Argentinien rutscht in die Rezession und Milei steht unter Druck
Die Wirtschaft des Landes schrumpft das zweite Quartal in Folge, der Konsum bricht ein, und die Präsidentschaftswahl 2027 rückt näher.

In einer familiengeführten Fabrik in Buenos Aires steht eine Maschine still, die Socken in verschiedenen Farben verpackt. Eseka produziert im Werk nach Angaben der Agentur Reuters noch nahezu 3 Millionen Artikel pro Monat, darunter Unterwäsche und Badebekleidung für die Marken Cocot und Dufour. Doch wie viele lokale Unternehmen kämpft das Unternehmen um sein Überleben.
Seit dem Amtsantritt von Präsident Javier Milei vor knapp drei Jahren sind die Umsätze um rund 40 Prozent eingebrochen. Zurückzuführen ist das auf schwache Konsumentennachfrage und den Wettbewerb durch günstigere Importe, nachdem die Regierung Handelsbeschränkungen aufgehoben hat. Die Folgen reichen weit über einzelne Firmen hinaus: Der private Konsum macht in Argentinien etwa zwei Drittel des Bruttoinlandsprodukts aus. Jeder anhaltende Rückgang der Ausgaben wirkt sich daher belastend auf die Gesamtwirtschaft aus.
Ökonomen gehen davon aus, dass die Wirtschaft im dritten Quartal wahrscheinlich in eine Rezession gerutscht ist. Das ist ein Test der Geduld der Wähler – ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl im Oktober 2027, bei der Milei nach allgemeiner Erwartung für eine zweite Amtszeit kandidieren wird.
Rund 32.300 Unternehmen haben seit Dezember 2023 ihre Tore geschlossen
Laut dem Thinktank Fundar schlossen in dem Zeitraum vom Amtsantritt Mileis im Dezember 2023 bis Juli rund 32.300 Unternehmen – etwa 6 Prozent aller Firmen in Argentinien. „Die Situation ist kritisch", sagte Ricardo Kuchikian, der Eseka zusammen mit seinem Bruder Gustavo besitzt. Das Unternehmen verzeichnete im vergangenen Jahr Verluste und reduzierte seine Belegschaft um etwa 30 Prozent. Mehr als die Hälfte der Rundstrickmaschinen in der Sockenfabrik steht still.
„Der Konsum ist in den letzten drei Jahren sehr stark gesunken", sagte Kuchikian. Konkrete Zahlen zur Kaufzurückhaltung liefert das Marktforschungsunternehmen Scentia, das die Verkäufe in Supermärkten, kleinen Einzelhändlern und auf E-Commerce-Plattformen verfolgt. In den ersten neun Monaten des Jahres fiel der Konsum in Argentinien demnach im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Jahres 2025 um 2,7 Prozent.
Die Inflation fiel von 200 auf 30 Prozent, die Armut stieg auf fast ein Drittel
Mileis radikale Sparmaßnahmen haben die Inflation von einem rekordverdächtig hohen Niveau von 200 Prozent auf 30 Prozent verlangsamt und andere makroökonomische Ungleichgewichte unter Kontrolle gebracht. Bei weiten Teilen der breiten Öffentlichkeit sind diese Vorteile bisher jedoch nicht angekommen. Der Anteil der Argentinier, die unter der Armutsgrenze leben, ist nach einem Achtjahres-Tiefstand im Jahr 2025 auf fast ein Drittel der Bevölkerung gestiegen.
Die Wirtschaftsaktivität soll im Zeitraum Juli bis September zum zweiten Quartal in Folge geschrumpft sein, was der gängigen Definition einer Rezession entspricht. Offizielle Daten für das Quartal werden im November veröffentlicht. „Die argentinische Wirtschaft befindet sich technisch gesehen in einer moderaten Rezession", sagte Ricardo Delgado, Leiter der Beratungsagentur Analytica. Das BIP fiel bereits im zweiten Quartal gegenüber dem ersten Quartal um 0,6 Prozent, und Delgado prognostiziert für das dritte Quartal einen weiteren Rückgang von rund 1,5 Prozent. Für 2027 wird eine leichte Erholung prognostiziert.
