Angst vor KI-Schulden treibt Handel mit Kreditdefaultswaps an
Investoren sichern sich gegen einen Zusammenbruch des KI-Booms ab, das Volumen bei Kreditausfallversicherungen steigt rasant.

Anleger greifen zunehmend zu Kreditdefaultswaps (CDS), um ihre Portfolios gegen einen möglichen Zusammenbruch des Booms rund um Künstliche Intelligenz abzusichern. Der dadurch ausgelöste Anstieg der Handelsvolumina betrifft ein Instrument, das während der globalen Finanzkrise an Bedeutung gewann. Auslöser ist die Welle der Kreditaufnahme, mit der Milliarden-US-Dollar-Ausgaben für KI-Infrastruktur finanziert werden.
Diese versicherungsähnlichen Derivate zahlen aus, wenn das Unternehmen, an das sie gebunden sind, seine Schulden nicht mehr bedient. Im September wurden durchschnittlich pro Woche mehr als 9 Milliarden US-Dollar an Kreditdefaultswaps gehandelt, die an von Oracle, SpaceX, Alphabet, Amazon, Meta, Broadcom und Nvidia ausgegebene Anleihen gekoppelt sind. Im Juli lag dieser Wert noch bei weniger als 2 Milliarden US-Dollar pro Woche. Die Zahlen stammen aus der Research-Abteilung von Morgan Stanley.
Der Druck ist nicht auf den US-Markt begrenzt. Die Aktien des südkoreanischen Rechenzentrumsbauers Elice sanken am ersten Handelstag in Seoul um fast ein Drittel. Damit wächst die Sorge der Anleger über die Bewertungen im gesamten KI-Sektor.
Die Details
Der Vergleich der Handelsvolumina zeigt, wie schnell sich die Stimmung gedreht hat. Wurden im Juli laut Morgan Stanley Research im Schnitt weniger als 2 Milliarden US-Dollar pro Woche an CDS auf die genannten Anleihen bewegt, waren es im September bereits mehr als 9 Milliarden US-Dollar — ein Anstieg auf mehr als das Vierfache. Für Anleihen von Oracle, SpaceX, Alphabet, Amazon, Meta, Broadcom und Nvidia hat sich damit ein Markt gebildet, der zuvor kaum Beachtung fand.
Auch auf Indexebene ist die Bewegung sichtbar. Das Handelsvolumen des US-Corporate-CDS-Index hat nach Daten von Bloomberg dieses Jahr bereits das Gesamtvolumen des Vorjahres übertroffen. Als Zeichen zunehmender Unruhe der Anleger über den Schuldenboom haben die Kosten für den Kauf von CDS auf viele KI-verknüpfte Unternehmen in diesem Monat Rekordhöhen erreicht. Die vollständige Geschichte haben Ramsay Hodgson und Euan Healy verfasst.
Entscheidend ist dabei die Mechanik: Ein CDS funktioniert wie eine Versicherungspolice auf die Bonität eines Schuldners. Steigt die Sorge um die Rückzahlungsfähigkeit, klettern die Prämien — und genau das ist bei den KI-nahen Emittenten zu beobachten. Die Instrumente waren während der globalen Finanzkrise populär geworden und geraten nun in einem neuen Kontext wieder in den Fokus.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 15.10.2026 berichtete aktien.news, dass die Kosten für Absicherungen gegen das Risiko eines Ausfalls von US-Technologiekonzernen Rekordniveaus erreicht haben. Der Bericht wertete dies als weiteres Anzeichen für zunehmende Kreditspannungen im sogenannten „AI-Handel", insbesondere bei Rechenzentren, die auf zukünftige Einnahmen angewiesen sind. Zwar zählten die Aktien der Unternehmen, die den KI-Boom vorantreiben, weiterhin zu den stärksten Gewinnern an den globalen Aktienmärkten, doch viele waren in den Wochen zuvor deutlich eingebrochen. Anleger bewerteten die Kapitalkosten vor dem Hintergrund steigender Zinsen und Inflation neu.
