Konsumgüter-Megadeals feiern im ersten Quartal seltenes Comeback
Zwei US-Lebensmittel-Blockbuster im Wert von über 70 Milliarden Dollar dominieren die globalen M&A-Charts – erstmals seit 2015.
Zwei Milliarden-Fusionen im US-Lebensmittelsektor haben das erste Quartal 2025 geprägt und sind in die Riege der größten globalen Transaktionen vorgestoßen. Ein solches Doppelereignis im Konsumgüterbereich gab es zuletzt vor über einem Jahrzehnt. Die Ankündigungen erfolgten im Abstand von nur 24 Stunden und signalisieren eine tiefgreifende Umgestaltung der Branche.
Konkret handelt es sich um den 29-Milliarden-Dollar-Deal von Sysco zur Übernahme von Jetro Restaurant Depot sowie um die fast 45 Milliarden Dollar schwere Akquisition des Lebensmittelgeschäfts von Unilever durch den Gewürzhersteller McCormick. Laut Daten des Finanzdienstleisters LSEG ist es das erste Mal seit 2015, dass zwei US-Konsumgüter-Deals im selben Quartal in die weltweiten Top 10 vorgedrungen sind. McCormick belegt dabei Platz zwei hinter Amazons 50-Milliarden-Dollar-Investition in OpenAI, Sysco rangiert auf Platz sieben.
Strategische Neuausrichtung als Triebkraft
Die Hintergründe der Deals sind vielschichtig. Bei Unilever hatte der neue CEO Fernando Fernandez bereits im September auf einer Barclays-Konsumgüterkonferenz unmissverständlich Kurs gesetzt: „Beauty und Körperpflege machen derzeit 51 Prozent unseres Umsatzes aus, und unser Ziel ist es, diesen Anteil mittelfristig auf zwei Drittel zu steigern." Für McCormick war dies das Signal, dass Unilevers Lebensmittelsparte – darunter Marken wie Hellmann's und Knorr – zum Verkauf stehen könnte. Unilever hatte zuvor bereits jahrelang Lebensmittelsparten abgestoßen und im Dezember die Abspaltung seiner Speiseeis-Sparte abgeschlossen.
Bei Sysco war es hingegen die Nachfolgeplanung, die den Ausschlag gab. Jetro Restaurant Depot ist ein privates Familienunternehmen, dessen Gründer Nathan Kirsh in seinen 90ern ist und dessen Kinder das Geschäft nicht weiterführen. „Sie entschieden, dass Sysco das beste Zuhause für das Familienunternehmen sei, um es in die nächste Generation zu führen", erklärte Sysco-CEO Kevin Hourican gegenüber Reuters.
Bemerkenswert: Auch weitere potenziell bevorstehende Megadeals im Konsumgüterbereich haben familiäre Eigentümerstrukturen. So laufen Gespräche zwischen Brown-Forman, dem Hersteller von Jack Daniel's, und dem französischen Spirituosenkonzern Pernod Ricard. Parallel dazu verhandeln Kosmetikgigant Estée Lauder und das in Barcelona ansässige Unternehmen Puig über einen möglichen Zusammenschluss. Beide Transaktionen würden Unternehmen im Wert von mehreren zehn Milliarden Dollar schaffen.
Konsolidierung als Antwort auf Druck von allen Seiten
Die Branche steht unter erheblichem Druck. Steigende Zölle, ein verlangsamtes Volumenwachstum infolge jahrelanger Preiserhöhungen und ein rascher Wandel der Verbraucherpräferenzen zwingen Unternehmen zum Handeln. Jens Welter, Co-Leiter des Investmentbanking-Bereichs für Nordamerika bei der Citi, bringt es auf den Punkt: „Viele Unternehmen für schnelldrehende Konsumgüter kommen aus einer Phase hoher Inflation, die an die Verbraucher weitergegeben wurde, was das Volumenwachstum beeinträchtigt hat. Man sucht also nach alternativen Wachstumswegen, und diese ergeben sich durch Konsolidierung."
Hinzu kommt der Generationswandel als strukturelle Herausforderung. Die Spirituosenindustrie leidet unter rückläufigen Absatzzahlen, da jüngere Verbraucher weniger Alkohol konsumieren. Prestige-Kosmetikunternehmen wiederum geraten unter Wettbewerbsdruck, nachdem L'Oréal im vergangenen Jahr die Kosmetiksparte von Kering übernommen hat. Mike Ross, Leiter des Bereichs Consumer Markets Deals bei PwC USA, betont: „Es besteht die Notwendigkeit, viel agiler zu sein und bereit zu sein, sich viel schneller an diese Signale anzupassen, als es diese Unternehmen jemals zuvor tun mussten."
Jeannette Smits van Oyen, globale Leiterin des Bereichs Consumer and Retail Investment Banking bei JPMorgan, sieht in der Volatilität des Marktumfelds einen weiteren Antrieb: „Größe und Diversifizierung sind von entscheidender Bedeutung." Sie beobachtet zudem, dass familiäre Eigentümer in unsicheren Zeiten verstärkt strategische Alternativen prüfen.
Rekordjagd bei globalen Megadeals
Insgesamt erreichten Megadeals im ersten Quartal 2025 über alle Sektoren hinweg Rekordhöhen. Viele davon waren grenzüberschreitend – ein Trend, der laut Marktteilnehmern eine Absicherung gegen die zunehmende Volatilität einzelner Märkte darstellt. Für den Konsumgütersektor gilt: Die Aktivität des ersten Quartals dürfte erst der Auftakt sein. „Diese Deals werden niemals passieren, bis sie tatsächlich passieren – und dann ziehen Abschlüsse weitere Abschlüsse nach sich", so Smits van Oyen. Für deutsche Investoren, die in globale Konsumgütertitel investiert sind, bedeutet dies: Die Konsolidierungswelle dürfte auch in den kommenden Quartalen für Bewegung in den Bewertungen sorgen.
