Alstom-Aktie stürzt um 28 Prozent nach zweiter Gewinnwarnung
Der französische Zugbauer senkt Cashflow- und Margenprognose drastisch und nennt Verzögerungen bei deutschen Verträgen als Ursache.

Die Aktie des französischen Schienenfahrzeugherstellers Alstom ist am Montag um bis zu 28 Prozent eingebrochen. Auslöser war die zweite Rücknahme der Prognosen für Gewinn und Cashflow innerhalb weniger Monate. Im Morgenhandel sackten die an der Pariser Börse notierten Papiere zunächst um 28 Prozent ab, erholten sich anschließend leicht und notierten am Mittag noch rund 25 Prozent im Minus. Damit summiert sich der Kursrückgang im laufenden Jahr auf 54 Prozent.
Alstom ist der zweitgrößte Zughersteller der Welt hinter Chinas CRRC. Für das Gesamtjahr rechnet das Unternehmen nun mit einem Free Cash Flow von minus 1,5 Milliarden Euro – zuvor hatte es einen „positiven" Cashflow in Aussicht gestellt. Bei der bereinigten Gewinnmarge erwartet der Konzern nur noch etwa 1 Prozent statt der bisher prognostizierten 6,5 Prozent. Auch die Umsatzprognose für die zwölf Monate bis März wurde von zuvor rund 5 Prozent auf 2 bis 4 Prozent gesenkt.
Zugleich legte Alstom einen Plan vor, seine Schulden um 2 Milliarden Euro zu reduzieren. Die Verschlechterung der Liquiditätsposition begründet das Management mit Verzögerungen bei einer Reihe großer deutscher Verträge. Es handelt sich um die zweite Gewinnwarnung seit dem Amtsantritt des neuen Chief Executive Martin Sion im April. Bereits seine erste Prognosekürzung hatte einen Kursverlust von 30 Prozent der Unternehmensaktien ausgelöst.
Verzögerungen im Coradia-Max-Programm treiben den Barmittelzufluss ins Minus
Als konkrete Ursache nannte Sion am Montag „Probleme in der Entwicklung und im Projektmanagement, die besser hätten sein sollen" bei einem deutschen Zugprogramm namens Coradia Max. Alstom hatte die Entwicklung zeitweise pausiert, um mehr Tests durchzuführen und einige bereits gefertigte Züge nachzurüsten. Anschließend wurden weitere Probleme mit den Testplänen festgestellt, was die Produktion verzögerte. Die ersten Züge sollen nun erst 2028 geliefert werden und nicht wie geplant im kommenden Jahr.
Das Programm umfasst sechs separate Verträge, und die Verzögerungen werden nach Angaben des Konzerns Strafzahlungen auslösen. Alstom erklärte, einen sofortigen Abschlag für die gesamten Rückschläge beim Coradia-Max-Programm und deren Auswirkungen für die kommenden Jahre zu verbuchen. Die Kaskadeneffekte aus Verzögerungen und Strafzahlungen treffen das Unternehmen damit in einem Geschäftsjahr, in dem der Free Cash Flow ohnehin negativ ausfallen soll.
Im ersten Halbjahr bis zum 30. September meldete Alstom einen jährlichen Anstieg der Aufträge um 5 Prozent auf 11 Milliarden Euro. Die bereinigte Gewinnmarge sank dagegen auf minus 4 Prozent, verglichen mit 6,4 Prozent ein Jahr zuvor. Das Bild ist damit zweigeteilt: Einerseits füllt sich das Auftragsbuch weiter, andererseits verdient das Unternehmen im operativen Geschäft derzeit kein Geld.
Auch außerhalb Deutschlands kämpft Alstom mit der Abwicklung von Verträgen. In Frankreich hat dies zu Verzögerungen bei der Inbetriebnahme der neuesten Version des Doppelstock-TGV geführt. Der neue Zug wird in dieser Woche seine Jungfernfahrt absolvieren – mehr als zwei Jahre nach den Olympischen Spielen in Paris, zu denen er ursprünglich starten sollte.
Alstom hatte bereits 2023/24 eine vergleichbare Sturmphase durchlebt
Bereits am 18.04.2026 berichtete aktien.news, dass die Alstom-Aktie nach einer Gewinnwarnung um rund 27 Prozent auf 16,64 Euro gefallen war. Zum Handelsauftakt hatte der Rückgang sogar etwa 36 Prozent betragen, womit die Aktie kurzzeitig auf das Niveau vom Frühjahr 2024 abrutschte. Auslöser war damals eine Rücknahme der Finanzziele für das laufende Geschäftsjahr, bei der das Unternehmen sowohl den angestrebten freien Barmittelzufluss als auch die Prognose für die operative Marge korrigierte. Gemessen an den Jahreshochs vom Februar hatte sich der Kurs damit in kurzer Zeit nahezu halbiert.
