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Canasta-Strategie: Variable Entnahmen für eine sichere Altersvorsorge

Wie eine Kartenspiel-Metapher eines kanadischen Mathematikprofessors die Altersvorsorge revolutionieren könnte.

• 3 Min
Canasta-Strategie: Variable Entnahmen für eine sichere Altersvorsorge

Wie viel Geld darf man im Ruhestand jährlich entnehmen, ohne das Ersparte zu früh aufzubrauchen? Diese Frage beschäftigt Millionen von Rentnern weltweit – und ein kanadischer Mathematikprofessor hat eine ungewöhnliche Antwort darauf gefunden: die sogenannte Canasta-Strategie.

Peter „Gummy" Ponzo, ein pensionierter kanadischer Mathematikprofessor, entwickelte nach seiner Pensionierung eine einfache, aber wirkungsvolle Methode: Er entnahm Einkommen aus seinen Ersparnissen im Verhältnis zu den tatsächlich erzielten Anlagerenditen. Sein Prinzip formulierte er so: „Wenn wir ein gutes Jahr haben, machen wir eine Reise nach China. Wenn wir ein schlechtes Jahr haben, bleiben wir zu Hause und spielen Canasta." Der Name der Strategie war damit geboren.

Peter Forsyth, ein weiterer pensionierter kanadischer Mathematiker, griff Ponzos Ansatz auf und prägte den Begriff „Canasta-Strategie" für diese Form der variablen Entnahme. Das Grundprinzip ist bestechend einfach: Die jährlichen Entnahmen werden an die tatsächliche Portfoliorendite angepasst – in guten Jahren mehr, in schlechten Jahren weniger.

Das Kernproblem der Altersvorsorge

Das zentrale Dilemma bei der Verwaltung von Rentenersparnissen ist bekannt: Wer zu früh zu viel entnimmt, riskiert, im hohen Alter mittellos dazustehen. Wer hingegen zu wenig entnimmt, lebt unnötig bescheiden und könnte am Ende als „reichster Leichnam auf dem Friedhof" enden – wie es im Fachjargon der Finanzplanung heißt. Beide Extreme sind unerwünscht.

Die Rentenbranche geht traditionell davon aus, dass die meisten Rentner ein stabiles jährliches Einkommen benötigen. Das ist verständlich, denn viele Menschen haben ihr ganzes Berufsleben von festen Gehältern gelebt, die mit Inflation und Beförderungen gestiegen sind. Rentenversicherungen bieten zwar Planungssicherheit, bringen aber ihre eigenen Nachteile mit sich.

Als Reaktion auf dieses Dilemma hat sich die sogenannte 4-Prozent-Regel etabliert: Im ersten Rentenjahr werden 4 Prozent des Kapitals entnommen, in den Folgejahren wird dieser Betrag an die Inflation angepasst. Bei einer typischen Asset-Allokation und historischer Marktvolatilität ist die Wahrscheinlichkeit, dass Anhängern dieser Regel innerhalb von 30 Jahren das Geld ausgeht, statistisch gering. Dennoch bleibt ein wesentliches Risiko bestehen.

Das Reihenfolgerisiko als unterschätzter Faktor

„Eine schlechte Performance in den ersten Jahren kann verheerende Auswirkungen darauf haben, wie lange Ihre Rente reicht, wenn Sie Ihre Entnahmen nicht anpassen", erklärt Sarah Coles, Leiterin der Abteilung Personal Finance bei der Investmentplattform AJ Bell. Dieses sogenannte Sequence-of-Returns-Risiko – auf Deutsch: Reihenfolgerisiko – ist einer der gefährlichsten Fallstricke für Rentner mit selbstverwalteten Portfolios.

Genau hier setzt die Canasta-Strategie an: Durch die Anpassung der Entnahmen an die tatsächlichen Renditen wird das Reihenfolgerisiko deutlich verringert. Besonders attraktiv ist dieser Ansatz für Rentner, die bereits an ein variables Einkommen gewöhnt sind – etwa ehemalige Unternehmer oder Empfänger leistungsbezogener Vergütung.

Zwei Praxisbeispiele im Vergleich

Wie könnte eine solche variable Entnahmestrategie konkret aussehen? Der Artikel beschreibt zwei Beispielszenarien mit unterschiedlichen Risikoprofilen:

Der vorsichtige Colin

basiert seine Entnahmen auf der 4-Prozent-Regel. An jedem Neujahrstag bewertet er die Rendite des vergangenen Jahres seines 60/40-Portfolios aus Aktien und britischen Staatsanleihen. War die Rendite positiv, entnimmt er den vollen Nominalbetrag gemäß der 4-Prozent-Regel. Mehrrenditen verbleiben im Fonds bis zu einem Maximum von 100 Prozent der ersten Zahlung; darüber hinausgehende Erträge entnimmt er als Einkommensaufbesserung. Bei schlechten Renditen akzeptiert er eine Kürzung seines Grundeinkommens von bis zu 25 Prozent.

Die risikofreudige Hannah

verfolgt einen offensiveren Ansatz und entnimmt im ersten Jahr 5 Prozent aus ihrem 500.000 Pfund umfassenden Fonds.

Einen wissenschaftlich fundierten Rahmen für variable Entnahmen lieferten die US-Forscher M. Barton Waring und Laurence B. Siegel bereits 2015 in ihrem vielbeachteten Artikel „The only spending rule article you will ever need". Sie plädierten für eine jährliche Entnahme in Höhe der Auszahlung einer fiktiven inflationsgeschützten Leibrente, deren Höhe die Rendite inflationsgeschützter Anleihen widerspiegelt. Zur Absicherung dieser Rendite empfahlen sie eine „Leiter" aus inflationsgeschützten Anleihen, die zu den entsprechenden Terminen fällig werden.

Die Canasta-Strategie ist kein Allheilmittel, aber sie bietet einen flexiblen und mathematisch soliden Ansatz für alle, die ihre Altersvorsorge eigenverantwortlich gestalten wollen. Das Prinzip „Iss, was du erlegst" – also nur so viel ausgeben, wie das Portfolio tatsächlich erwirtschaftet – könnte für viele Rentner eine sinnvolle Alternative zu starren Entnahmeregeln darstellen.

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