Fed-Chef Warsh: Leitzins bleibt, Fokus auf KI und neue Strategie
Die US-Notenbank lässt den Leitzins bei 3,75 bis 4,00 Prozent und richtet ihren Sitzungskalender neu aus.

Die US-Notenbank Federal Reserve hat die Leitzinsen wie erwartet unverändert in der Spanne von 3,75 % bis 4,00 % belassen. Die Entscheidung fällt in eine Phase, in der die US-Wirtschaft trotz geopolitischer Spannungen und hoher Energiepreise eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit zeigt. Ökonomen erwarten für das dritte Quartal ein annualisiertes BIP-Wachstum von 3,2 %.
Fed-Chef Kevin Warsh betonte nach der Sitzung, die Wirtschaft wachse in einem „starken Tempo". Zugleich stellte er klar, dass die Zentralbank nicht beabsichtige, das Wachstum künstlich zu bremsen. Damit sendet er ein Signal, dass die Fed trotz anhaltender Inflationssorgen nicht in einen restriktiveren Kurs zurückfallen will, solange die Konjunktur trägt.
Im Zentrum der neuen Agenda steht eine Anpassung des Sitzungskalenders. Ab dem kommenden Jahr wird die Fed eines ihrer acht regulären Treffen ausschließlich strategischen Grundsatzfragen widmen, ohne über Zinsentscheidungen abzustimmen. Ab 2028 sollen zwei der acht Treffen diesem Format folgen. Experten wie Omair Sharif vermuten, dass das Treffen im Oktober 2027 als erstes dieser Art fungieren könnte.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Untersuchung der Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf die Produktivität. Warsh wird am 16. November an einer Anhörung in der San Francisco Bay Area teilnehmen, um zu erörtern, ob KI ein „Produktivitätswunder" auslösen kann. Das Thema hat hohe Relevanz, da massive KI-Investitionen derzeit die Ausgaben für Ausrüstung stützen. US-Technologiegiganten haben bereits über 200 Milliarden US-Dollar für entsprechende Initiativen aufgenommen.
Die Details
Bei der Bilanzpolitik bestätigte Warsh, dass eine Arbeitsgruppe Empfehlungen zum Umgang mit den Anleihebeständen erarbeitet. Diese sollen Anfang 2025 vorgelegt werden. Die Bilanzsumme ist bereits von 9 Billionen auf etwa 6,8 Billionen Dollar gesunken. Eine weitere Reduzierung bleibt jedoch aufgrund regulatorischer Anforderungen komplex.
Am Anleihemarkt zeigt sich unterdessen eine Flucht in sichere Häfen. Der „Term Premium" für zehnjährige US-Anleihen ist auf 60 Basispunkte gesunken – trotz der Sorgen um Inflation und Staatsfinanzen. Analysten der Bank of America warnen zudem vor einer Rekord-Emissionswelle von 175 Milliarden US-Dollar an Investment-Grade-Anleihen im November, was den Druck auf die Märkte erhöhen könnte.
Politisch navigiert Warsh in einem schwierigen Umfeld. Er wies Behauptungen über eine parteiische Einflussnahme entschieden zurück und betonte, dass während der Beratungen kein Wort über Politik gefallen sei. Trotz des Drucks durch Präsident Donald Trump, der eine lockerere Geldpolitik fordert, behält Warsh einen harten Kurs bei, um das Inflationsziel von 2 % zu verteidigen.
An den Märkten wurde der Auftritt von Warsh als „dovish" interpretiert. Gleichzeitig preisen Händler laut dem FedWatch-Tool eine Wahrscheinlichkeit von 78 % für eine Zinserhöhung im Dezember ein. Diese Spannung zwischen Marktinterpretation und Zinserwartung dürfte die kommenden Wochen prägen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 15.09.2026 berichtete aktien.news, dass Warsh vor einer wegweisenden Woche stand: Die Märkte rechneten fest mit einer Leitzinserhöhung um 25 Basispunkte, während die Kerninflation im August bei 2,4 Prozent lag und die Gesamtinflationsrate mit 3,4 Prozent deutlich über dem Zielwert von 2 Prozent. Der Iran-Konflikt und steigende Energiepreise belasteten die Ausgangslage.
