US-Gewinnsaison im dritten Quartal: Extrem hohe Erwartungen als Hürde
UniCredit-Stratege Christian Stocker und DWS-CIO Vincenzo Vedda sehen starke Quartalsgewinne, warnen aber vor hohen Erwartungen und Konzentrationsrisiken.

Die Berichtssaison für das dritte Quartal steht unmittelbar bevor – und die Messlatte für die US-Unternehmen liegt außergewöhnlich hoch. Christian Stocker, Equity-Stratege bei der UniCredit, rechnet damit, dass sich die positive Gewinnentwicklung im dritten Quartal fortsetzt. Die eigentliche Herausforderung sieht er jedoch nicht im Wachstum selbst, sondern in der Höhe der Erwartungen, die die Anleger an die Unternehmen richten.
Die Konsensschätzungen prognostizieren für das Quartal ein Wachstum des Gewinns je Aktie im S&P 500 von rund 27 Prozent. Stocker bezeichnet dieses Niveau als historisch betrachtet außergewöhnlich stark. „Die entscheidende Frage ist nicht, ob die Gewinne wachsen werden, sondern ob es den Unternehmen gelingt, eine Hürde zu nehmen, die von den Anlegern zunehmend höher gelegt wurde“, so der Stratege.
Auch die DWS bleibt für das vierte Quartal optimistisch für US-Aktien. In einem Bericht von Chief Investment Officer Vincenzo Vedda stützt die Fondsgesellschaft ihre Einschätzung auf die weit verbreitete Erwartung anhaltender Stärke bei den Unternehmensgewinnen und auf robustes Wirtschaftswachstum. Zugleich benennt Vedda klare Risiken, die diese Einschätzung gefährden könnten.
Die Details
Stocker verweist auf die Marktkonzentration, die das Risiko enttäuschender Gewinne erhöht. Wenn nur wenige große Titel das Wachstum tragen, schlägt ein Fehltritt einzelner Unternehmen überproportional auf den Index durch. Trotz der hohen Erwartungen erwartet der Stratege dennoch eine positive Gewinnperiode. Als Treiber nennt er die Monetarisierung von KI, Produktivitätssteigerungen und eine starke grundlegende Nachfrage.
Vedda wiederum identifiziert hohe Anleiherenditen als Risiko, da sie den Bewertungsdruck in vielen Marktsegmenten erhöhen. Ein weiteres Risiko sieht er in der anhaltenden Konzentration der Gewinne im Technologiesektor. Rund 50 Prozent des erwarteten S&P-500-Gewinnwachstums für das dritte Quartal sollen voraussichtlich aus Investitionen in die KI-Infrastruktur stammen. Eine mögliche Verlangsamung der Konsumausgaben angesichts hoher Energiepreise stellt aus seiner Sicht ebenfalls ein Risiko dar.
Beim geopolitischen Umfeld bleibt der DWS-CIO vorsichtig: „Solange der Konflikt zwischen den USA und dem Iran ungelöst bleibt, ist wahrscheinlich kein All-clear zu erwarten“, sagt Vedda. Sollte die Gewinnentwicklung hinter den Erwartungen zurückbleiben, könnten die Aktienmärkte unter Druck geraten, heißt es in dem Bericht.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die aktuelle Einschätzung reiht sich in eine Serie von Berichten ein, die aktien.news in den vergangenen Tagen veröffentlicht hat. Bereits am 04.10.2026 berichtete aktien.news, dass das vierte Quartal begonnen hat und die Ergebnisse des dritten Quartals einlaufen – den Auftakt machten Delta, Pepsi und Levi Strauss, während die eigentliche Earnings-Saison mit den Zahlen der Großbanken wie JPMorgan Chase und Bank of America Fahrt aufnimmt. Damals hieß es, Analysten hätten ihre Schätzungen für den Gewinn je Aktie der Unternehmen im S&P 500 im Laufe des Quartals um 1,3 Prozent angehoben, wie eine Analyse von FactSet zeigt.
Am 05.10.2026 berichtete aktien.news in einem Marktausblick, dass die Finanzmärkte zu Beginn des vierten Quartals vor einer ereignisreichen Phase stehen. Geprägt sei sie von einem Spannungsfeld zwischen der bemerkenswerten Resilienz der Aktienmärkte und wachsenden makroökonomischen Belastungsfaktoren. Während der S&P 500 nahe seinem Allzeithoch notierte, sorgten steigende Anleiherenditen für zunehmende Nervosität unter den Investoren. Als Treiber dieser Entwicklung galten Inflationssorgen sowie die hohen Investitionskosten für den Aufbau von KI-Infrastruktur. Ein zentraler Fokus lag auf der Geldpolitik der Federal Reserve, deren Protokoll der September-Sitzung des FOMC am Mittwoch veröffentlicht werden sollte.
