EU-Verbrenner-Aus: Deutschland und Frankreich einigen sich auf Aufweichung
Berlin und Paris senken das CO2-Ziel für Neuwagen ab 2035 von 100 auf 90 Prozent – der Autosektor feiert.

Deutschland und Frankreich haben sich auf eine gemeinsame Position zur Zukunft des Verbrennermotors in der Europäischen Union verständigt. Kern der Einigung: Das ursprünglich vorgesehene CO2-Reduktionsziel für Neuwagen sinkt von 100 auf 90 Prozent. Damit wären ab 2035 noch bis zu zehn Prozent Verbrenner-Neuwagen am EU-Markt möglich. Die Aktienmärkte reagierten umgehend und deutlich positiv.
Der Automobilsektor im Stoxx 600 legte am Mittag um 2,3 Prozent zu und war damit der beste Branchen-Index. Im DAX kletterten Volkswagen, BMW und Mercedes um mehr als drei Prozent. Der deutsche Leitindex selbst stieg um 0,8 Prozent auf 25.588 Punkte. Für die europäischen Autobauer markiert das den Versuch einer Erholung von einem Sechsjahrestief, das der Sektor erst in der Vorwoche erreicht hatte.
Die abgeschwächten Vorgaben kommen den Wünschen der deutschen Autohersteller entgegen. Nach der neuen Logik könnten die Konzerne weiter Benziner und Diesel verkaufen, solange sie den flottenweiten Grenzwert einhalten. Statt eines kompletten Verbots des Verbrennungsmotors rückt damit die bilanzielle Betrachtung des gesamten Fahrzeugbestands eines Herstellers in den Mittelpunkt.
Die Details der Einigung
Die 90-Prozent-Marke ist der zentrale Hebel des Kompromisses. Bisher lag das CO2-Reduktionsziel für Neuwagen bei 100 Prozent – de facto ein Verbot des Verbrennungsmotors für Neufahrzeuge ab 2035. Künftig bleiben also rechnerisch bis zu zehn Prozent des EU-Marktes für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor reserviert.
Zusätzlich sollen den Herstellern mehrere Flexibilitätsinstrumente an die Hand gegeben werden. Dazu zählen mehrjährige Zielzeiträume für die Jahre 2030 und 2031, die Möglichkeit der Mittelwertbildung über mehrere Jahre hinweg sowie die Anrechnung von CO2-Gutschriften, allerdings nur für das Jahr 2029. Ausgleichsmaßnahmen, wie sie nach der bisherigen Regelung nötig gewesen wären, sollen nach der Einigung nicht mehr erforderlich sein.
Deutschland und Frankreich verfolgen nach den vorliegenden Informationen zugleich das Ziel, die EU-Kapazitäten für Elektroautos zu stärken. Die Initiative "Made in Europe" umfasst dabei ausdrücklich die EU-27; Großbritannien soll beitreten können. Die Einigung ist damit nicht nur eine Abschwächung bestehender Vorgaben, sondern auch der Versuch, die heimische Produktion gegenüber der Konkurrenz aus Übersee und aus China zu positionieren.
Auf der anderen Seite regt sich Widerstand. Aus der Opposition kommt Kritik an der Lockerung. Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge sagte: "Die Menschen haben längst entschieden: Immer mehr Leute setzen auf Elektromobilität".
Hintergrund: Was bisher geschah
Die jüngste Entwicklung ist Teil einer größeren Bewegung in der internationalen Regulierung des Automobilmarkts. Bereits am 18.01.2026 berichtete aktien.news, dass die Trump-Administration auf der Detroit Auto Show ihre Pläne zur Deregulierung des Automobilsektors bekräftigte. Verkehrsminister Sean Duffy erklärte damals, die Maßnahmen würden "die Autopreise senken und es den Herstellern ermöglichen, Produkte anzubieten, die Amerikaner kaufen wollen". Er betonte zugleich: "Dies ist kein Krieg gegen EVs".
Am 22.01.2026 meldete aktien.news, dass die Aktien deutscher Autobauer kräftig zulegten, nachdem Präsident Trump von einer angekündigten Verschärfung der Einfuhrzölle auf europäische Autos Abstand genommen hatte. Der Branchenindex legte damals zeitweise um 3,4 Prozent zu, die VW-Aktie sogar um 5,5 Prozent. Die Befürchtung von 27,5 Prozent Einfuhrzöllen hatte die Papiere zu Wochenbeginn noch auf ein Mehrmonatstief gedrückt.
Am 28.09.2026 berichtete aktien.news schließlich, dass die US-Regierung unter Präsident Donald Trump neue, gelockerte Standards für den Kraftstoffverbrauch von Fahrzeugen finalisiert hat. Der flottenweite Durchschnittsverbrauch soll bis 2031 auf 34,9 Meilen pro Gallone festgesetzt werden; unter der Biden-Administration war ein Zielwert von 50,4 Meilen pro Gallone vorgesehen gewesen. In allen drei Fällen zeigt sich dasselbe Muster: Regulatorische Entlastung für die Verbrennertechnologie sorgt an den Märkten für Kursfantasie.
