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Russland: Bargeld-Boom belastet die schwächelnde Kriegswirtschaft

Drohnenangriffe, Steuererhöhungen und Misstrauen treiben Russen zurück zum Bargeld – mit spürbaren Folgen für den Staatshaushalt.

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Russland: Bargeld-Boom belastet die schwächelnde Kriegswirtschaft

Russland erlebt seit Jahresbeginn den stärksten Anstieg des Bargeldumlaufs außerhalb der Covid-19-Pandemie. Laut einer BBC-Analyse von Zentralbankdaten brachte das Land seit Januar 1,56 Billionen Rubel – umgerechnet rund 20 Milliarden US-Dollar – neu in Umlauf. Dieser Trend belastet eine Kriegswirtschaft, die ohnehin unter wachsendem Druck steht.

Zwei Hauptursachen treiben die Entwicklung an: Erstens haben ukrainische Drohnenangriffe den Kreml wiederholt dazu veranlasst, das mobile Internet in weiten Teilen des Landes abzuschalten. Dadurch konnten viele Menschen schlicht nicht mehr mit Karte bezahlen. „Bargeld zur Hand zu haben, gibt einem ein gewisses Gefühl von Kontrolle und Sicherheit", sagte eine Frau in Moskau der BBC anonym. „Wenn es in der Stadt einen Notfall gibt, weiß ich, dass ich immer noch lebensnotwendige Güter kaufen kann, selbst wenn das Mobilfunknetz ausfällt."

Zweitens drängt der steigende finanzielle Druck auf Unternehmen zur Steuervermeidung. Der Kreml hatte zum Jahresbeginn die Mehrwertsteuer von 20 auf 22 Prozent angehoben und gleichzeitig die Schwelle gesenkt, ab der kleine und mittlere Unternehmen diese zahlen müssen. Viele Betriebe stehen damit am Rand ihrer wirtschaftlichen Belastbarkeit.

Unternehmen weichen in die Schattenwirtschaft aus

Apotheken, Restaurants, Schönheitssalons und kleine Läden drängen ihre Kunden zunehmend zur Barzahlung, um Einnahmen an den Steuerbehörden vorbeizuschleusen. „Die Stände auf unserem Markt haben einer nach dem anderen geschlossen, weil es sich nicht mehr lohnt, offen zu bleiben", sagte eine Betreiberin eines Bekleidungsgeschäfts in der westrussischen Stadt Pskow der BBC. „Die meisten, die noch Handel treiben, bitten die Kunden, wann immer möglich bar zu bezahlen, damit weniger Geld durch die Kasse geht."

Laut einer Umfrage des größten russischen KMU-Verbandes Opora Russia vom Mai gaben etwa 6 Prozent der Unternehmer an, auf „Grauzonen-Modelle" zurückgegriffen zu haben, um die neue Steuerlast zu bewältigen – darunter das Vermeiden von Kassenbelegen. Barzahlungen helfen Firmen dabei, den Umsatz niedriger auszuweisen, um unter der Mehrwertsteuerschwelle zu bleiben. Barlohnzahlungen wiederum helfen, Lohnnebenkosten zu umgehen.

Taras Skworzow, Finanzvorstand der Sberbank – Russlands größtem Kreditinstitut – warnte im vergangenen Monat vor „sehr ernsten Anzeichen" dafür, dass mehr Unternehmen Löhne „in Umschlägen" auszahlen. „Wir sehen nicht, dass Bargeld über die Bargeldeinzahlung, Geldautomaten oder Selbstbedienungsterminals in das Bankensystem zurückkehrt", sagte Skworzow laut der staatlichen Nachrichtenagentur Interfax. „Es bleibt in den Händen der Menschen."

Widerspruch in der Regierungsstrategie

Experten sehen in der Entwicklung einen strukturellen Widerspruch innerhalb der russischen Regierung. „Ein Arm der Regierung versucht, durch höhere Steuern, Bußgelder und andere Abgaben so viel Geld wie möglich aus den Menschen herauszupressen", sagte Alexander Koljandr, Non-Resident Senior Fellow am Center for European Policy Analysis, der BBC. „Ein anderer Arm untergräbt diese Strategie jedoch, indem er versucht, sogenannte terroristische Bedrohungen abzuwehren, und dadurch die Steuereintreibung erschwert."

Der Trend kommt zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt: Russland kämpft mit einem wachsenden Haushaltsdefizit und benötigt jeden Rubel zur Finanzierung des Krieges in der Ukraine. Im Mai senkte das russische Wirtschaftsministerium seine BIP-Wachstumsprognose für 2026 auf lediglich 0,4 Prozent – das wäre das schwächste Wirtschaftswachstum seit 2022.

Bemerkenswert ist, dass die Rückkehr zum Bargeld trotz attraktiver Zinsen auf Bankeinlagen stattfindet. Eine einjährige Festgeldanlage über 100.000 Rubel bei der Sberbank wird derzeit mit 10 Prozent verzinst – ein Niveau, das die Zentralbank hochhält, um die hartnäckige, kriegsgetriebene Inflation zu bekämpfen. Dennoch hoben Russen im Mai allein 550 Milliarden Rubel von Bankkonten ab, darunter 200 Milliarden Rubel von Festgeldkonten.

Der jüngste Anstieg ist nicht der erste seiner Art. Der Bargeldumlauf war bereits nach Putins Teilmobilmachung im September 2022 sprunghaft gestiegen sowie während der kurzen Meuterei der Söldnergruppe Wagner im Juni 2023. Der Instinkt aus der Sowjetära, Geld „unter der Matratze" aufzubewahren, kehrt offenbar zurück – und untergräbt dabei die Finanzierungsbasis des russischen Staates in einem seiner teuersten Kriege seit Jahrzehnten.

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