Die Industrie schrumpfte im August um 3,2 Prozent, der Handel um 3,5 Prozent
Offizielle Daten vom August zeigen nach Angaben der argentinischen Statistikbehörde INDEC, dass die Fertigungsindustrie im Jahresvergleich um 3,2 Prozent zurückging, der Einzel- und Großhandel um 3,5 Prozent sank und das Baugewerbe um 2,5 Prozent rückläufig war. Auch Martin Abigador, Direktor von Dakuba, einem weiteren familiengeführten Unternehmen, das Stoffe vertreibt, spürt den Druck. „Seit Ende 2023 denke ich, sind die Verkäufe um 40 Prozent gefallen", sagte er. Sein Unternehmen sei nicht in der Lage gewesen, den von ihm als „aggressiven Wettbewerb" bezeichneten Einfluss ausländischer Importe, hauptsächlich aus China, auszugleichen.
Nicht die gesamte Wirtschaft leidet. Energie-, Bergbau- und Agrarsektor haben sich unter Mileis Modell als Gewinner herauskristallisiert, angetrieben durch Exporte und Investitionen in Argentiniens enorme Schieferöl- und Gasspeicher sowie durch die steigende globale Nachfrage nach Mineralien wie Lithium. Die Stärke dieser exportorientierten Sektoren hat den Einbruch anderer Branchen, die mit dem Binnenmarkt verbunden sind, bisher aber nicht ausgeglichen. Die Textilindustrie, die Automobilfertigung, der Einzelhandel und das Baugewerbe bleiben unter Druck, da die Verbraucher weiterhin unter der angespannten Lage leiden. Delgado von Analytica sagte voraus, dass sich diese zweigleisige Wirtschaft auch 2027 mit „Auf- und Abschwüngen" fortsetzen werde, und warnte, dass sich die privaten Finanzen der Haushalte vor der Wahl kaum spürbar verbessern dürften.
Laut einer Umfrage sank Mileis Zustimmungswert im Oktober auf 36 Prozent
Laut einer jüngsten Umfrage der Beratungsagentur Giacobbe y Asociados sank Mileis Zustimmungswert im Oktober leicht auf 36 Prozent, während der Ablehnungswert auf 56 Prozent stieg. Milei hat Änderungen an seinem Wirtschaftsplan ausgeschlossen und Behauptungen, die Menschen könnten ihre Ausgaben nicht mehr decken, als „kolossalen Unsinn" abgetan. Investoren haben Mileis Lockerung strenger Importbeschränkungen sowie der Kapital- und Währungskontrollen und anderer Vorschriften begrüßt, die den Geschäftsbetrieb in Argentinien lange Zeit belastet hatten. Für viele lokale Unternehmen hat diese Entwicklung jedoch zu einer schmerzhaften Anpassung geführt, da sie nun günstigeren importierten Waren ausgesetzt sind, während die inländische Nachfrage schwächelt.
Ein Sprecher der Regierung verteidigte das ungleichmäßige Tempo der Erholung und erklärte, dass Wachstum niemals gleichmäßig über alle Sektoren hinweg erfolge. „Dies ist das Wirtschaftsprogramm, an das der Präsident glaubt, und er wird es nicht ändern", sagte der Sprecher. Zurück in der Sockenfabrik befürchtete Kuchikian, dass „die nationale Industrie verschwinden könnte", wenn Mileis Politik weitergeht.
Bereits am 23.10.2026 berichtete aktien.news über die Kehrseite der Reformen
Bereits am 23.10.2026 berichtete aktien.news, dass sich Argentinien drei Jahre nach dem Amtsantritt Mileis in einer wirtschaftlichen und politischen Übergangsphase befinde. Die Regierung habe die Staatsfinanzen auf ein stabiles Fundament gestellt, doch die Stimmung in der Bevölkerung bleibe angespannt. Die Inflationsrate sei dem damaligen Bericht zufolge von fast 300 Prozent auf 34 Prozent gefallen, und der Staatshaushalt weise Überschüsse aus. Gleichzeitig stagniere die Wirtschaftsleistung, und die US-Bank JPMorgan warnte vor einer technischen Rezession.
