Abbott Laboratories gliedert Ernährungsgeschäft aus: Similac-Klagen lasten auf Sparte
Der US-Gesundheitskonzern trennt sich von seiner Sparte mit Ensure, Glucerna und Similac und bringt sie als eigenständiges Unternehmen an die Börse.

Der US-Gesundheitskonzern Abbott Laboratories will sein Ernährungssegment in ein eigenständiges börsennotiertes Unternehmen ausgliedern. Die Sparte kommt auf einen Jahresumsatz von 8,5 Milliarden US-Dollar und war zuletzt durch kostspielige Rechtsstreitigkeiten im Zusammenhang mit Säuglingsnahrung erheblich belastet. Den Schritt teilte das Unternehmen am Mittwoch mit.
Als Begründung führt Abbott an, dass das Ernährungssegment als unabhängiges Unternehmen „besser positioniert sein wird, seine Ressourcen strategischer zu fokussieren". Zum Portfolio der Sparte gehören die Nährshakes Ensure und Glucerna sowie die Säuglingsnahrungsmarke Similac. Für deutsche Anleger ist der Vorgang relevant, weil Abbott mit einer Marktkapitalisierung von 183 Milliarden US-Dollar zu den größten Gesundheitskonzernen an der Wall Street gehört.
Abbott ist damit das jüngste Unternehmen, das sein Ernährungsgeschäft abgibt. In den vergangenen Jahren hat eine Welle von Sammelklagen und Produktrückrufen die Branche getroffen. Der Konzern reagiert also nicht als Einzelfall, sondern folgt einem Muster, das sich im Sektor bereits abzeichnet.
Die Details
Die rechtlichen Lasten sind erheblich. Abbott und der Wettbewerber Mead Johnson standen gemeinsam 1.700 Klagen gegenüber, in denen Ansprüche im Namen von 12.700 Säuglingen geltend gemacht wurden. Den Klagen zufolge soll die verwendete Säuglingsnahrung zur Entwicklung einer nekrotisierenden Enterokolitis beigetragen haben, einer schweren Darmerkrankung.
Im August hatte Abbott vereinbart, 670 Millionen US-Dollar zu zahlen, um Ansprüche beizulegen, die im Namen von etwa 2.000 Kindern erhoben wurden, die nach der Verwendung von Similac eine Darmerkrankung entwickelten. Der Konzern bestreitet weiterhin jedes Fehlverhalten. Im September zahlte Abbott zudem fast 385 Millionen US-Dollar an das US-Justizministerium, um einen Fall nach dem False Claims Act im Zusammenhang mit Kontaminationen in einem Werk in Michigan beizulegen.
Auch operativ lief es zuletzt nicht rund. Die jüngste Performance von Abbott wurde durch enttäuschende Ergebnisse im Ernährungssegment belastet. Im Januar stürzten die Aktien des Unternehmens an einem einzigen Handelstag um 10 Prozent ab – der schlechteste Handelstag seit 2002.
Im dritten Quartal hellte sich das Bild auf. Am Mittwoch meldete Abbott Ergebnisse und erklärte, die Umsätze im Ernährungssegment seien im Vergleich zum Vorjahr um 5,1 Prozent gestiegen. Wachstum gab es sowohl in den US-amerikanischen als auch in den internationalen Erwachsenengeschäften sowie in den pädiatrischen Divisionen. Die Aktien der Gruppe legten kurz nach Eröffnung der Wall Street am Mittwoch um 3,7 Prozent zu. Dadurch reduzierte sich der Kursverlust seit Jahresbeginn auf etwa 16 Prozent.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 16.07.2026 berichtete aktien.news, dass Abbott seine Jahresgewinnprognose für 2026 angehoben und die Erwartungen der Analysten im zweiten Quartal übertroffen hatte. Als Treiber galten damals die starke Nachfrage nach dem neu erworbenen Krebsdiagnostik-Geschäft sowie nach Herzgeräten. Die Aktie reagierte vorbörslich mit einem Kursanstieg von knapp 4 Prozent. Für das zweite Quartal meldete Abbott einen bereinigten Gewinn pro Aktie von 1,31 US-Dollar und übertraf damit die Analystenschätzung von 1,28 US-Dollar; der Gesamtumsatz lag mit 12,59 Milliarden US-Dollar leicht über den Erwartungen von 12,5 Milliarden US-Dollar.
