CoreWeave jagt Versicherungskapital für milliardenschweren KI-Ausbau
Der KI-Cloud-Anbieter CoreWeave will Lebensversicherer als Geldgeber gewinnen, um seinen massiven Infrastrukturausbau günstiger zu finanzieren.

CoreWeave, der von Nvidia unterstützte KI-Cloud-Anbieter, sucht aktiv den Zugang zu den riesigen Kapitalpools der Lebensversicherungsbranche. Mitgründer Brannin McBee, der die Finanzierungsaktivitäten des Unternehmens leitet, bezeichnet das Kapital der Versicherer als „quasi das gesamte Geld der Welt". Ziel ist es, günstigere Finanzierungsquellen für die rund zehn Milliarden US-Dollar zu erschließen, die CoreWeave jährlich für Chips und andere KI-Infrastruktur ausgibt.
Der Schlüssel dazu liegt im Erwerb von Investment-Grade-Ratings – sowohl für einzelne chipgesicherte Schuldtitel als auch langfristig für das Unternehmen selbst. Erst mit solchen Ratings öffnen sich die Türen zu Versicherern, die regulatorisch auf hochwertige Anleihen angewiesen sind. „Das ist massiv, das ist so groß für uns", sagte McBee über den bisherigen Fortschritt.
CoreWeave steht dabei exemplarisch für einen breiteren Trend: Der KI-Boom finanziert sich zunehmend über Schulden. Lebensversicherer – und die Billionen Dollar, die sie verwalten – sind zum begehrtesten Ziel für Kreditnehmer geworden, die nach günstiger Finanzierung suchen.
Die Details
Anfang dieses Jahres sicherte sich CoreWeave ein Kreditpaket über 8,5 Milliarden US-Dollar, das durch Chips und einen langfristigen Vertrag mit Meta abgesichert war – ein in der Branche als „Offtake" bekanntes Geschäft. Es war das erste chipgesicherte Kreditpaket von CoreWeave, das vollständig mit einem Investment-Grade-Rating versehen wurde.
Den ersten Deal dieser Art hatte McBee bereits 2023 abgeschlossen: einen Kredit über 2,3 Milliarden US-Dollar, angeführt von Blackstone und gesichert gegen Nvidias Grafikprozessoren sowie einen Offtake-Vertrag mit Microsoft. Die effektive Zinsrate lag damals bei etwa 15 Prozent – weit über den typischen Renditen von Junk Bonds – eröffnete jedoch einen völlig neuen Markt für chipgesicherte Schulden. Seitdem hat CoreWeave fünf weitere solche Kredite zu niedrigeren Raten abgeschlossen und insgesamt rund 27 Milliarden US-Dollar gesichert.
Die Finanzierungsstruktur funktioniert nach einem klaren Prinzip: Die Chips befinden sich in Tochtergesellschaften, und jeder erwirtschaftete Dollar zahlt zuerst Zinsen, Tilgung und Betriebskosten. Die verbleibenden 20 Cent fließen an die Muttergesellschaft. McBee vergleicht diesen Ansatz mit der Finanzierung von Kraftwerken: „Man sagt: Hier ist eine Idee, und dann verkauft man vorab Verträge, die mit dieser Idee verbunden sind, und nutzt diese Verträge zusammen mit der Sicherung, um sie zu finanzieren."
Insgesamt hat CoreWeave in diesem Jahr mehr als 35 Milliarden US-Dollar über chipgesicherte Kredite, High-Yield-Anleihen, konvertible Anleihen und Aktienverkäufe eingesammelt. Die Schulden- und Leasingverpflichtungen beliefen sich Ende Juni auf rund 52 Milliarden US-Dollar. Die Zinskosten haben sich im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt und erreichten 640 Millionen US-Dollar. Die Verschuldung lag bei etwa dem 5,8-fachen des annualisierten EBITDA. S&P stuft das finanzielle Risiko von CoreWeave als „aggressiv" ein.
Der nächste Schritt in der Finanzierungsstrategie ist es, Versicherer dazu zu bringen, auch Kredite zu kaufen, die von Kunden mit niedrigerem Rating – etwa KI-Laboren – gesichert sind. McBee glaubt, dass bevorstehende Börsengänge großer KI-Labore dabei helfen werden, deren Kreditwürdigkeit zu verbessern.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 31.03.2026 berichtete aktien.news, dass CoreWeave sich eine Kreditlinie über 8,5 Milliarden US-Dollar gesichert hatte, um den massiven Ausbau der KI-Infrastruktur voranzutreiben. Das Unternehmen gilt als wichtiger Infrastrukturpartner im KI-Ökosystem und zählt namhafte Technologiekonzerne zu seinen Kunden.
