Gebrauchte E-Autos: Restwerte steigen erstmals seit Jahren deutlich
Der Aampere EV-Resale-Index klettert im September auf 109,3 Punkte – gut neun Prozent über dem Jahresanfang.

Der Markt für gebrauchte Elektroautos dreht nach Jahren fallender Preise. Der Aampere EV-Resale-Index, der die Höchstgebote aus rund 4900 Händlerauktionen auswertet, notierte im September bei 109,3 Punkten und lag damit gut neun Prozent über dem Wert zu Beginn des Jahres. An den Auktionen beteiligen sich Händler aus zehn europäischen Ländern.
Damit zeichnet sich eine Trendwende ab, die sich seit etwa März 2026 abzeichnet. Üblicherweise sinken die Restwerte gebrauchter Stromer im Jahresverlauf – in diesem Jahr steigen sie erstmals seit Jahren. Auch die Deutsche Automobil Treuhand (DAT) bestätigt den Trend: Die Restwerte dreijähriger Stromer legten zwischen Mai und August um 1,4 Prozentpunkte zu.
Als wesentlicher Treiber gilt der stark gestiegene Kraftstoffpreis. Im September kostete Super rund 2,27 Euro je Liter, Diesel 2,38 Euro je Liter. Der Anstieg geht auf den Iran-Krieg im Frühjahr zurück, der die Spritpreise auf Rekordniveau trieb. Für viele Halter verschiebt sich dadurch die Gesamtkostenrechnung.
Die Details
Die konkreten Zahlen zeigen, wie weit Elektroautos beim Werterhalt noch hinter Verbrennern liegen – und wie schnell sie aufholen. Ein dreijähriges E-Auto erreicht derzeit 51,5 Prozent des Listenpreises, ein dreijähriger Diesel 58 Prozent, ein dreijähriger Benziner 59,4 Prozent. Im November 2025 hatte der Abstand zum Benziner noch fast 15 Prozentpunkte betragen.
Ein Rechenbeispiel verdeutlicht die Dimension: Bei einem Neupreis von 50.000 Euro bedeutet der aktuelle Restwertunterschied rund 4.600 Euro mehr nach drei Jahren. Für Halter, die ihr Fahrzeug nach der Leasing- oder Finanzierungsphase verkaufen, ist das ein spürbarer Betrag.
Spitzenreiter beim Werterhalt sind die Modelle von Tesla. Das Model 3 erreicht nach 36 Monaten 58 Prozent des Neupreises, das Model Y 56 Prozent. Der Marktschnitt liegt bei 48 Prozent. Aampere führt das auf mehrere Faktoren zurück: Tesla betreibe ein geschlossenes System mit eigenem Supercharger-Netz und Direktvertrieb ohne Rabatte. Robin Engelhardt von Aampere erklärt: "Gerade das dichte Ladenetz und die relativ transparente Preisgestaltung dort haben Tesla in den vergangenen Jahren viele Image-Punkte verschafft, gerade bei Menschen, die dem Thema E-Auto gegenüber generell noch eher zurückhaltend gegenüberstanden".
Deutlich schwächer schneiden chinesische Elektroautos ab. Nach drei Jahren erreichen sie nur 41 Prozent des Neupreises, nach vier Jahren 34,9 Prozent. Der Gesamtmarkt für Stromer liegt nach vier Jahren bei 42,1 Prozent. Bei Auktionen mit chinesischen Modellen bieten rund 30 Prozent weniger Händler mit. Auf mobile.de waren China-Stromer im August rund 24 Prozent günstiger als europäische Modelle. Als Gründe nennt Aampere dünne Händler- und Werkstattnetze sowie Ersatzteile, die aus China beschafft werden müssen. Engelhardt fasst zusammen: "das sind Faktoren, an denen chinesische Hersteller noch arbeiten müssen."