Am 16.10.2026 berichtete aktien.news unter Verweis auf den CNBC Daily Open, dass die Kreditbelastung bei CoreWeave, wachsende Bedenken hinsichtlich der Unternehmensausgaben für Künstliche Intelligenz sowie ein erneut heißer Inflationsbericht in dieser Woche mehr als eine Billion Dollar vom Wert von zwanzig der weltgrößten KI- und Halbleiteraktien abgezogen haben. Im Zentrum des Ausverkaufs stand demnach CoreWeave mit spiralförmig steigenden Kreditproblemen.
Am 17.10.2026 berichtete aktien.news, die vergangene Woche habe nach Einschätzung der Financial Times eine lebhafte Generalprobe dafür geliefert, wie das Platzen einer KI-Bubble an den Märkten aussehen könnte. FT-Chefredakteurin Roula Khalaf rückte die Frage in den Mittelpunkt, was einen echten KI-Schock auslösen könnte — und die Antwort sei nicht ein technischer Defekt oder kalte ökonomische Daten, sondern die allgemeine Marktstimmung, also „Vibes".
Bereits am 29.09.2026 berichtete aktien.news, der US-Chipkonzern Nvidia habe Gespräche mit Versicherungsunternehmen geführt, um die Risiken von Krediten gegen die Pfandstellung seiner Chips zu teilen. Die Gespräche fielen zeitlich mit einem milliardenschweren Kapitalrückfluss an die eigenen Aktionäre zusammen, da Nvidia einen Aktienrückkauf über 150 Milliarden US-Dollar startete. Beide Vorgänge zusammen zeigten das Spannungsfeld des Konzerns zwischen enormem Kapitalbedarf und Rückzahlungen an die Anteilseigner.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Entwicklung vor allem ein Frühindikator. Der CDS-Markt gilt als sensibler als der Aktienmarkt, weil er sich direkt auf die Rückzahlungsfähigkeit von Schuldnern bezieht. Die Kombination aus gestiegenen Volumina, Rekordprämien und dem Auslauf der Indexvolumina des Vorjahres deutet auf eine veränderte Risikowahrnehmung hin, nicht auf eine akute Krise.
Wer in KI-nahen Aktien oder Technologiefonds investiert ist, sollte die steigende Kreditaufnahme der Unternehmen im Blick behalten. Der Fall Elice zeigt, wie schnell Bewertungen an einem einzigen Handelstag unter Druck geraten können. Zugleich bleibt festzuhalten: Die genannten Kennzahlen beschreiben den Markt für Absicherungen, nicht die tatsächliche Zahlungsunfähigkeit der Unternehmen.
Ausblick
Der Blick richtet sich in den kommenden Tagen auf die Quartalszahlen. SpaceX, Netflix, General Motors, 3M, GE Aerospace, Northrop Grumman, Hasbro, United Airlines und Halliburton gehören zu den Unternehmen, die ihre Ergebnisse für das dritte Quartal veröffentlichen. Beim US Census Bureau stehen Daten zu Wohnungsbaubeginnen und Baugenehmigungen für September an, während die National Association of Realtors vorläufige Hausverkaufszahlen für September vorlegt.
Der September-Wert von mehr als 9 Milliarden US-Dollar pro Woche dürfte dabei als Referenzgröße dienen. Sollten die Handelsvolumina weiter steigen, wäre das ein Signal, dass Anleger ihre Absicherung gegen ein Auseinanderbrechen des KI-Booms ausweiten.
Kurz erklärt
- Credit Default Swap (CDS): Ein Derivat, das den Käufer gegen den Ausfall eines Schuldners absichert, ähnlich einer Versicherungspolice auf die Bonität.
- Kreditdefaultswaps auf Einzeladressen: Kontrakte, die sich auf die Anleihen eines einzelnen Unternehmens beziehen und dessen Ausfallrisiko abbilden.
- Rechenzentrumsbetreiber: Unternehmen, die physische Infrastruktur für Rechenleistung bereitstellen und stark von künftigen Einnahmen abhängig sind.
