BGH: Schufa muss Score-Berechnung nur unter Voraussetzungen offenlegen
Der Bundesgerichtshof stärkt Verbraucherrechte nur teilweise: Score-Auskunft gibt es nicht automatisch, sondern nur bei nachgewiesener Maßgeblichkeit.

Der Bundesgerichtshof (BGH) hat über die Klagen von vier Privatpersonen entschieden, die Auskunft über die Berechnung ihres Schufa-Scores verlangten. Das Ergebnis fällt differenziert aus: Einen Auskunftsanspruch gibt es nicht automatisch, sondern nur unter bestimmten Voraussetzungen. Entscheidend ist, ob der Score für den Abschluss oder die Ablehnung eines Vertrags maßgeblich war.
Die Beweislast für diese Maßgeblichkeit liegt grundsätzlich beim Kläger. Wer Auskunft verlangt, muss also zunächst darlegen, dass der Score ausschlaggebend war. Der BGH räumt Verbrauchern allerdings eine Erleichterung ein: Kann nachgewiesen werden, dass der Score weitergegeben wurde und kurz darauf eine Ablehnung folgte, greift die Vermutung, dass der Score ausschlaggebend war. In diesem Fall besteht Anspruch auf umfassende Auskunft.
Die unteren Instanzen müssen diese Grundsätze nun in vier Verfahren anwenden. Sie tragen die Aktenzeichen I ZR 227/25 bis I ZR 230/25. Das Urteil betrifft ausdrücklich das alte Score-System der Schufa, nicht das neue Modell des Unternehmens.
Die Details
Der Schufa-Score dient Banken und Vermietern als Indikator für die Zahlungsfähigkeit eines Verbrauchers. Wie sich dieser Wert genau zusammensetzt, war für Betroffene bislang meist undurchsichtig. Der Verbraucheranwalt Thomas Schulte zieht einen anschaulichen Vergleich: "Und da möchte man natürlich als Schüler auch wissen, wie sind denn die Dinge gewichtet worden, wie ist es überhaupt dazu gekommen." Genau diese Frage nach der Gewichtung einzelner Faktoren blieb für Verbraucher lange unbeantwortet.
Betroffene wollen in der Regel wissen, welches Verhalten ihre Kreditwürdigkeit hebt oder senkt. Die Schufa ist gesetzlich zu mehr Transparenz verpflichtet. Zugleich gilt: In Bankentscheidungen fließen viele weitere Informationen ein, der Score ist also nicht das einzige Kriterium. Das erklärt, warum der BGH die Auskunftspflicht an die konkrete Maßgeblichkeit des Scores knüpft.
Für das alte Score-System gilt eine Übergangsfrist bis Ende 2028. Bis dahin darf die Schufa das bisherige Modell weiter nutzen. Aus Sicht des Unternehmens ist das neue Score-System klarer aufgebaut. Die Schufa will den alten Score zudem im kommenden Monat transparenter machen. Pressesprecherin Tanja Panhans sagt dazu: "Wir kennen die Kritik an der Blackbox der Schufa, diese wollen wir auflösen." Und weiter: "Aber den Teil, den wir zur Transparenz beitragen können, den liefern wir dazu."
Im November treten neue Datenschutzregeln in Kraft. Wie sich diese Regeln in der Praxis auswirken, ist derzeit noch unklar. Beobachter gehen davon aus, dass sie die Verbraucherrechte stärken dürften. Für die Schufa und andere Auskunfteien bedeutet das einen weiteren Anpassungsbedarf bei den bestehenden Prozessen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 20.02.2026 berichtete aktien.news, dass die Schufa ihr Blackbox-Image ablegen will. Ab dem 17. März 2026 sollten Verbraucher ihren Bonitäts-Score erstmals kostenlos einsehen und die Berechnung eigenständig nachvollziehen können. Der vereinfachte Score spielt eine zentrale Rolle bei der Kreditvergabe, beim Abschluss von Mobilfunkverträgen und sogar bei Energielieferanten.
Nach damaligem Stand basiert der neue Score auf zwölf klar definierten Kriterien und ergibt eine Gesamtpunktzahl zwischen 100 und 999. Je höher der Wert, desto besser wird die Kreditwürdigkeit des Verbrauchers eingestuft. Die Schufa versprach, dass jedes Kriterium Punkte erhält, die sich einfach addieren lassen und die jeweilige Gewichtung im Score widerspiegeln. Mit dieser Offensive wollte das Unternehmen die jahrelange Kritik an der undurchsichtigen Berechnung adressieren.
Das nun ergangene BGH-Urteil betrifft dagegen das alte System, das parallel noch bis Ende 2028 genutzt werden darf. Die Entscheidung fällt damit in eine Übergangsphase, in der zwei Score-Modelle nebeneinander existieren. Für Verbraucher ist deshalb wichtig zu wissen, welches Modell im konkreten Fall herangezogen wurde.
Was das für Anleger bedeutet
Für Privatanleger ist der Score vor allem dann relevant, wenn sie einen Kredit, einen Ratenvertrag oder einen Mobilfunkvertrag abschließen wollen. Ein schlechter Score kann die Konditionen verschlechtern oder einen Vertrag ganz verhindern. Wer eine Ablehnung erhält, sollte prüfen, ob der Score weitergegeben wurde und ob die Ablehnung kurz darauf erfolgte. In diesem Fall greift nach der BGH-Entscheidung die Vermutung, dass der Score ausschlaggebend war, und es besteht Anspruch auf umfassende Auskunft.
Wichtig ist die Einordnung: Der Score ist nur ein Baustein. In Bankentscheidungen fließen viele weitere Informationen ein. Anleger sollten daher nicht davon ausgehen, dass ein guter Score allein über die Konditionen entscheidet. Umgekehrt bedeutet ein schwacher Score nicht automatisch eine Ablehnung. Wer seine Kreditwürdigkeit verbessern will, muss wissen, welche Faktoren überhaupt gewichtet werden, und genau hier setzt die Transparenzdebatte an.
Für Anleger mit Bankaktien ist die Entwicklung ebenfalls von Interesse. Auskunfteien und Scoring-Verfahren sind Teil der Risikosteuerung im Kreditgeschäft. Ändern sich die Transparenzregeln, kann das die Prozesse bei Banken und Vermietern berühren. Konkrete finanzielle Folgen lassen sich aus dem Urteil derzeit jedoch nicht ableiten.
Ausblick
Im November treten die neuen Datenschutzregeln in Kraft. Wie sie sich in der Praxis auswirken, bleibt abzuwarten. Die Schufa plant, den alten Score im kommenden Monat transparenter zu machen. Das alte Score-System darf noch bis Ende 2028 im Rahmen der Übergangsfrist genutzt werden. Die unteren Instanzen müssen die Grundsätze des BGH nun in den vier Ausgangsverfahren anwenden. Erst danach wird sich zeigen, wie streng die Gerichte die Maßgeblichkeit des Scores im Einzelfall auslegen.
Kurz erklärt
- Score: Eine Kennzahl, mit der Auskunfteien die Wahrscheinlichkeit einschätzen, dass ein Verbraucher seine Zahlungsverpflichtungen erfüllt.
- Schufa: Die größte deutsche Auskunftei, die Banken und Vermietern Daten zur Zahlungsfähigkeit von Verbrauchern bereitstellt.
- Auskunftsanspruch: Das Recht eines Verbrauchers, von einem Unternehmen Informationen über die zu seiner Person gespeicherten Daten zu verlangen.
- Beweislast: Die Pflicht einer Partei in einem Gerichtsverfahren, die eigenen Behauptungen mit Nachweisen zu belegen.
