Aktien: Die Zukunft ist nicht mehr, was sie einmal war
Eine aktualisierte Grafik aus dem CFA-Institute-Werk „Exponential Wealth" soll Anleger zu mehr Aktien bewegen – doch die Vergangenheit ist keine präzise Prognose.

Eine Grafik, die viele Anleger kennen dürften, erlebt derzeit eine Neuauflage. In ihrer aktualisierten Fassung stammt sie aus dem kürzlich von der Forschungsstiftung des CFA Institute veröffentlichten Standardwerk „Exponential Wealth". Das CFA Institute ist die Vereinigung der Finanzanalysten.
Seit Jahrzehnten nutzen Makler und Finanzberater diese Grafik, um Anleger davon zu überzeugen, einen höheren Anteil ihres Vermögens in Aktien anzulegen. Die Botschaft ist eingängig: Wer lange genug investiert bleibt, wird für seine Geduld belohnt. Der Beitrag, aus dem diese Informationen stammen, erschien bei der Finanzpublikation WSJ Finance, die zum Verlagshaus Dow Jones gehört.
Der Autor des Beitrags macht zugleich eine wichtige Einschränkung geltend. Er betont, er habe konsequent argumentiert, dass langfristige Investoren den Großteil ihres Kapitals in Aktien halten sollten. Dennoch lasse sich die Vergangenheit nicht einfach als präzise Vorhersage für die Zukunft heranziehen. Die historische Entwicklung sei kein verlässlicher Fahrplan für künftige Erträge.
Die Details
Im Zentrum steht eine einzelne Grafik, die Anleger „wahrscheinlich bereits Dutzende Male gesehen" haben. Sie zeigt die langfristige Wertentwicklung von Aktien und dient als klassisches Verkaufsargument für eine höhere Aktienquote im Portfolio.
Die aktualisierte Version dieser Grafik stammt aus dem Werk „Exponential Wealth", das die Forschungsstiftung des CFA Institute veröffentlicht hat. Die Forschungsstiftung des CFA Institute ist die wissenschaftliche Einrichtung der internationalen Vereinigung der Finanzanalysten.
Bemerkenswert ist der Zeitpunkt: Die Grafik wird seit Jahrzehnten immer wieder eingesetzt, um Anleger zu einem höheren Aktienanteil zu bewegen. Dass nun eine aktualisierte Fassung in einem Standardwerk erscheint, unterstreicht, wie fest dieses Argument im Werkzeugkasten der Branche verankert ist.
Der Autor positioniert sich in dem Beitrag differenziert. Einerseits hält er an der Grundthese fest, dass langfristig orientierte Anleger den Großteil ihres Kapitals in Aktien investieren sollten. Andererseits warnt er davor, aus der Vergangenheit eine präzise Prognose abzuleiten. Zwischen „langfristig richtig" und „kurzfristig vorhersagbar" liegt demnach ein erheblicher Unterschied.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Skepsis gegenüber allzu optimistischen Zukunftserwartungen ist bei aktien.news kein neues Thema. Bereits am 06.07.2026 berichtete aktien.news, dass die Renditeerwartungen von Anlegern weit von der Realität entfernt seien. US-Anleger gingen demnach im Durchschnitt davon aus, dass ihre Portfolios die Inflation langfristig um 12,6% pro Jahr übertreffen. Die historischen Daten zeichneten ein ganz anderes Bild: Die Gesamtrendite des US-Aktienmarktes nach Inflation liege seit 1793 bei annualisierten 6,1% pro Jahr – basierend auf fast 230 Jahren Marktgeschichte.
Ebenfalls am 06.07.2026 meldete aktien.news ein historisches Warnsignal: Ein beliebter Börsenindikator habe Alarm geschlagen. Der Bericht hielt fest, dass Aktienmärkte auf lange Sicht zwar sehr zuverlässig steigen, kurzfristig aber alles passieren könne. Nur wenige Menschen seien in der Lage, die Entwicklung der Börsen in den nächsten Wochen, Monaten oder gar Jahren präzise vorherzusagen. Für Rentner und Sparer, die auf eine kurzfristige Anschaffung hinarbeiten, sei ein plötzlicher Wertverlust keine abstrakte Gefahr.