Am 07.10.2026 meldete aktien.news unter Berufung auf Goldman Sachs, dass die Gewinne des S&P 500 im September-Quartal um 27 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen sein sollen. Getragen werde dieses Wachstum von den Unternehmen im Zentrum des KI-Infrastruktur-Booms. Das Umsatzwachstum werde voraussichtlich 12 Prozent erreichen; damit wäre es das dritte Quartal in Folge, in dem das Gewinnwachstum die Marke von 25 Prozent übersteigt.
Am 10.10.2026 berichtete aktien.news, dass die Berichtssaison in der kommenden Woche richtig Fahrt aufnimmt. Mit Citigroup, Goldman Sachs, Wells Fargo und JPMorgan Chase legen gleich vier der größten US-Banken am Dienstag ihre Zahlen vor, am Mittwoch folgen Morgan Stanley, Bank of America sowie der Vermögensverwalter BlackRock. Für die Banken wurde laut FactSet-Daten ein Gewinnwachstum von rund 10 Prozent erwartet – ein Wert, der ihrer historischen Entwicklung entspricht.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger, die über Einzelaktien oder breit gestreute Indexprodukte am US-Markt engagiert sind, verschiebt sich der Fokus in dieser Berichtssaison. Nicht das Wachstum an sich ist der kritische Punkt, sondern die Frage, ob die Unternehmen die bereits sehr hoch gesteckten Erwartungen übertreffen können. Die Konsensschätzungen mit rund 27 Prozent Zuwachs beim Gewinn je Aktie im S&P 500 lassen nur wenig Spielraum für Enttäuschungen.
Hinzu kommt die Struktur des Wachstums. Wenn rund 50 Prozent des erwarteten Gewinnwachstums aus Investitionen in die KI-Infrastruktur stammen, hängt die Entwicklung des Gesamtindex stark an einer vergleichsweise kleinen Gruppe von Unternehmen. Diese Konzentration erhöht nach Einschätzung von Stocker das Risiko enttäuschender Gewinne. Vedda nennt zusätzlich hohe Anleiherenditen, die den Bewertungsdruck in vielen Marktsegmenten erhöhen, sowie eine mögliche Verlangsamung der Konsumausgaben bei hohen Energiepreisen.
Beide Strategen bleiben dennoch konstruktiv. Stocker erwartet eine positive Gewinnperiode, Vedda hält an einem optimistischen Ausblick für US-Aktien im vierten Quartal fest. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten – die Einschätzungen beschreiben Erwartungen und Risiken, nicht die individuelle Anlagestrategie.
Ausblick
Der weitere Verlauf der Berichtssaison dürfte nach Einschätzung der beiden Strategen entscheidend dafür sein, ob die Aktienmärkte ihre jüngste Stabilität halten können. Sollte die Gewinnentwicklung hinter den Erwartungen zurückbleiben, könnten die Märkte unter Druck geraten. Als belastende Faktoren bleiben hohe Anleiherenditen, die Konzentration der Gewinne im Technologiesektor und die mögliche Verlangsamung der Konsumausgaben im Gespräch.
Auf geopolitischer Ebene verweist Vedda auf den ungelösten Konflikt zwischen den USA und dem Iran. Solange dieser nicht gelöst ist, rechnet er nicht mit einem All-clear. Aus der jüngsten Berichterstattung von aktien.news bleibt zudem das Protokoll der September-Sitzung des FOMC im Blick, das Aufschluss über die Gründe der jüngsten Zinsanhebung geben sollte.
Kurz erklärt
- Gewinn je Aktie: Der auf eine einzelne Aktie entfallende Anteil am Unternehmensgewinn, eine zentrale Kennzahl für die Bewertung von Aktien.
- Konsensschätzung: Der Durchschnitt der Prognosen vieler Analysten zu künftigen Unternehmenszahlen.
- Anleiherendite: Die Rendite, die Anleger mit einer Anleihe erzielen; steigende Renditen erhöhen den Bewertungsdruck auf Aktien.
- Marktkonzentration: Die Abhängigkeit eines Index von wenigen großen Unternehmen, die einen hohen Anteil am Gesamtergebnis tragen.
