JPMorgan: Keine schnelle Erholung für KI-Aktien nach Oktober-Rücksetzer
Die Strategen um Nikolaos Panigirtzoglou sehen die Buy-the-Dip-Mentalität geschwächt – weniger Rückkäufe, weniger Short-Positionen, mehr gehebelte ETF-Positionen.

Der Oktober hat sich für KI-Aktien erneut schwierig entwickelt. Anders als noch im Juli rechnet das globale Strategie-Team von JPMorgan diesmal jedoch nicht mit einer schnellen und eindeutigen Erholung. Die US-Großbank verweist auf eine veränderte Marktstruktur, die den aktuellen Kursrücksetzer anders verlaufen lässt als den vorangegangenen.
Im Juli war der Monat für KI-Aktien unansehnlich, die Korrektur aber nur von kurzer Dauer – die Erholung fiel schnell und bedeutsam aus. Genau diese Dynamik fehlt dem aktuellen Rücksetzer nach Einschätzung der Strategen. Nikolaos Panigirtzoglou weist Anleger darauf hin, dass die Mentalität, auf Kursrückschläge mit Käufen zu reagieren, nachgelassen hat.
Diese „Buy-the-Dip"-Haltung galt lange als verlässlicher Stabilisator für den Technologiesektor. Fällt sie weg, fehlt dem Markt ein wichtiger Puffer nach unten. JPMorgan benennt drei konkrete Entwicklungen, die diesen Puffer derzeit schwächen.
Die Details
Erstens sind die Aktienrückkäufe der Unternehmen rückläufig. Rückkäufe wirken in der Regel stützend auf den Kurs, weil sie das Angebot an frei handelbaren Aktien verringern. Bleiben sie aus, entfällt ein Nachfragefaktor, der in früheren Korrekturen half.
Zweitens gibt es weniger Short-Positionen am Markt. Leerverkäufer setzen auf fallende Kurse; steigen die Kurse, müssen sie ihre Positionen schließen und kaufen die Aktien zurück. Dieser Mechanismus kann bei fallenden Kursen als Kaufimpuls wirken. Weniger Short-Positionen bedeuten entsprechend weniger solches Rückkaufpotenzial.
Drittens befinden sich in börsengehandelten Fonds (ETFs) mehr gehebelte Positionen als zuvor. Gehebelte Positionen verstärken Bewegungen in beide Richtungen. In einem Abwärtsmarkt können sie den Verkaufsdruck erhöhen, statt ihn abzufedern.
Zusammengenommen erklären diese drei Faktoren, warum JPMorgan für den Oktober-Rücksetzer nicht dieselbe schnelle Erholung erwartet wie im Juli. Die Analyse stammt aus dem globalen Strategie-Team der Bank und wurde von MarketWatch aufgegriffen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 11.02.2026 berichtete aktien.news, dass JPMorgan nach einem KI-bedingten Ausverkauf bei US-Softwareaktien attraktive Einstiegschancen sah. Die Strategen um Dubravko Lakos-Bujas erklärten damals, der Markt preise Worst-Case-Szenarien für KI-Disruptionen ein, deren Eintritt in den nächsten drei bis sechs Monaten unwahrscheinlich sei. Der S&P 500 Software and Services Index hatte innerhalb von sechs Handelstagen bis Donnerstag bis zu 17 Prozent an Wert verloren.
Am 11.05.2026 meldete aktien.news, dass JPMorgan KI-Aktien in Schwellenländern mehr Potenzial zusprach als denen in den USA – und das zu günstigeren Bewertungen. Strategen unter Leitung von Mislav Matejka erwarteten für die zweite Jahreshälfte 2026 eine weitere deutliche Rally. Der MSCI Emerging Market Index war im bisherigen Jahresverlauf 2026 um rund ein Fünftel gestiegen.
Am 06.07.2026 berichtete aktien.news, dass JPMorgan Anlegern empfahl, Kursrücksetzer bei globalen Aktien gezielt zu nutzen. Mislav Matejka, Leiter der globalen und europäischen Aktienstrategie, bekräftigte mit seinem Team die Einschätzung für das zweite Halbjahr 2026. Auch der jüngste Rückgang bei Chip-Werten sollte demnach als Kaufgelegenheit gewertet werden.
Am 01.10.2026 warnte aktien.news über eine JPMorgan-Notiz vor erneuten Exzessen bei der Aktienpositionierung und der Hebelwirkung. Die Warnung stammte von Nikolaos Panigirtzoglou. Er schrieb: „Erhöhte Aktienpositionierungen und Hebelwirkungen sind erneut aufgetaucht, wenn auch in geringerem Maße als im Juni/Juli des Vorjahres, was den Aktienmärkten bis ins vierte Quartal hinein einige Herausforderungen bereitet."
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger zeigt der Vergleich zwischen Juli und Oktober, dass ein Kursrücksetzer nicht automatisch eine Kaufgelegenheit ist. Entscheidend ist, welche Marktmechanismen eine Erholung stützen – und diese Mechanismen sind derzeit schwächer ausgeprägt als zuvor.
Wer in KI-Aktien investiert ist, sollte die genannten Faktoren im Blick behalten: die Rückkaufaktivität der Unternehmen, die Short-Positionen am Markt und den Anteil gehebelter ETF-Positionen. Sie bestimmen mit, wie stark ein Abwärtsmarkt ausfallen kann. JPMorgan selbst gibt in der aktuellen Analyse keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung ab.
Bemerkenswert ist die Entwicklung der Einschätzungen im Jahresverlauf. Im Februar, Mai und Juli hatte JPMorgan wiederholt auf Kaufchancen hingewiesen. Mit der Notiz vom 01.10.2026 und der aktuellen Analyse rückt die Bank nun die Risiken stärker in den Vordergrund.
Ausblick
JPMorgan erwartet für den Oktober-Rücksetzer keine so schnelle und eindeutige Erholung wie im Juli. Die Bank nennt in der Analyse keine konkreten Kursziele oder Zeitpunkte. Beobachtenswert bleibt, ob die Aktienrückkäufe der Unternehmen wieder zunehmen und ob sich die Positionierung am Markt verändert.
Die frühere Warnung vom 01.10.2026 bezog sich ausdrücklich auf das vierte Quartal. Panigirtzoglou hatte damals auf Herausforderungen „bis ins vierte Quartal hinein" hingewiesen. Ob sich diese Einschätzung bestätigt, hängt auch davon ab, wie sich die Hebelwirkung im Markt weiterentwickelt.
Kurz erklärt
- Buy-the-Dip: Strategie, bei der Anleger fallende Kurse nutzen, um Aktien günstiger zu kaufen.
- Short-Position: Wette auf fallende Kurse, bei der Anleger Aktien leihen und später zurückkaufen.
- Aktienrückkauf: Wenn ein Unternehmen eigene Aktien am Markt zurückkauft und damit das Angebot verringert.
- Gehebelte ETF-Position: Ein börsengehandelter Fonds, dessen Kursbewegungen durch Kredite oder Derivate verstärkt werden.
