Analyse: Anthropic-IPO steht allein im Rampenlicht des KI-Marktes
Der KI-Konzern drängt auf seinen Börsengang Mitte November, während steigende Zinsen andere Technologie-Emittenten ausbremsen.

Der einst robuste Kalender für Technologie-Börsengänge im Herbst hat sich auf einen einzigen Namen reduziert: Anthropic. Das KI-Labor drängt darauf, seinen geplanten Börsengang wie vorgesehen Mitte nächsten Monat durchzuführen, nachdem der Prospekt bereits Ende Oktober öffentlich gemacht wurde. Das berichten mit der Angelegenheit vertraute Personen am 22. Oktober, warnen aber zugleich, dass der Plan und die Termine Änderungen unterliegen könnten.
Der geplante IPO von Anthropic wird testen, ob seine Position im Zentrum des boomenden KI-Geschäfts ein Marktumfeld überwinden kann, das Bankiers und Deal-Anwälte normalerweise zu einer Verzögerung raten lassen würde. Für das Unternehmen, das offenbar eine potenzielle Bewertung in Höhe von 1,5 Billionen Dollar für angemessen hält, steht viel auf dem Spiel. Anthropic soll seine Aktien während der Woche vom 9. November bei potenziellen Anlegern vermarkten, so eine der Personen.
Der Kontrast zu anderen Emittenten könnte kaum größer sein. Während Anthropic auf Kurs bleibt, haben andere Unternehmen aus den Bereichen KI-Infrastruktur und Rechenzentren ihre Notierungen verschoben. Steigende Zinsen haben einen vernichtenden Verkaufssturm an Aktien und Anleihen von KI-Betreibern wie CoreWeave angeheizt und breitere Fragen zur Nachhaltigkeit der KI-Ausgaben aufgeworfen.
Die Details
Hinter dem Rückzug aus dem KI-Sektor steht eine Reihe von IPO-Verzögerungen und -Rückzügen seit September. Marktschwankungen und steigende Zinsen haben es Unternehmen erschwert, attraktive Bewertungen zu erzielen. Switch, ein Betreiber von Rechenzentren, und Nscale, ein Anbieter von KI-Infrastruktur, haben ihre IPO-Pläne auf später in diesem Jahr verschoben, betonten jedoch, dass die Pläne weiterhin flexibel und änderbar seien.
Die Verzögerung von Nscale sei teilweise auf den Bedarf zurückzuführen, Kommentare von Mitarbeitern der US-Börsenaufsichtsbehörde SEC zu adressieren, sagte eine weitere Person. Das von SoftBank unterstützte SB Energy hat seine Notierung ebenfalls verschoben, wie Reuters zuvor berichtete. Der südkoreanische KI-Chip-Startup Elicew gehörte zu den jüngsten Unternehmen, die seine Notierungspläne über Nacht ruhen ließen. Von Blackstone unterstützte AirTrunk REIT und von Nvidia unterstützte Firmus haben ihre Angebote ebenfalls zurückgezogen oder pausiert.
Switch, NScale und SB Energy reagierten zunächst nicht auf Anfragen zur Stellungnahme. Auch Anthropic reagierte zunächst nicht auf eine Anfrage zur Stellungnahme.
Der kürzliche IPO von Oura hat die Vorsicht unter potenziellen Emittenten weiter verstärkt. Das Angebot stieß auf wenig Beteiligung von Long-Only-Investoren, sagte eine mit der Angelegenheit vertraute Person. Das warf Bedenken hinsichtlich der Tiefe der Nachfrage institutioneller Anleger auf, die typischerweise eine stabile Basis an Aktionären für neu notierte Unternehmen stellen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 16.10.2026 berichtete aktien.news, dass Anthropic PBC zu einer der wenigen großen Neuemissionen werden könnte, auf die Anleger in den USA derzeit noch zählen können. Ein Cocktail aus Risiken drohte die Pipeline für US-Börsengänge zum Erliegen zu bringen. Das ging aus einer Einschätzung des Bloomberg-AI-Teams hervor, über die Bloomberg Europe am 15. Oktober 2026 berichtete. In dieser Phase waren mehrere geplante Deals bereits gescheitert, darunter der Hersteller intelligenter Ringe Oura Inc. und Bamboo Insurance Services Inc.