Am selben Tag schrieb aktien.news in einem zweiten Bericht, die weitreichenden marktfreundlichen Reformen erwiesen sich für Argentinien als schmerzhaft. Die Stimmung düstere zusehends, während die Wirtschaft stagniere und sowohl durch Sparmaßnahmen als auch durch eine restriktive Geldpolitik belastet werde. Im kommenden Jahr stünden in Argentinien Präsidentschaftswahlen an, damit dränge die Zeit für den politischen Außenseiter.
Bereits am 17.01.2026 berichtete aktien.news unter Berufung auf eine Reuters-Umfrage unter 25 Ökonomen, dass die argentinische Wirtschaft 2026 und 2027 voraussichtlich jeweils um 3,0 Prozent wachsen werde – eine deutliche Verlangsamung gegenüber dem für 2025 erwarteten Wachstum von 4,3 Prozent. Die Prognosen für 2026 reichten von optimistischen 5,0 Prozent bis zu vorsichtigen 1,6 Prozent. Am 27.03.2026 meldete aktien.news, die Wirtschaftsaktivität sei im Januar 2025 um 1,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gewachsen und habe die Erwartungen der von Reuters befragten Analysten von 1,6 Prozent übertroffen.
Für deutsche Privatanleger zählt der Blick auf die gespaltene Konjunktur
Die Meldung aus Buenos Aires beschreibt keine gleichmäßige Krise, sondern eine zweigleisige Entwicklung, die für Anleger relevant ist. Exportorientierte Bereiche wie Energie, Bergbau und Landwirtschaft profitieren von Investitionen und globaler Nachfrage, während binnenmarktorientierte Branchen wie Textil, Automobilfertigung, Einzelhandel und Bau unter der schwachen Kaufkraft leiden. Wer sich mit argentinischen Vermögenswerten beschäftigt, muss zudem die politische Komponente einpreisen: Die Zustimmungswerte, die Wahl im Oktober 2027 und Mileis ausdrückliche Weigerung, sein Programm zu ändern, bestimmen das Tempo der weiteren Entwicklung.
Beachtenswert ist die Reihenfolge der Datenpunkte. Die makroökonomische Stabilisierung ist aus Sicht der Regierung bereits erreicht – die Inflation liegt bei 30 Prozent, die Ungleichgewichte sind laut Reuters unter Kontrolle. Die reale Wirtschaft folgt dieser Entwicklung aber bislang nicht: Der Konsum sinkt, die Industrie schrumpft, und die Zahl der Firmenschließungen liegt bei rund 32.300 seit Dezember 2023. Diese Lücke zwischen Stabilisierung und Alltagsökonomie ist der Kern der politischen wie der konjunkturellen Unsicherheit.
Im November erscheinen die offiziellen Quartalsdaten, im Oktober 2027 wird gewählt
Die nächsten belastbaren Hinweise liefert die Statistikbehörde INDEC mit den offiziellen Daten für das dritte Quartal, die im November veröffentlicht werden. Sie entscheiden darüber, ob die von Ökonomen erwartete technische Rezession amtlich bestätigt wird. Für 2027 wird eine leichte Erholung prognostiziert, Delgado von Analytica erwartet jedoch weiterhin „Auf- und Abschwünge" und kaum spürbare Verbesserungen bei den privaten Finanzen der Haushalte vor der Wahl.
Die Regierung hat bereits klargestellt, dass sie ihren Kurs nicht anpassen will. Der Sprecher betonte, dies sei das Wirtschaftsprogramm, an das der Präsident glaube, und er werde es nicht ändern. Ob die Wähler diese Geduld bis Oktober 2027 aufbringen, ist damit die zentrale offene Frage – die Umfragewerte von 36 Prozent Zustimmung und 56 Prozent Ablehnung geben darauf einen ersten Hinweis.
Diese drei Fachbegriffe helfen bei der Einordnung des Berichts
- Rezession: Eine Volkswirtschaft gilt als in der Rezession, wenn die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge schrumpft.
- Restriktive Geldpolitik: Darunter versteht man eine Notenbankpolitik, die Kredite verteuert und die Geldmenge knapp hält, um die Inflation zu dämpfen.
- Bruttoinlandsprodukt: Das BIP misst den Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen, die in einem Land innerhalb eines Zeitraums produziert werden.
