KI als Finanzberater: Chancen und Risiken für Privatanleger
Sprachmodelle analysieren Aktien und bauen Depots zusammen, doch ESMA und Verbraucherschützer sehen erhebliche Risiken.

Immer mehr Bundesbürger lassen sich bei Geldanlage und Finanzplanung von künstlicher Intelligenz beraten. Einer Bitkom-Umfrage zufolge hat jeder vierte Bundesbürger eine KI bereits um Finanzrat gefragt. Eine Erhebung von EY kommt sogar auf 39 Prozent, die KI zur Optimierung ihrer Finanzplanung nutzen. Die Sprachmodelle analysieren Aktien, vergleichen ETFs und stellen ganze Depots zusammen.
Ein Beispiel, das Joachim Nareike nennt, zeigt, wie konkret solche Fragen inzwischen werden: Wer 19 Jahre alt ist, bis 67 arbeiten will und Millionär werden möchte, kann dieses Szenario mit einem Sprachmodell durchspielen. Nareike gibt allerdings zu bedenken: "Dass man sein Alter noch richtig eingibt, ist klar, aber bei der finanziellen Situation hört es meistens schon ein bisschen auf, weil die meisten Leute gar nicht so genau wissen, wie ihre eigene finanzielle Situation tatsächlich ist."
Die Leistungsfähigkeit der Modelle ist dennoch beachtlich. Das ifo Institut München hat 32 KI-Sprachmodelle im Vergleich untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass KI-Portfolios mit professionell verwalteten Depots mithalten können. Auch eine Studie der Stanford University bescheinigt den Modellen brauchbare Finanztipps – allerdings abhängig von der Fragestellung.
Die Qualität der Empfehlung hängt stark vom Prompt ab
Wer ein Sprachmodell um Rat bittet, bekommt keine standardisierte Beratung, sondern eine Antwort auf eine selbst formulierte Frage. Die Empfehlungsqualität hängt deshalb stark davon ab, wie präzise der Prompt formuliert ist. Fehlen Angaben zu Anlagehorizont, Einkommen oder Schulden, arbeitet die KI mit Annahmen, die der Nutzer nicht kontrolliert.
Hinzu kommt ein Punkt, den viele Anleger unterschätzen: Die eigene Risikobereitschaft ist zentral für jede Anlagestrategie und für die Altersvorsorge. Wer sie nicht kennt oder nicht mitteilt, erhält Vorschläge, die nicht zu seiner Lebenssituation passen. Ein Modell kann diese Einschätzung nicht ersetzen, es spiegelt nur wider, was ihm mitgeteilt wird.
Ein weiteres Risiko liegt in der Technik selbst. Sprachmodelle können halluzinieren, also Informationen erfinden, die überzeugend klingen, aber falsch sind. Auf dieser Grundlage getroffene Anlageentscheidungen können zu finanziellen Verlusten führen. Wer KI-Antworten ungeprüft übernimmt, trägt dieses Risiko selbst.
Die ESMA warnt vor der alleinigen Nutzung von Chatbots
Die europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA hat 2025 ausdrücklich davor gewarnt, sich bei der Geldanlage allein auf Chatbots zu verlassen. Ein Grund: Die Empfehlungen der Systeme basieren teils auf falschen oder veralteten Daten. Zudem unterliegt öffentlich zugängliche KI nicht denselben gesetzlichen Anforderungen wie ein zugelassener Anlageberater.
Für Privatanleger bedeutet das vor allem eines: Es gibt keine Instanz, die für die Richtigkeit der Antwort haftet. Auch beim Datenschutz ist Vorsicht geboten. Nur knapp ein Viertel der Befragten teilt Kontoaktivitäten gern mit einer KI. Persönliche Finanzdaten sollten Anleger nur zurückhaltend weitergeben, da unklar bleibt, wie Anbieter sie verwenden.
Verbraucherschützer sehen Interessenkonflikte bei den KI-Anbietern
Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sieht in den wirtschaftlichen Interessen der Anbieter ein Risiko. "Je mehr Verbraucher sich über die KI informieren, desto interessanter wird natürlich auch die KI für Werbetreibende", sagt er. OpenAI führt in diesem Jahr Werbung in der kostenlosen ChatGPT-Version ein. Das Unternehmen betont, die Werbung habe keinen Einfluss auf die Antworten und werde getrennt und klar gekennzeichnet.
Nauhauser verweist zugleich darauf, dass Interessenkonflikte kein reines KI-Problem sind. Viele Verbraucher hätten sich ratsuchend an Verkäufer gewandt, die ihnen teure, unrentable und nicht funktionierende Produkte verkauft hätten. Dieses Muster kennt die klassische Finanzberatung seit Langem.
KI senkt die Einstiegshürde, doch die Verantwortung bleibt beim Anleger
Trotz aller Warnungen sieht Nauhauser in Sprachmodellen auch eine Chance: Sie können Verbrauchern unabhängige Informationen zugänglich machen. Für Unerfahrene senkt KI die Einstiegshürden am Kapitalmarkt, weil erste Fragen zu Aktien, ETFs oder Altersvorsorge ohne Termin und ohne Kosten beantwortet werden können.
Klar ist aber: Die Verantwortung für die Anlageentscheidung bleibt beim Anleger. KI taugt als Einstieg und zur Orientierung, ersetzt aber keine verbindliche Beratung. Wer die Antworten gegenprüft, die eigene Risikobereitschaft kennt und sensible Daten schützt, nutzt die Technik mit einem angemessenen Sicherheitsabstand.