Am 16.09.2026 meldete aktien.news, dass Investoren mit einer Wahrscheinlichkeit von 92 bis 93 Prozent eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte erwarteten, die den Leitzins auf eine Spanne von 3,75 bis 4 Prozent heben würde. Die US-Aktienmärkte starteten nach zweitägigen Verlusten mit leichten Gewinnen in den Handel, doch die Stimmung blieb angesichts hartnäckiger Inflation, steigender Renditen und geopolitischer Spannungen angespannt.
Am 16.10.2026 berichtete aktien.news, dass Warsh erklärte, die US-Wirtschaft habe sich „breit" in die Richtung entwickelt, die die Zentralbank bei ihrer Sitzung im September erwartet hatte. Damals hatte die Fed die Zinssätze zum ersten Mal seit 2023 angehoben. In den Wochen danach stieg die Inflation, gemessen am Verbraucherpreisindex (CPI), auf 3,7 Prozent.
Bereits am 22.04.2026 hatte aktien.news berichtet, dass Warsh bei einer Anhörung einräumte, bei der Bewertung der wirtschaftlichen Auswirkungen von KI sei noch „erhebliche Arbeit zu leisten". Die demokratische Abgeordnete Lisa Blunt Rochester aus Delaware hatte ihn kritisch befragt, ob er mit seiner Einschätzung zu den wirtschaftlichen Auswirkungen von KI eine Wette eingehe, die sich als falsch erweisen könnte.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Botschaft zwiespältig. Einerseits bleibt der Leitzins in der Spanne von 3,75 % bis 4,00 % und damit auf einem Niveau, das US-Dollar-Anlagen weiterhin attraktiv erscheinen lässt. Andererseits zeigt die vom FedWatch-Tool angezeigte Wahrscheinlichkeit von 78 % für eine Zinserhöhung im Dezember, dass die Markterwartung keineswegs einheitlich ist.
Die Bilanzpolitik der Fed bleibt ein Faktor für die Liquidität an den globalen Märkten. Die Bilanzsumme ist von 9 Billionen auf etwa 6,8 Billionen Dollar gesunken, weitere Schritte sind laut Warsh aufgrund regulatorischer Anforderungen komplex. Der gesunkene Term Premium von 60 Basispunkten für zehnjährige US-Anleihen deutet auf eine Flucht in sichere Häfen hin.
Zusätzlichen Druck könnte die von der Bank of America erwartete Rekord-Emissionswelle von 175 Milliarden US-Dollar an Investment-Grade-Anleihen im November bringen. Ein solches Angebot kann die Renditen belasten und Kapital aus anderen Anlageklassen abziehen. Anleger sollten daher die Entwicklung am US-Anleihemarkt eng verfolgen.
Ausblick
Die nächsten konkreten Termine stehen bereits fest. Am 16. November wird Warsh an der Anhörung in der San Francisco Bay Area teilnehmen, bei der es um die Frage geht, ob KI ein „Produktivitätswunder" auslösen kann. Die Empfehlungen der Arbeitsgruppe zum Umgang mit den Anleihebeständen sollen Anfang 2025 vorgelegt werden.
Im Mittelpunkt des Interesses stehen zudem die anstehenden Quartalszahlen großer US-Unternehmen. Die internationale Lage bleibt volatil, und die Anleger richten ihren Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung im Kontext der anstehenden Zwischenwahlen. Ob die Fed im Dezember tatsächlich an der Zinsschraube dreht, dürfte von der weiteren Inflationsentwicklung abhängen.
Kurz erklärt
- Leitzins: Der von einer Zentralbank festgelegte Zinssatz, zu dem sich Geschäftsbanken kurzfristig Geld beschaffen können.
- Basispunkt: Eine Maßeinheit für Zinssätze, wobei ein Basispunkt einem Hundertstel Prozentpunkt entspricht.
- Term Premium: Der zusätzliche Zinsaufschlag, den Anleger für das Halten langlaufender Anleihen gegenüber kurzfristigen Papieren verlangen.