Ein weiterer Faktor stützt die Preise: das knappe Angebot. Zwar ist inzwischen jeder dritte Neuwagen ein Stromer, doch bei den Besitzumschreibungen machen Elektroautos nur 5,3 Prozent aus. Die geringen Zulassungszahlen der betroffenen Jahrgänge sorgen dafür, dass vergleichsweise wenige Fahrzeuge in den Gebrauchtmarkt nachrücken. BYD und Xpeng sind auf Gebrauchtwagenauktionen noch kaum vertreten.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 20.01.2026 berichtete aktien.news, dass sich der deutsche Gebrauchtwagenmarkt für Elektroautos zu einem Käufermarkt mit historisch niedrigen Preisen entwickelt. Damals machten gebrauchte E-Autos nur 3,6 Prozent aller Besitzumschreibungen aus, während der Stromer-Anteil bei Neuwagen bei fast 20 Prozent lag. Die DAT dokumentierte einen Restwert-Unterschied zwischen den Antriebsarten: Diesel- und Benzinfahrzeuge kamen nach drei Jahren noch auf 61,1 beziehungsweise 62,7 Prozent ihres Listenneupreises, batteriebetriebene Fahrzeuge nur auf 49 Prozent.
Am 04.04.2026 meldete aktien.news, dass hohe Spritpreise die Nachfrage nach gebrauchten E-Autos befeuern. Auf mobile.de verdreifachte sich der Anteil der Suchanfragen nach Elektrofahrzeugen innerhalb von nur 18 Tagen im März im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Februar – von zwölf auf 36 Prozent. Autohändler verzeichneten 66 Prozent mehr Anfragen zu gebrauchten Elektrofahrzeugen.
Am 09.07.2026 berichtete aktien.news über den US-Markt: Der Krieg im Iran und steigende Benzinpreise sorgten dort für einen deutlichen Nachfrageschub bei gebrauchten Elektrofahrzeugen. Laut Cox Automotive stiegen die Großhandelspreise für gebrauchte Elektroautos im Vormonat im Vergleich zum Juni 2025 um 12 Prozent, während Fahrzeuge ohne Elektroantrag sich nur um 1,7 Prozent verteuerten.
Am 30.09.2026 folgte die Meldung, dass der September als teuerster Tankmonat seit Beginn der Aufzeichnungen in die Statistik eingeht. Die Preise für E10 lagen bei rund 2,27 Euro je Liter, für Diesel bei etwa 2,38 bis 2,39 Euro.
Was das für Anleger bedeutet
Für Privatanleger ist die Entwicklung in erster Linie ein Signal zur Vorsicht bei pauschalen Annahmen. Wer ein Elektroauto least oder finanziert, sollte den Restwert nicht mehr automatisch als Problemfaktor einplanen – zumindest nicht für etablierte Modelle mit gutem Werterhalt. Die Daten von Aampere basieren auf echten Händlergeboten statt auf Wunschpreisen in Inseraten, gelten also als aussagekräftig.
Gleichzeitig ist die Quelle kritisch zu betrachten: Aampere verdient am Verkauf gebrauchter Elektroautos und hat damit ein Interesse an guten Nachrichten. Anleger sollten den Index daher im Verbund mit unabhängigen Daten wie denen der DAT lesen, die den Trend bestätigen.
Bei chinesischen Marken ist besondere Vorsicht angebracht. Die Marken sind in Europa noch neu, die Unsicherheit über ihren Verbleib auf dem Markt ist hoch. Technisch schneiden die Fahrzeuge in Tests laut Quelle nicht schlechter ab als westliche Konkurrenten – der Preisabschlag resultiert vor allem aus Vertriebs- und Servicestrukturen. Der China-Index wird derzeit von MG und Aiways dominiert.
Ausblick
Die Zulassungswellen chinesischer Marken starten ab 2025, ein nennenswerter Gebrauchtmarkt für diese Fahrzeuge wird frühestens 2028 erwartet. Erst dann wird sich zeigen, ob die Marken ihre Händler- und Werkstattnetze ausbauen und den Werterhalt verbessern können. Für Tesla bleibt die Frage, wie sich die 2023 gesenkten Preise auf die Rückläufer auswirken – sie haben eine niedrigere Ausgangsbasis, was den prozentualen Werterhalt stützt.
Kurz erklärt
- Restwert: Der verbleibende Marktwert eines Fahrzeugs nach einer bestimmten Nutzungsdauer, meist in Prozent des ursprünglichen Listenpreises angegeben.
- Händlerauktion: Eine Versteigerung, bei der gewerbliche Händler auf gebrauchte Fahrzeuge bieten und so den tatsächlich erzielbaren Marktpreis abbilden.
- Besitzumschreibung: Die amtliche Ummeldung eines Fahrzeugs auf einen neuen Halter, also der Wechsel des Eigentümers.
