Anleger kaufen Technologieaktien trotz anhaltender KI-Sektor-Krise
Futures deuten auf starke Nasdaq-Erholung hin, doch die Angst vor einer größeren Korrektur bleibt.

Nach einer Albtraumwoche für den KI-Sektor wagen sich die Anleger wieder zurück in Technologieaktien. Die Futures deuten darauf hin, dass der Nasdaq zum heutigen Eröffnungskurs die stärksten Kauforders verzeichnen wird. Der Kursanstieg scheint jedoch nur einen Teil der Verluste der vergangenen Woche wettzumachen, in der sich Risse im KI-Boom abzeichneten und der technologiebetonte Index um 4,5 Prozent fiel.
Diese Entwicklung fällt in eine Phase, in der sich die Marktteilnehmer uneinig darüber sind, ob der jüngste Rückschlag eine Kaufgelegenheit oder ein Warnsignal darstellt. Während einige Anleger die Bewegung als Einstiegschance werten, nutzen andere die Gewinne, um weiterhin aus dem Technologiesektor auszusteigen. Diese Divergenz prägt den Handel zu Wochenbeginn und dürfte für erhöhte Volatilität sorgen.
Zwei Lager, ein Markt
Die optimistische Sichtweise vertritt Dan Ives, Partner bei Yorkville Ives. In einem Bericht vom Sonntag bezeichnete er den „zähneknirschenden Rückgang" als eine „goldene Kaufchance". Diese Einschätzung spiegelt die Erwartung wider, dass die langfristige KI-Story intakt bleibt und der jüngste Ausverkauf übertrieben war.
Die konträre Ansicht kommt von BTIG. Das Analysehaus rät Anlegern hingegen dazu, etwaige Erholungen bei Halbleiteraktien zur Reduzierung ihrer Exposition zu nutzen. Die Begründung der Strategen fällt drastisch aus: „Wo Rauch ist, ist auch Feuer." Damit signalisiert BTIG, dass der jüngste Kursrutsch aus ihrer Sicht nicht bloß eine temporäre Schwäche darstellt, sondern auf tiefere strukturelle Probleme hindeuten könnte.
Für die Nervosität an der Wall Street spricht ein konkreter Indikator: Der Cboe Volatility Index erreichte am Freitag seine höchsten Werte seit Juni. Ein solcher Anstieg des sogenannten Angstbarometers zeigt, dass die Furcht vor einer größeren Korrektur unter den Marktteilnehmern wächst. Ob der heutige Ansturm genügend Überzeugungskraft besitzt, um diese Bedenken zu zerstreuen, bleibt abzuwarten.
Gemischte Signale aus China
Auch aus Asien kommen uneinheitliche Impulse. Das chinesische Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal übertraf die Erwartungen und stützte die Kurse an den asiatischen Aktienmärkten. Dieser makroökonomische Lichtblick konnte jedoch nicht alle Sorgen im Technologiesegment zerstreuen.
So fielen die Aktien des chinesischen Speicherchip-Herstellers CXMT, obwohl das Unternehmen in die Gewinnzone wechselte. CNBCs Arjun Kharpal berichtete darüber, wie Wettbewerb und steigende Liefermengen von CXMT den gesamten Speicherchip-Markt verunsichert haben. Für deutsche Anleger ist dies insofern relevant, als die Speicherchip-Branche stark mit der globalen KI-Infrastruktur verzahnt ist und Preisdruck in diesem Segment auch europäische Zulieferer treffen kann.
Rückkehrkönige mit Vorsicht zu genießen
Besonderes Augenmerk liegt auf den sogenannten Neocloud-Anbietern, die in der vergangenen Woche massiv unter Druck geraten waren. CoreWeave dürfte mit einem Anstieg von rund 3 Prozent in den Handel gehen, was jedoch kaum etwas an dem 25-prozentigen Einbruch der vergangenen Woche ändert. Ähnlich sieht es bei Nebius aus, das ebenfalls mit einem Kursgewinn eröffnet, nachdem es denselben Verlust wie sein Neocloud-Pendant verbucht hat.
Michael Khouw, CNBC-Mitautor und Strategist bei OpenInterest PRO, sieht die Lage bei CoreWeave kritisch. Seiner Einschätzung nach prädisponiert der langsame Zusammenbruch der Aktie das Papier für weitere explosive Volatilität. Anleger sollten daher die Erholungsbewegung nicht vorschnell als Trendwende interpretieren.
Quartalszahlen im Fokus
Zusätzliche Orientierung dürfte in den kommenden Tagen von der Quartalszahlensaison kommen, die sich derzeit in ihrer Hochphase befindet. Mehrere große Namen werden ihre Ergebnisse veröffentlichen. Bis zum Freitag hatten 85 Prozent der S&P-500-Unternehmen, die bisher berichtet haben, die Erwartungen übertroffen. Diese Quote ist ein wichtiger Gradmesser dafür, ob die fundamentalen Daten die jüngste Marktunruhe stützen oder ob die Skepsis der Bären Fraktion berechtigt ist.
Am Rande des Marktgeschehens bleibt zudem die geopolitische Lage im Blick. Berichten zufolge soll Russlands Präsident Wladimir Putin einen Gipfel zwischen sich, US-Präsident Donald Trump und Chinas Präsident Xi Jinping vorgeschlagen haben. Solche Entwicklungen können die Risikostimmung an den globalen Märkten kurzfristig beeinflussen, auch wenn die konkreten Auswirkungen auf die Technologiebewertungen derzeit schwer abzuschätzen sind.
Für deutsche Privatanleger gilt in dieser Gemengelage: Die Erholung am Montag ist ein Signal, aber kein Beweis für eine nachhaltige Trendwende. Wer in KI-nahe Titel investiert ist, sollte die weitere Entwicklung des Volatilitätsindex, die Quartalszahlen der kommenden Tage und die Signale aus dem Speicherchip-Markt aufmerksam verfolgen.