Der Umbau des Ernährungsgeschäfts ist kein isoliertes Phänomen. Am 04.02.2026 berichtete aktien.news, dass der neue Nestlé-Chef Philipp Navratil laut einem Bericht der Financial Times einen umfassenden strategischen Umbau des weltgrößten Lebensmittelkonzerns vorbereitet. Die Neuausrichtung soll sich auf vier zentrale Geschäftssäulen konzentrieren: Kaffee, Tiernahrung, Ernährung und Gesundheit sowie Lebensmittel und Snacks.
Am 17.08.2026 berichtete aktien.news, dass Nestlé den Aufstieg von Abnehmmedikamenten wie Ozempic und Wegovy als Wachstumschance begreift und mit künstlicher Intelligenz sowie Ernährungswissenschaft Produkte für GLP-1-Nutzer entwickelt. Rund 16 Millionen Amerikaner nehmen laut der Boston Consulting Group bereits solche Medikamente ein.
Am 03.10.2026 berichtete aktien.news zudem, dass der Konsumgütersektor unter Druck steht. Steigende Kosten und belastete Kunden sorgen dafür, dass sich viele Unternehmen dieses Sektors als weniger unverzichtbar erweisen als gemeinhin angenommen. In den USA machen die Consumer Staples laut dem Investmentmanager Bespoke Invest nur noch einen rekordniedrigen Anteil von 4,6 Prozent am S&P 500 aus. Sorgen über die Auswirkungen von Gewichtskontroll-Medikamenten auf den Appetit der Verbraucher trugen nicht zur Beruhigung der Anleger bei.
Was das für Anleger bedeutet
Für bestehende Abbott-Aktionäre ist die Ausgestaltung der Transaktion zentral. Den Aktionären werden Anteile an der neuen öffentlich gehandelten Einheit durch eine steuerfreie Ausgliederung gewährt. Sie erhalten also keine Barabfindung, sondern ein zusätzliches Wertpapier im Depot, dessen künftige Entwicklung vom Erfolg des eigenständigen Ernährungsgeschäfts abhängt.
Die Ausgliederung trennt zwei sehr unterschiedliche Geschäfte. Auf der einen Seite steht das Ernährungssegment mit 8,5 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz und erheblichen Rechtsrisiken, auf der anderen Seite das verbleibende Abbott-Portfolio, das zuletzt vor allem mit Krebsdiagnostik und Herzgeräten punktete. Anleger sollten beachten, dass die rechtlichen Auseinandersetzungen mit der Ausgliederung nicht automatisch verschwinden – Abbott bestreitet weiterhin jedes Fehlverhalten.
Ein Blick auf den Wettbewerb lohnt sich. Reckitt Benckiser gab 2024 an, strategische Optionen für sein Ernährungssegment Mead Johnson zu prüfen, hat das Vermögen jedoch noch nicht verkauft. Dieser Text ist keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung.
Ausblick
Die Transaktion soll bis Ende des nächsten Jahres abgeschlossen sein. Daniel Salvadori, Executive der Abbott Nutrition, wird als Chief Executive Officer des neuen Unternehmens dienen. Damit steht die Führung der künftigen Einheit bereits fest.
Offen bleibt die Entwicklung bei Mead Johnson. Reckitt Benckiser hat sein Ernährungssegment bislang nicht verkauft. Für den Sektor bleibt abzuwarten, ob weitere Konzerne dem Beispiel von Abbott folgen und ihre Ernährungsgeschäfte verselbstständigen.
Kurz erklärt
- Spin-off: Bei einer Ausgliederung erhalten bestehende Aktionäre Anteile an einem neu börsennotierten Unternehmen, das aus einem Teilkonzern hervorgeht.
- Nekrotisierende Enterokolitis: Eine schwere Darmerkrankung, die in den Klagen mit der Verwendung von Säuglingsnahrung in Verbindung gebracht wird.
- False Claims Act: Ein US-Gesetz, das die Abrechnung falscher Ansprüche gegenüber staatlichen Stellen unter Strafe stellt.
- Sammelklage: Ein Verfahren, in dem Ansprüche mehrerer Betroffener gebündelt geltend gemacht werden.