Am 07.08.2026 berichtete aktien.news zudem, dass die Deutsche Bahn den ICE auf der Strecke Berlin–Paris vorerst aus dem Fahrplan strich. Als Ursache nannte ein Bahnsprecher technische Probleme mit dem europäischen Zugsicherungssystem des Herstellers Alstom. Die Bahn forderte den Konzern auf, „die Fehler umgehend zu beheben"; Alstom erklärte, man arbeite intensiv daran, die Verbindung „schnellstmöglich wieder zu ermöglichen". Ein konkreter Zeitplan für die Wiederaufnahme des Betriebs stand damals nicht fest.
Weitere Belastungen stammen aus der Vergangenheit: Auf die Übernahme des kanadischen Konkurrenten Bombardier folgten mehrere Gewinnwarnungen seit 2021 sowie Verträge mit mangelnder Margenträchtigkeit. Bereits 2023/24 hatte Alstom eine ähnliche Phase durchlebt, damals die Guidance gesenkt, Vermögenswerte verkauft, um die Schulden um weitere 2 Milliarden Euro zu reduzieren, und unter seinem ehemaligen Chef Kapital beschafft.
Für Aktionäre bleibt das Risiko weiterer Ausführungsprobleme hoch
Für deutsche Privatanleger ist die Kombination aus negativem Free Cash Flow, gesenkter Marge und angekündigtem Schuldenabbau der zentrale Punkt. Alstom verfügt nach eigenen Angaben weiterhin über ein kräftiges Auftragsbuch. Oft macht das Unternehmen die unregelmäßige Natur der Verträge in der Branche für Schwierigkeiten bei der Prognose verantwortlich. Allerdings hatte Alstom auch Probleme bei der Abwicklung von Verträgen – und die zweite Guidance-Kürzung innerhalb weniger Monate belastet die Glaubwürdigkeit der Planzahlen.
Hinzu kommt der Druck auf der Bilanz: Der nun angekündigte Abbau der Schulden um 2 Milliarden Euro reiht sich in ein vergleichbares Vorgehen aus dem Geschäftsjahr 2023/24 ein. Der Kursrückgang von 54 Prozent seit Jahresbeginn zeigt, wie deutlich der Markt die Risiken inzwischen einpreist. Eine Einschätzung, ob die Aktie nach dem Kurssturz günstig bewertet ist, lässt sich aus den vorliegenden Angaben nicht ableiten – sie enthalten keine Bewertungskennziffern.
Martin Sion will die Leistung ab dem nächsten Geschäftsjahr normalisieren
Der Chief Executive konzentriert sich nach eigenen Worten auf die Ausführungsprobleme, die den französischen TGV-Hersteller seit Jahren plagen, und hat Expertenteams entsandt, um Projekte zu überprüfen. Sion sagte, er beabsichtige, die Leistung des Konzerns ab dem nächsten Geschäftsjahr zu „normalisieren". Konkrete neue Zielmarken nannte er dabei nicht.
Operativ bleibt zunächst die Lieferung der ersten Coradia-Max-Züge im Jahr 2028 abzuwarten, nachdem der ursprünglich geplante Termin im kommenden Jahr nicht gehalten werden kann. In Frankreich steht in dieser Woche die Jungfernfahrt der neuesten Version des Doppelstock-TGV an. Die für die zwölf Monate bis März geltenden Ziele – Umsatzwachstum von 2 bis 4 Prozent, bereinigte Marge von etwa 1 Prozent und Free Cash Flow von minus 1,5 Milliarden Euro – bilden den Rahmen, an dem sich der Konzern messen lassen muss.
Drei Fachbegriffe ordnen die Zahlen des Berichts ein
- Free Cash Flow: Kennzahl für den Barmittelzufluss aus dem operativen Geschäft nach Abzug von Investitionen, der für Schuldentilgung oder Ausschüttungen zur Verfügung steht.
- Bereinigte Gewinnmarge: Verhältnis von operativem Gewinn zu Umsatz, wobei Sonderposten rechnerisch herausgenommen werden.
- Guidance: Von einem Unternehmen veröffentlichte Prognose zu Umsatz, Ergebnis oder Cashflow für einen bestimmten Zeitraum, die bei neuen Erkenntnissen angepasst wird.