Am 25.09.2026 berichtete aktien.news über die Einschätzung von Adam Parker, dem Gründer von Trivariate Research. Parker zufolge könnte die klassische Buy-and-Hold-Strategie ihrem Ende entgegengehen. Der Grund liege in einer strukturellen Veränderung des Marktes: Der Aufstieg kurzfristiger Optionen und gehebelter ETFs habe entscheidend dazu beigetragen, die Kluft zwischen erfolgreichen und schwachen Titeln auszuweiten.
Und am 26.03.2026 fasste aktien.news die Bessembinder-Studie zusammen. Hendrik Bessembinder, Professor an der Arizona State University, hatte seine wegweisende Untersuchung zur Aktienperformance erneut aktualisiert – diesmal für den Zeitraum von 1926 bis 2025. Das Ergebnis blieb konsistent: Die überwiegende Mehrheit der Einzelaktien hat über ihre Haltedauer Geld verloren. Bereits seine frühere Untersuchung für den Zeitraum 1926 bis 2016 hatte gezeigt, dass der gesamte Vermögenszuwachs am US-Aktienmarkt auf eine kleine Minderheit von Titeln zurückzuführen ist.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ergibt sich aus der Kombination dieser Beobachtungen ein nuanciertes Bild. Die Grundthese, dass langfristige Investoren den Großteil ihres Kapitals in Aktien halten sollten, wird in dem Beitrag ausdrücklich nicht infrage gestellt. Wer einen langen Anlagehorizont hat, kann Kursschwankungen aussitzen und von der langfristigen Aufwärtsbewegung der Märkte profitieren.
Zugleich mahnt der Beitrag zur Vorsicht bei der Interpretation historischer Charts. Eine Grafik, die jahrzehntelange Vergangenheit abbildet, ist keine Garantie für die Zukunft. Anleger sollten daher nicht davon ausgehen, dass sich vergangene Renditen eins zu eins wiederholen lassen.
Hinzu kommt die Erkenntnis aus der Bessembinder-Studie: Wer auf einzelne Aktien setzt, spielt statistisch gesehen ein Verliererspiel. Die breite Streuung über Marktindizes gewinnt dadurch an Bedeutung. Und wer kurzfristig auf sein Geld angewiesen ist, braucht nach Einschätzung aus dem früheren Bericht eine zusätzliche Sicherheitsmarge.
Die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität ist dabei erheblich. Wenn Anleger im Durchschnitt mit einer Inflationsübertreffung von 12,6% pro Jahr rechnen, die historische Gesamtrendite nach Inflation aber bei 6,1% pro Jahr liegt, klafft eine große Lücke. Diese Lücke ist kein Detail, sondern der Kern des Problems: Zu hohe Erwartungen führen zu falschen Entscheidungen.
Ausblick
Konkrete Termine oder Prognosen lassen sich aus dem vorliegenden Material nicht ableiten. Der Beitrag selbst nennt keine künftigen Ereignisse, keine Zielmarken und keine Zeitpläne. Die zentrale Aussage bleibt eine Einordnung: Die Vergangenheit ist kein präziser Indikator für die Zukunft – auch wenn sie als Argument weiterhin gerne genutzt wird.
Kurz erklärt
- CFA Institute: Internationale Vereinigung von Finanzanalysten, die Standards setzt und Forschung veröffentlicht.
- Buy-and-Hold: Anlagestrategie, bei der einmal gekaufte Aktien über lange Zeit gehalten werden.
- Gehebelte ETFs: Börsengehandelte Fonds, die die Kursbewegung eines Index verstärkt abbilden.