Schon am 29.09.2026 hatte aktien.news über die Dimension des Vorhabens berichtet: Nach Angaben von Reuters legte der vorliegende Prospekt des Unternehmens Ausgabenpläne von 518 Milliarden Dollar dar. Die Notierung sollte nach den Midterm-Wahlen im November stattfinden. Damit geht Anthropic eine massive Wette darauf ein, dass künstliche Intelligenz die Weltwirtschaft transformieren wird und dass öffentliche Anleger bereit sind, diese Entwicklung durch Kapitalzeichnungen zu finanzieren.
Ebenfalls am 29.09.2026 berichtete aktien.news über die Kennzahlen des Unternehmens. Der Umsatz von Anthropic stieg im Jahr 2025 um mehr als 1.000 Prozent auf 4,6 Milliarden Dollar. Zugleich meldete das Unternehmen einen Nettoverlust von 42 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr, von dem 34 Milliarden Dollar auf eine bilanzielle Belastung entfielen.
Zurück bis zum 16.08.2026 reicht eine weitere Einordnung: Damals berichtete aktien.news, dass sich der KI-Sektor an einem entscheidenden Wendepunkt befinde. Berichten zufolge lag der annualisierte Umsatz von Anthropic bei 47 Milliarden US-Dollar und übertraf damit den geschätzten Wert von OpenAI in Höhe von 40 Milliarden Dollar. Im zweiten Quartal 2026 erzielte Anthropic einen vorläufigen Umsatz von über 11,5 Milliarden Dollar.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist der Fall Anthropic vor allem deshalb interessant, weil er die Stimmung im gesamten KI-Sektor spiegelt. Viele große Investoren bleiben trotz der Herbstturbulenzen optimistisch bezüglich der Aussichten von Anthropic. Sie sehen das Unternehmen als eine der wenigen Möglichkeiten, Exposure in einem Technologiesektor zu erhalten, den langfristige Investoren nicht ignorieren dürfen.
Andere Emittenten zögern, mit Anthropic um die Aufmerksamkeit und das Kapital institutioneller Anleger zu konkurrieren, sagten zwei der Personen. Dieser Effekt verstärkt die Sonderstellung des KI-Labors: Solange der Markt für Neuemissionen insgesamt schwächelt, konzentriert sich die verfügbare Nachfrage auf den prominentesten Kandidaten.
Zugleich bleibt der Sektor von Belastungen geprägt. Bedenken hinsichtlich des Wettbewerbs durch Open-Source-Modelle und der KI-Sicherheit lasten auf dem Umfeld. Der Rückzug von KI-Infrastruktur-Notierungen spiegelt zudem die wachsende Prüfung der enormen Kapitalanforderungen wider, die zum Bau von Rechenzentren nötig sind, sowie die Frage, ob die zukünftige Nachfrage die Investitionen rechtfertigen wird. Jüngste Entwicklungen im Zusammenhang mit CoreWeave haben die Befürchtungen eines möglichen Abschwungs bei den KI-Ausgaben weiter angefacht, obwohl einige Marktteilnehmer nicht erwarten, dass ein solcher Niedergang eintritt.
Ausblick
Der Fahrplan für Anthropic sieht vor, dass das Unternehmen seine Aktien während der Woche vom 9. November bei potenziellen Anlegern vermarktet. Der Börsengang selbst soll wie vorgesehen Mitte nächsten Monat erfolgen. Die mit der Angelegenheit vertrauten Personen warnen jedoch, dass der Plan und die Termine Änderungen unterliegen könnten.
Bei den verschobenen Kandidaten bleibt die Lage offen. Switch und Nscale haben ihre IPO-Pläne auf später in diesem Jahr verschoben und betonten, dass die Pläne weiterhin flexibel und änderbar seien. Nscale hat seine IPO-Zulassungserklärung im September öffentlich eingereicht, während Switch seine Einreichung vertraulich vorlegte. Eine vertrauliche Einreichung ermöglicht es einem Unternehmen, mit den Aufsichtsbehörden an seiner Zulassungserklärung zu arbeiten, bevor finanzielle und geschäftliche Details der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Unternehmen veröffentlichen die Einreichung typischerweise vor Investor-Roadshows, wenn sie beginnen, Aktien bei potenziellen Anlegern zu vermarkten.
Kurz erklärt
- IPO: Der erstmalige Börsengang eines Unternehmens, bei dem Aktien erstmals öffentlich an Anleger verkauft werden.
- Prospekt: Das Dokument, in dem ein Unternehmen vor dem Börsengang seine Geschäftszahlen und Pläne offenlegt.
- Long-Only-Investoren: Anleger, die ausschließlich auf steigende Kurse setzen und keine Leerverkäufe tätigen.