Am 26.06.2026 berichtete aktien.news über die explodierenden Rechenzentrumskosten: CoreWeaves Auftragsbestand war um fast 300 Prozent im Jahresvergleich auf 99,4 Milliarden US-Dollar gestiegen, während die Kosten für KI-fähige Anlagen auf 15 bis 25 Millionen US-Dollar pro Megawatt geschätzt wurden.
Am 29.09.2026 berichtete aktien.news gleich zweifach über das Thema Versicherungen und KI-Finanzierung: Nvidia hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mit Versicherungsunternehmen über Möglichkeiten verhandelt, einen Teil des mit seinen Chips verbundenen Finanzierungsrisikos abzutransferieren. Im Zentrum standen potenzielle Versicherungen für Kredite an kleinere Neocloud-Unternehmen, die Kreditgeber schützen sollen, falls ein Darlehensnehmer ausfällt und die als Sicherheit hinterlegten Chips nicht zu einem ausreichenden Preis wiederverkauft werden können.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist CoreWeave ein Paradebeispiel für die hochriskante, aber wachstumsstarke Infrastrukturschicht des KI-Booms. Kreditanalyst Jordan Chalfin von CreditSights lobt zwar, dass CoreWeave bei seiner Finanzierung „sehr kreativ" gewesen sei, warnt aber gleichzeitig: Die Kreditkosten könnten steigen, da mehr Konkurrenten und große Hyperscaler ähnliche chipgesicherte Geschäfte erkunden.
Chalfin weist zudem auf eine strukturelle Schwachstelle hin: Investoren haben Bedenken hinsichtlich einer Diskrepanz zwischen den langen Rechenzentrum-Leasingverträgen und den kürzeren Kundenverträgen. „Wenn es zu einer Überkapazität kommt, warum würden Kunden ihren Vertrag mit CoreWeave verlängern?", fragt er. Die ungesicherten Anleihen von CoreWeave bringen laut Chalfin fast 15 Prozent Rendite – ein Zeichen für das eingepreiste Risiko.
Analysten prognostizieren laut Visible Alpha für dieses Jahr einen negativen Free Cash Flow von rund 25 Milliarden US-Dollar, für nächstes Jahr 28 Milliarden US-Dollar und für 2028 noch 18 Milliarden US-Dollar. McBee selbst räumt ein: „Wenn wir heute mit dem Bau aufhören, wären wir immens cashflow-positiv." Doch das Unternehmen setzt bewusst auf Wachstum: „Wir befinden uns in einer Phase, in der man riesig sein muss."
Laut S&P Capital IQ haben die drei Mitgründer von CoreWeave in diesem Jahr etwa 2 Milliarden US-Dollar an Aktien verkauft. McBee betont, dass der Großteil des Gründervermögens weiterhin in CoreWeave-Aktien investiert sei.
Ausblick
McBee plant, CoreWeave innerhalb von „einigen Jahren" auf ein Investment-Grade-Rating für das Gesamtunternehmen zu heben. Die aktive Leistung soll von derzeit mehr als 1,5 Gigawatt bis Ende 2030 auf 8 Gigawatt ausgebaut werden. CoreWeave hat nach eigenen Angaben nahezu seine gesamte Kapazität für 2027 verkauft und unterzeichnet bereits Deals für 2028 und darüber hinaus.
CoreWeave schaut zudem „aktiv" auf ein 500-Milliarden-US-Dollar-Finanzierungsprogramm, das Nvidia im August mit institutionellen Partnern wie Goldman Sachs vorgestellt hatte. McBee erwartet, dass CoreWeave dieses Programm mitgestalten wird – eine Vertiefung der ohnehin engen Beziehung zwischen beiden Unternehmen, die mehr als 2 Milliarden US-Dollar an Nvidia-Investitionen, eine 6,3-Milliarden-US-Dollar-Vereinbarung zum Kauf ungenutzter Rechenkapazität und die Verankerung des CoreWeave-Börsengangs umfasst.
Kurz erklärt
- Offtake-Vertrag: Eine langfristige Vereinbarung, bei der ein Abnehmer sich verpflichtet, eine bestimmte Menge an Leistung oder Kapazität eines Anbieters zu kaufen.
- Investment-Grade-Rating: Eine Bonitätseinstufung durch Ratingagenturen, die signalisiert, dass ein Schuldner als kreditwürdig gilt und damit Zugang zu günstigeren Finanzierungsquellen erhält.
- Neocloud: Aufstrebende Cloud-Anbieter, die speziell auf den Betrieb großer Cluster von KI-Chips ausgerichtet sind und Rechenleistung an KI-Labore und Technologiekonzerne vermieten.
