Anthropic-Investoren drängen vor IPO auf niedrigere Bewertung
Große Investoren wollen den KI-Konzern beim Börsengang Ende des Monats mit 1,5 bis 1,6 Billionen US-Dollar bewerten.

Die Talfahrt der Technologieaktien in der vergangenen Woche hat die Stimmung unter den großen Investoren gedreht, die am geplanten Börsengang (IPO) von Anthropic teilnehmen wollen. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters haben sich institutionelle Anleger in den vergangenen Tagen mit dem Hersteller des KI-Modells Claude und dessen Beratern darauf verständigt, dass die Bewertung des Unternehmens bei seinem für Ende dieses Monats geplanten Börsengang bei rund 1,5 bis 1,6 Billionen US-Dollar liegen sollte. Das ist deutlich weniger als die Zahlen von nahezu 2 Billionen US-Dollar, die in den vergangenen Monaten im Umlauf waren.
Die Investoren führen eine ganze Reihe besorgniserregender Faktoren an. Dazu zählen schwankende Märkte und wachsende Bedenken hinsichtlich einer übermäßigen Konzentration auf KI-Investitionen. Hinzu kommen politische Gegenreaktionen gegen Rechenzentren sowie die Unsicherheit darüber, wie schnell Hyperscaler wie Amazon.com und Meta Platforms gewinnbringende KI-Projekte vorweisen können.
Anthropic hat ein Bewertungsziel bislang nicht finalisiert und prüft weiterhin, wie viele Aktien das Unternehmen verkaufen möchte. Wie The Information und Reuters zuvor berichteten, hatten einige Investoren bereits nach dem Investor Day im vergangenen Monat signalisiert, dass die Bewertung eher bei 1,5 Billionen US-Dollar angesiedelt sein sollte.
Die jüngste Zahlenwoche belastet die Technologiebranche
Der Hintergrund für die gedämpften Erwartungen ist ein zweistelliger Rückgang von Technologieaktien in der vergangenen Woche. Zu den Verlierern zählten unter anderem Intel und Alphabet, nachdem eine Serie enttäuschender Quartalszahlen die Anleger verunsichert hatte. Alphabet meldete ein verlangsamtes Wachstum beim Suchwerbegeschäft von Google, das durch „AI-Mode"-Suchanfragen beeinträchtigt wurde. Der Umsatz von Amazon lag unter den Analystenerwartungen, und Intel prognostizierte eine anhaltende Verlangsamung beim Absatz von Personal Computern.
Diese Meldungen trafen den Markt zu einem sensiblen Zeitpunkt, denn sie fielen mitten in die heiße Phase der Vorbereitung auf den Anthropic-Börsengang. Die Anleger reagierten, indem sie ihre Bewertungserwartungen für den KI-Giganten nach unten korrigierten. Die Spanne von 1,5 bis 1,6 Billionen US-Dollar liegt damit klar unter dem Niveau, das in den Monaten zuvor diskutiert worden war.
Anthropics Finanzchef soll auf eine konservative Bewertung setzen
Einige Investoren sagen, sie vertrauen darauf, dass Anthropics Finanzvorstand Krishna Rao eine konservative Bewertung festlegt und Priorität darauf legt, IPO-Anlegern einen ersten Tagesanstieg („Pop") des Aktienkurses zu sichern. Sie glauben, dass der Kurs selbst bei einem Debüt von Anthropic mit einer Bewertung von rund 1,5 Billionen US-Dollar bis zum Ende des ersten Handelstages auf 2 Billionen US-Dollar klettern könnte.
Als Vergleich führt die Quelle die Aktie von Elon Musks SpaceX an. Sie stieg am ersten Handelstag im Juni um 30 Prozent – bevor sich die weit verbreiteten Sorgen der Anleger im Zusammenhang mit KI verfestigten. Der Verweis auf SpaceX zeigt, wie stark die Erwartungen an einen ersten Handelstag von der allgemeinen Marktstimmung abhängen und wie schnell sich diese Stimmung ändern kann.
Bereits im Oktober berichtete aktien.news über gedämpfte Erwartungen
Die aktuelle Entwicklung ist keine Überraschung. Bereits am 16.10.2026 berichtete aktien.news, dass einige bestehende Anleger von Anthropic und potenzielle Investoren im Rahmen des bevorstehenden Börsengangs eine niedrigere Bewertung für das KI-Unternehmen erwägen. Damals berichtete Reuters unter Berufung auf vier mit der Angelegenheit vertraute Personen, dass einige Investoren, die am Mittwoch an der Investor-Day-Veranstaltung von Anthropic in San Francisco teilnahmen, eine Bewertung von rund 1,5 Billionen US-Dollar diskutierten. Hintergrund waren die jüngsten Finanzoffenlegungen des Unternehmens sowie breitere Bedenken hinsichtlich der explodierenden Kosten für die Finanzierung von KI-Projekten.
