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Femizid als Bestseller: Wenn Frauenmord Bücher verkauft

Eine Analyse der Bestsellerlisten zeigt: Romane über ermordete Frauen dominieren den Buchmarkt – und kaum jemand bemerkt es.

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Femizid als Bestseller: Wenn Frauenmord Bücher verkauft

Frauenmorde verkaufen Bücher – und zwar in einem Ausmaß, das aufhorchen lässt. In der Woche, in der die britische Politikerin Ann Widdecombe zu Hause brutal ermordet wurde, thematisierten sieben von zehn Romanen auf der Taschenbuch-Bestsellerliste der Sunday Times den Mord an einer Frau. Ein weiterer Roman zeigte eine schwer gefolterte weibliche Hauptfigur.

Die Zahlen sind eindeutig: Von den insgesamt 115.705 verkauften Exemplaren der Bestseller jener Woche drehten sich 86.760 um Frauen, die auf die eine oder andere Weise getötet werden. Durch einen bemerkenswerten Zufall liegt diese Zahl nahe an den 83.000 Frauen, die laut Schätzungen der Vereinten Nationen jährlich weltweit von Männern im Rahmen von Femiziden vorsätzlich getötet werden.

Die Bandbreite der dargestellten Mordmethoden ist dabei erschreckend kreativ: vergiftete Ingwerplätzchen, eine tödliche Tracht Prügel, eine Autobombe, eine Enthauptung und das Stoßen von einer Klippe an einem bekannten Suizidort. The Hallmarked Man von Robert Galbraith und The Family Friend von Claire Douglas lassen jeweils zwei weibliche Charaktere sterben.

Das Phänomen „Cosy Femicide"

Selbst das vermeintlich harmlose Genre des „Cosy Crime" bleibt nicht verschont. The Impossible Fortune, der jüngste Teil von Richard Osmans erfolgreicher Serie The Thursday Murder Club, hat sich bislang über 430.000 Mal verkauft und enthält ebenfalls eine tote Frau als Handlungselement – auch wenn diese Figur sich versehentlich selbst tötet.

Was daran besonders beunruhigt, ist die gesellschaftliche Gleichgültigkeit gegenüber diesem Phänomen. Zum Vergleich: Würden neun von zehn Romanen auf der Bestsellerliste dasselbe andere Thema behandeln – sei es Künstliche Intelligenz, Umwelt oder US-Politik – würde die öffentliche Debatte sofort einsetzen. Die Obsession mit ermordeten Frauen hingegen bleibt weitgehend unreflektiert.

Ein historischer Vergleich verdeutlicht das Ausmaß der heutigen Fixierung. Shakespeare schrieb rund 37 Stücke mit mehr als 1.000 Charakteren, von denen 16 Prozent – also 155 – Frauen sind. Davon werden lediglich fünf von Männern ermordet, zwei davon in Othello. Bei Charles Dickens mit seinen rund 1.000 Charakteren wird nur eine bedeutende Heldin von einem Mann getötet: Nancy in Oliver Twist.

Wer schreibt, wer liest – und warum?

Ein häufiges Gegenargument lautet, dass es oft Frauen sind, die diese Bücher schreiben. Tatsächlich waren sieben der zehn Autoren auf der besagten Bestsellerliste Frauen – darunter Robert Galbraith, das Pseudonym von JK Rowling. Auch die Leserschaft ist überwiegend weiblich: Rund 80 Prozent der Belletristik-Bücher in Großbritannien, den USA und Kanada werden von Frauen gekauft.

Der daraus abgeleitete Schluss – Frauen schreiben und lesen diese Bücher, also gefallen sie ihnen – greift jedoch zu kurz. In Anlehnung an Margaret Atwood lässt sich formulieren: „Männer haben Angst, dass Frauen sie auslachen; Frauen haben Angst, dass Männer sie töten." Die Auseinandersetzung mit dem eigenen schlimmsten Albtraum im sicheren Rahmen eines Romans könnte erklären, warum Frauen solche Bücher lesen – nicht bloß als leichtfertige Unterhaltung, sondern als Form der Verarbeitung realer Ängste.

Die eigentliche Frage bleibt offen: Was bewirkt die schleichende Allgegenwart solcher Gewalt für das Sicherheitsgefühl von Frauen in der heutigen Gesellschaft? Es geht nicht darum, mehr ermordete Männer in der Literatur zu fordern oder gegenseitige Schuldzuweisungen zu verteilen. Es geht darum, sich bewusst zu machen, womit wir als Gesellschaft kollektiv besessen sind – und was das über uns aussagt.

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