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Fernando Pessoa und die faszinierende Welt literarischer Alter Egos

Wie Schriftsteller von Pessoa bis Stephen King durch Heteronyme und Pseudonyme ein zweites literarisches Leben führten.

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Fernando Pessoa und die faszinierende Welt literarischer Alter Egos

Fernando Pessoa, der portugiesische Dichter und Autor, der 1935 im Alter von 47 Jahren in Lissabon starb, schrieb bereits als kleiner Junge Briefe an sich selbst – vollständig in der Rolle seines imaginären Freundes, des Chevalier de Pas. Dieses frühe Spiel mit Identitäten sollte sein gesamtes literarisches Schaffen prägen und ihn zu einem der bemerkenswertesten Autoren der Weltliteratur machen.

Pessoa hinterließ ein umfangreiches Werk, das er nicht nur unter seinem eigenen Namen verfasste, sondern auch unter den Heteronymen Ricardo Reis, Alberto Caeiro und Álvaro de Campos – und das waren nur drei von mehr als 70, laut seinem Biografen Richard Zenith sogar über 130 Alter Egos. Im Mai erscheint bei New Directions „The Complete Works of Ricardo Reis", übersetzt von Margaret Jull Costa und Patricio Ferrari, als Ergänzung zu bereits veröffentlichten Gesamtwerken von de Campos und Caeiro.

„Seit meiner Kindheit", schrieb Pessoa in einem seiner letzten Briefe, „habe ich das Bedürfnis verspürt, die Welt durch fiktive Persönlichkeiten zu erweitern. Heute besitze ich keine Persönlichkeit mehr; ich habe meine gesamte Menschlichkeit auf verschiedene Autoren aufgeteilt, denen ich als literarischer Testamentsvollstrecker gedient habe."

Mehr als nur Pseudonyme

Pessoas Heteronyme waren keine bloßen Schreibmasken, sondern vollständige Persönlichkeiten mit eigenem Lebenslauf: Caeiro war ein Hirte und Mann vom Land, de Campos ein gescheiterter Ingenieur und umstrittener Dichter, Reis ein Arzt mit klassizistischem Geschmack, der ins Exil nach Brasilien ging. Ein echtes Alter Ego wirft einen weitaus größeren Schatten als ein bloßes Pseudonym – es kann ein vollständiges Leben führen, Seite an Seite mit seinem Schöpfer, aber dennoch von ihm getrennt.

Pessoa veröffentlichte unter dem Namen Karl P. Effield das erzählende Gedicht „The Miner's Song" in einer Zeitung in Durban. Eines seiner Heteronyme war ein Astrologe, ein anderes ein Philosoph. Er ließ sogar Visitenkarten für einen gewissen Alexander Search drucken, der Gedichte auf Englisch unter dem Sammeltitel „Documents of Mental Decadence" zusammenfasste.

Das Phänomen des literarischen Alter Egos beschränkt sich keineswegs auf Pessoa. Als die Brontë-Schwestern ihre frühen Werke unter den Pseudonymen Ellis, Acton und Currer Bell veröffentlichten, entkamen sie nicht nur der gesellschaftlichen Missbilligung von Autorinnen – sie erhielten auch die Erlaubnis, ihre eigene Zurückhaltung abzulegen.

Von Kilgore Trout bis Richard Bachman

Die verstorbene indische Autorin Krishna Sobti pflegte ein Alter Ego namens Hashmat – einen eigensinnigen, chauvinistischen Mann mit scharfer Feder, der in den 1970er Jahren die Hindi-Literaturszene durchstreifte. Gemeinsam verfassten Sobti und Hashmat drei unterhaltsame, oft spielerische und provokative Bände mit Skizzen über Schriftsteller aus dem Hindi-Pantheon. In einem Interview von 1996 erklärte Sobti, sie habe sich stets zweier unterschiedlicher Seiten ihrer selbst bewusst gewesen: „Ich glaube an das Konzept des Ardhanariswar", sagte sie und bezog sich auf die Form des Gottes Shiva, die das Maskuline und das Feminine verschmilzt.

Kurt Vonnegut pflegte ein Alter Ego namens Kilgore Trout – einen schrecklichen Schriftsteller, dessen rund 100 Romane allesamt Misserfolge sind, ganz im Gegensatz zu Vonneguts eigenem Erfolgsweg. 1985 berichtete die New York Times über ein inszeniertes „Treffen" zwischen dem Romanautor und seiner Schöpfung für eine Fernsehsendung. „Ich sehe die Welt so, wie es ein Besucher vom Mars tun würde", erklärte Vonnegut. „Das tut Kilgore Trout auch."

Stephen King, der Meister der Horrorliteratur, schrieb zwischen 1977 und 2007 sieben Romane unter dem Namen Richard Bachman. In einer Einleitung zu einem Quartett von Bachman-Romanen erklärte er, dass ein Alter Ego schnell real werden kann: Bachman wurde zu einem Milchbauern aus New Hampshire und „begann zu wachsen und lebendig zu werden, wie es die Geschöpfe der Fantasie eines Schriftstellers so oft tun". Die sieben Bachman-Bücher boten King einen geschützten Raum zum Schreiben, frei von jeglichen Erwartungen.

Bachmans „Tod" kam 1985, als der aufmerksame Buchhändler Steve Brown aus Washington die Tarnung aufdeckte – möglicherweise der einzige literarische Tod durch „Pseudonym-Krebs", wie King es formulierte. Die letzten beiden Bachman-Romane tauchten praktischerweise einige Jahre später auf einem Dachboden auf.

Angesichts der Vertrautheit junger Autoren mit alternativen Identitäten aus ihrem Social-Media-Leben ist es überraschend, dass relativ wenige von ihnen schriftstellerische Personas erschaffen. Sie könnten, wie Pessoa, entdecken, dass diese Alter Egos ein bemerkenswert eigenständiges Leben entwickeln können – und damit das eigene literarische Schaffen auf ungeahnte Weise bereichern.

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