Schon am 19.09.2026 hatte aktien.news berichtet, dass Investoren skeptisch sind, ob Anthropic sein außergewöhnliches Wachstumstempo halten kann. Konkurrenz durch OpenAI, preissensible Kunden und grundsätzliche Fragen zur Zukunft der Künstlichen Intelligenz überschatteten den geplanten IPO. Die annualisierten Umsätze von Anthropic stiegen im Juli auf 65 Milliarden US-Dollar. Unterstützer des Unternehmens prognostizierten, dass sie bis Jahresende 120 Milliarden US-Dollar übersteigen werden, was Anthropic zum am schnellsten wachsenden Unternehmen aller Zeiten machen würde. Derzeit wird das Unternehmen auf 965 Milliarden US-Dollar bewertet.
Am 14.09.2026 berichtete aktien.news, dass ausgerechnet CEO Dario Amodei die Euphorie bremst. Der Mitgründer des Unternehmens hinter dem Sprachmodell Claude fordert eine Verlangsamung der KI-Entwicklung, während sein Unternehmen eine Bewertung von bis zu zwei Billionen Dollar anstrebt. Anthropic hat seinen IPO-Prospekt im Juni vertraulich bei der US-Börsenaufsicht eingereicht. Als Handelsplatz wurde die Nasdaq ausgewählt, wie CNBC bestätigte. Branchenbeobachter rechneten mit einer Notierung der Aktien bereits im nächsten Monat. Das erst fünf Jahre alte Unternehmen, das zu Jahresbeginn noch mit 965 Milliarden Dollar bewertet wurde, peilte damals eine deutlich höhere Bewertung an.
Am 31.10.2026 berichtete aktien.news, dass Anthropics Weg zur Nasdaq holpriger wird. Nur wenige Tage nach der Veröffentlichung des Börsenprospekts am Montag legten mehrere wichtige Partner des KI-Unternehmens ihre Quartalszahlen vor – darunter Microsoft, Google und Amazon. Diese Ergebnisse gossen zusätzliches Wasser auf die Mühlen der bereits bestehenden Marktzweifel am Ausbau der künstlichen Intelligenz und damit an den Aussichten für einen der am heißesten gehandelten Börsengänge der vergangenen Jahre. „Alle stecken noch voll in der KI-Strategie, aber alles Drum und Dran hat diese Woche eine interessante Wendung genommen", sagte Daniel Newman, CEO der Futurum Group, am Freitag im Interview mit CNBC.
Die Bewertungsspanne hängt stark von der allgemeinen Marktstimmung ab
Für deutsche Privatanleger ist die Debatte insofern relevant, als sie zeigt, wie stark die Bewertung eines einzelnen KI-Unternehmens von der allgemeinen Marktstimmung abhängt. Die Investoren nennen ausdrücklich schwankende Märkte, die Sorge um eine übermäßige Konzentration auf KI-Investitionen, politische Gegenreaktionen gegen Rechenzentren und die Unsicherheit über die Profitabilität von KI-Projekten bei Hyperscalern als Gründe für ihre vorsichtigere Haltung. Wer sich an einem IPO beteiligt, geht damit ein erhebliches Bewertungsrisiko ein, das sich innerhalb weniger Tage deutlich verändern kann.
Zugleich verweist die Quelle auf die Erwartung einiger Investoren, dass der Kurs am ersten Handelstag steigen könnte. Diese Erwartung ist jedoch keine Zusage, sondern eine Annahme der Beteiligten. Die Bewertungsspanne von 1,5 bis 1,6 Billionen US-Dollar liegt weiterhin deutlich über der Bewertung von 965 Milliarden US-Dollar, die in früheren Berichten genannt wurde. Anleger sollten daher sowohl die Wachstumsstory als auch die genannten Risikofaktoren im Blick behalten.
Der Börsengang ist für Ende des Monats geplant
Der Börsengang von Anthropic ist nach Angaben der Quelle für Ende dieses Monats geplant. Das Unternehmen hat ein Bewertungsziel noch nicht finalisiert und prüft weiterhin, wie viele Aktien es verkaufen möchte. Wie viele Aktien letztlich platziert werden und zu welchem Preis, ist damit offen. Die Investoren haben dem Hersteller von Claude und dessen Beratern ihre Vorstellungen zur Bewertung mitgeteilt; die endgültige Entscheidung liegt beim Unternehmen.
Drei Fachbegriffe erleichtern das Verständnis des Börsengangs
- Börsengang (IPO): der erstmalige Verkauf von Aktien eines Unternehmens an der Börse.
- Bewertung: der geschätzte Gesamtwert eines Unternehmens.
- Hyperscaler: große Cloud-Anbieter, die Rechenkapazität in großem Umfang bereitstellen.
