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Colin Thubrons „Passage": Meisterwerk über Ehe, Gedächtnis und Vergänglichkeit

Der britische Reiseschriftsteller Colin Thubron legt mit „Passage" seinen neunten Roman vor – eindringlich, präzise und literarisch brillant.

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Colin Thubrons „Passage": Meisterwerk über Ehe, Gedächtnis und Vergänglichkeit

Colin Thubron, einer der bedeutendsten britischen Reiseschriftsteller der Gegenwart, überrascht mit seinem neunten Roman „Passage" erneut. Das schmale Werk mit 144 Seiten erscheint bei Chatto & Windus und kostet 14,99 britische Pfund. Thubron publiziert seit fast 60 Jahren und gilt als Autor mit weitreichender Erfahrung, der seine hart erarbeitete Expertise geschickt einsetzt.

Im Mittelpunkt steht Kathleen, eine Schauspielerin in ihren Vierzigern, die an einem Hirntumor erkrankt ist. Der Tumor liegt gefährlich nah am Hippocampus – dem Sitz des Gedächtnisses – und muss operativ entfernt werden. Die Eröffnungsszene des Romans ist dabei von unmittelbarer Fesselungskraft: Kathleens Kopf ist starr in einen Rahmen geschraubt, damit die filigranen Instrumente des Chirurgen das lebende Gewebe nicht verletzen. Da das Gehirn keine Schmerzrezeptoren besitzt, bleibt sie bei Bewusstsein und muss ununterbrochen sprechen.

Ehe im Brennglas

Kathleens Ehemann Robert, selbst Neurochirurg, entscheidet sich, während der Operation im Saal anwesend zu sein. Beim Anblick des freigelegten Gehirns seiner Frau beginnt er zu bereuen, dort zu sein. Ein Freund bemerkt, seine scheinbar unterstützende Anwesenheit sei wohl eher durch „männliche Dummheit" motiviert gewesen. Robert erweist sich im Verlauf des Romans als kaum mehr als ein Nebendarsteller, dessen Unzulänglichkeiten die Enttäuschungen der Ehe verdeutlichen.

Eine weitaus sympathischere Rolle spielt Roberts Bruder Alan. Die Schilderung seines ersten Treffens mit Kathleen – beide saßen als Teenager auf dem Stamm einer umgestürzten Ulme – beschreibt die Rezension als „lyrisch, zart und berührend überzeugend". Alan begleitet das Paar später auf einer Reise nach Ägypten, die Kathleen nach ihrer Operation hartnäckig verfolgt, obwohl er trübsinnig davon ausgeht, nur dabei zu sein, um eheliche Spannungen zu mildern.

Die Geschichte wird in einer Abfolge von 14 oft kargen Vignetten erzählt. Einige davon reichen 30 Jahre zurück in die Zeit, als sich alle Beteiligten kennenlernten. Der Rest ist weitgehend chronologisch und widmet sich den Wochen nach Kathleens Operation. Thubron verschwendet dabei keine Worte mit unnötigen Erklärungen und erwartet von seinen Lesern, subtil eingestreute Hinweise selbst aufzugreifen.

Ägypten als literarischer Höhepunkt

In Ägypten tritt Kathleens schauspielerische Fähigkeit zur genauen Beobachtung in den Vordergrund. Sie wird von der Altertümlichkeit und Schönheit ihrer Umgebung physisch und emotional überwältigt. Roberts Reaktion darauf – „Beruhige dich, du weißt, dass du hysterisch bist" – offenbart einmal mehr die Kluft zwischen den Eheleuten. Thubrons akribisch strukturierte Berichte über den Besuch im Tal der Könige werden in der Rezension als „so brillant wie alles, was er jemals geschrieben hat" gelobt.

Ein ägyptischer Reiseleiter mit eigener politischer Agenda mischt sich in die Handlung ein. Sein Schicksal erinnert laut Rezension unweigerlich an Dr. Aziz aus E. M. Forsters Klassiker „Auf der Suche nach Indien" (A Passage to India) – auch er versucht, sich mit englischen Reisenden anzufreunden, und wird missverstanden und verraten. Der Titel des Romans könnte eine bewusste Anerkennung dieses literarischen Echos sein.

Das vorherrschende Schlussbild des Romans ist ein langer, dunkler, glitzernder Gang, der tiefer und tiefer in Richtung eines leeren Sarkophags im Grab eines längst verstorbenen Pharaos führt. Das Wort „Passage" trägt dabei mehrere dunkle, transitionelle Bedeutungsebenen für diesen vollendeten und eindringlichen Roman. Colin Thubron wird am 5. September auf dem FT Weekend Festival in den Kenwood House Gardens in London auftreten und gemeinsam mit Elif Shafak über das Einfangen von Ortsgefühlen in der Literatur sprechen.

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