWL an der Münchner FH und arbeitete nebenher im elterlichen Geschäft. 1999, mit 32 Jahren, unterschrieb sie ihren ersten Wiesn-Vertrag.

Herausforderungen einer Festwirtin

Die Wiesn war früher eine Männerdomäne. „Ich bin mir anfangs wie ein Küken vorgekommen“, gesteht Spendler. Der damalige Löwenbräu-Chef, selbst Vater von drei Töchtern, vertraute ihr die Aufgabe an. Heute sieht sie eine junge Generation von Wirten, darunter viele Frauen.

Die Corona-Pandemie traf die Gastronomin hart. Nach den Absagen 2020 und 2021 rutschte sie in eine „kleine Depression“ und erkrankte an Gürtelrose. Der Arzt diagnostizierte Stress – den sie selbst nicht wahrgenommen hatte. Die erste Wiesn nach Corona 2022 wurde zur „Katastrophe“: Personalmangel, eine reduzierte Speisekarte und fast zwei Wochen Dauerregen.

Internationale Gäste und Reservierungssystem

In diesem Jahr verzeichnet Spendler einen Rekord an amerikanischen Gästen. „Für die Amerikaner steht der Euro so günstig, deshalb lohnt es sich für sie“, erklärt sie. Auch viele Österreicher, Italiener und Schweizer sind vertreten. Dennoch bleibt das Oktoberfest ein Fest der Einheimischen: Rund 80 Prozent der Gäste kommen aus München und Umland.

Das Reservierungsgeschäft läuft gut. Knapp 90.000 Sitzplätze sind vergeben. Ein Tisch für acht Personen kostet 404 Euro, inklusive Gutscheinen für zwei Mass Bier und ein halbes Hendl. Die Freitage und Wochenenden sind ausgebucht, unter der Woche mittags gibt es noch freie Plätze.

Wirtschaftliche Erkenntnisse für Anleger

Spendlers Aussagen liefern wertvolle Hinweise für die Konjunktureinschätzung. Die stabile Nachfrage von Firmenkunden trotz allgemeiner Wirtschaftsschwäche deutet auf eine gewisse Resilienz hin. Die hohen Investitionen in Infrastruktur und Personal zeigen, dass das Oktoberfest ein milliardenschwerer Wirtschaftsfaktor bleibt.

„Ich will nicht behaupten, dass wir an der Wiesn nichts verdienen“, sagt Spendler. „Aber ich sag Ihnen ganz ehrlich: Wegen des Geldes bin ich nicht Wiesn-Wirtin geworden.“ Was sie antreibt, ist die Freude an der Arbeit – und der Moment, wenn sie am Freitagabend vor dem Anstich allein im leeren Zelt sitzt, ein Glas Rotwein trinkt und die Stille genießt. „Das ist wie eine Kathedrale.“

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