Was das für Anleger bedeutet
Für Privatanleger ist die Einigung in mehreren Punkten relevant. Erstens verschiebt sie den Druck auf die deutschen Hersteller: Statt eines harten Technologiesprungs bis 2035 rückt ein gleitender Übergang in den Vordergrund. Das reduziert kurzfristig das Risiko von Abschreibungen auf Verbrenner-Werke und senkt den Investitionsdruck in neue Elektroplattformen.
Zweitens bleibt die Elektromobilität ein Wachstumsfeld, auch wenn die Regulierung gelockert wird. Im September wurden 88.599 vollelektrische Fahrzeuge neu zugelassen, ihr Anteil an den Neuzulassungen betrug 34,5 Prozent. Hohe Spritpreise und die E-Auto-Prämie machen Elektroautos in Deutschland beliebter. Wer in Autowerte investiert, sollte daher beide Seiten der Gleichung im Blick behalten – die kurzfristige Erleichterung für die Verbrennerproduktion und die langfristige Verschiebung der Nachfrage.
Drittens gibt es ein erhebliches Risiko, das auf der Hand liegt: die Abwanderung europäischer Arbeitsplätze nach Übersee. Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer kommentierte die Einigung mit den Worten: "Merz und Macron setzen einen Impuls, um Arbeitskräfte aus der EU nach USA zu exportieren. Wer hätte das gedacht?" Die Sorge um die Verlagerung von Produktion und Beschäftigung ist damit ausdrücklich Teil der Debatte.
Viertens lohnt der Blick auf die Kapitalmarktseite. Die Aktienmärkte wurden zuletzt von zwei gegenläufigen Kräften bewegt. Einerseits ließen Investoren-Bedenken zum Zinsumfeld und zur Finanzierung von KI-Investitionen nach. Andererseits nährte eine überraschend hohe US-Inflation die Sorge vor einer weiteren Fed-Zinserhöhung im Oktober. Fed-Chef Kevin Warsh äußerte sich nicht spezifisch zur Geldpolitik.
Thomas Altmann von QC Partners ordnete die Lage so ein: "Kevin Warsh gibt den Börsen den Optimismus zurück". Die Rede von Warsh senkte die Markterwartung einer Zinserhöhung im Oktober – ein Faktor, der neben der Auto-Einigung zur freundlichen Stimmung am Mittag beigetragen haben dürfte.
Einzelwerte abseits der Autobranche bewegten sich ebenfalls. Schneider Electric hob seine Umsatz- und Gewinnziele für 2026 erneut an. Aixtron und Nordex meldeten besser als erwartete Zahlen.
Für Anleger gilt: Die Lockerung beim Verbrenner-Aus ist ein regulatorischer Rückenwind für die Automobilbranche, aber kein Freibrief. Die Bewertung der Hersteller hängt künftig stärker davon ab, wie sie die Balance zwischen Verbrennergeschäft und Elektroangebot halten – und wie sich Zinsumfeld und Handelsbeziehungen mit den USA und China entwickeln. Wer in diesem Umfeld investiert, sollte auf eine breite Streuung über Branchen und Regionen achten.
Ausblick
Entscheidend ist, wie die gemeinsame deutsch-französische Position in den weiteren EU-Prozess eingebracht wird. Die Flexibilitätsinstrumente – mehrjährige Zielzeiträume für 2030 und 2031, Mittelwertbildung über mehrere Jahre und die CO2-Gutschriften für 2029 – bilden dabei den konkreten Verhandlungskern. Offen bleibt zudem, ob und in welcher Form Großbritannien der Initiative "Made in Europe" beitritt, die die EU-27 umfasst.
An den Märkten dürfte die Auto-Einigung zunächst weiter für Unterstützung sorgen. Ob sich der Sektor nachhaltig vom Sechsjahrestief der Vorwoche löst, hängt aber auch vom Zinsumfeld ab. Die Rede von Fed-Chef Kevin Warsh hatte die Markterwartung einer Zinserhöhung im Oktober gesenkt; entsprechend aufmerksam werden Anleger die weiteren geldpolitischen Signale aus den USA verfolgen.
Kurz erklärt
- Flottengrenzwert: Grenze für den durchschnittlichen CO2-Ausstoß aller Fahrzeuge eines Herstellers, nicht für jedes einzelne Modell.
- CO2-Gutschriften: Handelsfähige Zertifikate, mit denen Hersteller Emissionsüberschreitungen ausgleichen können.
- Stoxx 600: Breiter europäischer Aktienindex, der die 600 größten börsennotierten Unternehmen Europas umfasst.
