Übernahmeschlacht in der Chemiebranche: Evonik weist BASF-Offerte zurück
BASF bietet 24 Euro je Aktie für Evonik, doch der Essener Spezialchemiekonzern lehnt den elf Milliarden Euro schweren Vorstoß formell ab.

Die deutsche Chemieindustrie befindet sich in einer Phase der strategischen Neupositionierung, die derzeit von einem hochkarätigen Übernahmekampf zwischen den Branchengrößen BASF und Evonik geprägt ist. BASF-Chef Markus Kamieth hat sein Werben um den Essener Spezialchemiekonzern Evonik intensiviert, stößt jedoch auf massiven Widerstand beim Management des Zielunternehmens. Der Vorstand von Evonik erteilte dem Vorstoß am Freitag eine formelle Absage.
BASF hatte zuletzt ein Angebot von 24 Euro je Aktie unterbreitet, was einer Prämie von fast 40 Prozent auf den unbeeinflussten Schlusskurs vor Bekanntwerden der ersten Medienberichte entsprach. Das Gesamtvolumen der Offerte belief sich auf rund elf Milliarden Euro. Kamieth bezeichnete den Zusammenschluss als „logischen und sinnvollen Schritt zum richtigen Zeitpunkt“, um einen wettbewerbsfähigeren und widerstandsfähigeren globalen Akteur zu schaffen.
In einer Ad-hoc-Meldung betonte Evonik, man konzentriere sich weiterhin auf die strategische Weiterentwicklung als eigenständiges Unternehmen. Zwar zeigte sich Evonik offen für einen „rein informativen und vertraulichen Austausch“, doch die grundsätzliche Verhandlungsbereitschaft wurde verweigert. BASF reagierte enttäuscht und bezeichnete die Ablehnung angesichts der attraktiven Prämie und der umfangreichen Standortzusagen als „nicht nachvollziehbar“.
BASF sichert Standorte und Beschäftigung bis 2032 zu
Um die Bedenken der Arbeitnehmervertreter und der einflussreichen RAG-Stiftung – die rund 43 Prozent der Evonik-Aktien hält – zu zerstreuen, hatte Kamieth weitreichende Garantien abgegeben. In einer Videobotschaft versprach er den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen bis 2032 sowie die Wahrung bestehender Tarifverträge. Zudem betonte er, dass Essen und Nordrhein-Westfalen als Standorte erhalten blieben, inklusive der Leitung von Geschäfts- und Funktionseinheiten. Auch das Angebot, die Chemieparks in Marl und Wesseling weiter zu betreiben, sollte die Akzeptanz erhöhen.
Die RAG-Stiftung, deren Kuratorium mit hochrangigen Politikern besetzt ist, steht vor einer komplexen Abwägung: Einerseits lockt ein hoher Verkaufspreis zur Finanzierung der Ewigkeitslasten des Steinkohlebergbaus, andererseits wiegen die politischen Bedenken hinsichtlich der Arbeitsplatzsicherheit in der kriselnden deutschen Chemiebranche schwer. Für deutsche Anleger ist die Entscheidung der Stiftung damit ein zentraler Faktor für den weiteren Verlauf der Übernahmeschlacht.
Evonik setzt auf radikalen Umbau statt Verkauf
Während BASF auf Konsolidierung setzt, verfolgt Evonik unter dem derzeitigen Interimschef Claus Rettig, der den erkrankten Christian Kullmann vertritt, einen radikalen Umbauplan. Das Unternehmen will sich vom reinen Produktionsstandort zu einem „vielfältigen Innovationshub“ entwickeln. Ralph Marquardt, Vize-Transformations-Chef, skizzierte in Erlangen das Ziel, eine Verzahnung zwischen Universitäten, Start-ups und Industrie zu schaffen – nach dem Vorbild der Life-Science-Cluster in Boston und Cambridge.
Dieser Umbau ist mit schmerzhaften Einschnitten verbunden: Bis 2029 sollen insgesamt rund 6.000 Stellen abgebaut werden, davon 2.150 in Deutschland. Die sechs Kernstandorte erhalten jeweils neue Profile. So soll der Standort Essen zum Zentrum für digitale Formulierungsentwicklung werden, während Marl als Demonstrationshub für grüne Industrie mit den Schwerpunkten Wasserstoff und Direct Air Capturing fungieren soll. Evonik will zudem seine Abhängigkeit vom europäischen Markt reduzieren und den Umsatz künftig zu gleichen Teilen aus Europa, Asien und Amerika generieren.
Kamieth steht unter wachsendem Erfolgsdruck
Für Markus Kamieth ist die Causa Evonik ein entscheidender Test. Trotz einer angehobenen Gewinnprognose für 2026 – einem bereinigten Ergebnis zwischen 7,4 und 7,8 Milliarden Euro – reagierte der Kapitalmarkt verhalten auf die Quartalszahlen. Kamieth steht unter dem Druck, nach der Schrumpfkur der letzten Jahre, inklusive Verkäufen von Lack- und Farbgeschäften, wieder Wachstum zu generieren.
Sollte die Übernahme von Evonik scheitern, fehlen in Europa gleichwertige Alternativen. Experten spekulieren, dass BASF dann verstärkt in den USA nach Zukäufen suchen könnte. Die Zeit drängt jedoch: Evonik selbst agiert aktiv und prüft laut Medienberichten eine milliardenschwere Übernahme des US-Spezialchemieherstellers Ashland. Ein solcher Schritt würde Evonik als Konsolidierer positionieren und die Übernahme durch BASF kartellrechtlich und strategisch deutlich erschweren. Ob Evoniks Alleingang Erfolg verspricht, wird sich nach der Vorlage der Quartalszahlen am 3. November zeigen.
