WTO-Chefin: Nahost-Krieg verändert globale Handelsströme dauerhaft
Okonjo-Iweala rechnet mit bleibenden Verschiebungen der Lieferketten und einem starken Rückgang des Nahost-Handels.

Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten sowie die sich wandelnde Geopolitik werden die globalen Handelsströme nachhaltig verändern. Das erklärte Ngozi Okonjo-Iweala, Generaldirektorin der Welthandelsorganisation (WTO), am Donnerstag gegenüber Reuters. Unternehmen sicherten sich zunehmend gegen künftige Schocks ab, sagte sie in einem Interview am Rande der Jahrestreffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank in Bangkok.
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung im Nahen Osten. Der Handel in der Region sei infolge des Iran-Kriegs stark geschrumpft, sagte Okonjo-Iweala. Zwar hätten Unternehmen eine Reihe von Umgehungslösungen gefunden, doch die Erholung werde einige Zeit dauern. Einige dieser Verschiebungen könnten dauerhaft werden, fügte sie hinzu.
Die WTO prognostiziert für dieses Jahr einen Rückgang der Exporte um 17 Prozent, während die Importe um etwa 15 Prozent sinken sollen. Experten aus dem privaten Sektor erwarten eine Erholung erst, wenn der Krieg beendet und die Straße von Hormus wieder geöffnet ist. Die Meerenge gilt als günstigere Route für den Handel.
Die Details
Okonjo-Iweala machte deutlich, dass wiederkehrende Konflikte die Notwendigkeit von Diversifizierung und Notfallplanung unterstrichen hätten. Einige der alternativen Handelsrouten dürften deshalb bestehen bleiben. „Wir stellen fest, dass Engpässe und kritische Infrastrukturen Aspekte sind, über die wir weltweit nachdenken müssen“, sagte sie.
„Ich denke, einige dieser Alternativen werden bestehen bleiben, da sowohl Staaten als auch Unternehmen sich gegen eventuelle Entwicklungen absichern wollen“, so die WTO-Generaldirektorin weiter. Sie erwarte, dass die breiter angelegten Bemühungen zur Diversifizierung in verschiedene Regionen und Länder angesichts der wiederholten Schocks durch Kriege und andere Handelsstörungen fortgesetzt würden. Dazu zählt sie ausdrücklich auch die massive Welle von Zöllen, die von US-Präsident Donald Trump verhängt wurden.
„Es besteht absolut kein Zweifel, dass Lieferketten umkonfiguriert werden“, sagte Okonjo-Iweala. Unternehmensführer hätten bei der Suche nach neuen Handelsrouten Kreativität bewiesen, obwohl diese kostspieliger seien. Einige dieser Bemühungen würden Bestand haben, „weil es die Geopolitik zu einem sinnvollen Schritt macht“, so sie.
Ein weiteres Wachstumsfeld sieht die WTO-Chefin im regionalen Handel. Afrikanische Länder könnten Wachstum und Handel erheblich ankurbeln, indem sie mehr innerhalb des Kontinents handeln. Der intra-afrikanische Handel macht derzeit etwa 20 Prozent des afrikanischen Handels aus. Zum Vergleich: Der Handel innerhalb der Europäischen Union liegt bei etwa 60 Prozent ihres Handels. „Afrikaner, die untereinander handeln, können wirklich Werte schaffen und Arbeitsplätze generieren“, sagte Okonjo-Iweala.
Regionale Handelsabkommen dürften weiter voranschreiten, auch wenn der von WTO-Regeln geregelte Handel weiterhin fast drei Viertel des gesamten Handels ausmacht. Die WTO hatte letzte Woche ihre Prognose für das Wachstum des globalen Warenhandels angehoben. Die Nachfrage nach KI-bezogenen Produkten trug dazu bei, die Auswirkungen der Störungen durch den sich ausweitenden Krieg im Nahen Osten auszugleichen. Das Wachstum des Volumens des weltweiten Warenhandels werde 2026 voraussichtlich 3,9 Prozent erreichen, verglichen mit 1,9 Prozent in der im März veröffentlichten Baseline-Prognose der WTO.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 18.09.2026 berichtete aktien.news, dass WTO-Generaldirektorin Okonjo-Iweala vor einem massiven Ungleichgewicht im Welthandel warnte. Der Handel mit KI-bezogenen Produkten wuchs im ersten Quartal 2026 um 42 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, während der Handel mit nicht-KI-bezogenen Gütern lediglich um 7 Prozent zulegte. „Der KI-Handel maskiert die Auswirkungen von Zöllen und all den anderen Störungen, denen der Welthandel“ ausgesetzt ist, so die WTO-Chefin damals.
Am 10.10.2026 berichtete aktien.news über die Widerstandsfähigkeit der Weltwirtschaft trotz erheblicher Belastungen. Der effektive Zollsatz der USA befand sich auf dem höchsten Stand seit mehreren Jahrzehnten, der Iran-Krieg hatte die schwersten Störungen auf den Ölmärkten seit den 1970er-Jahren verursacht, und Russlands Konflikt mit der Ukraine belastete weiterhin die weltweite Versorgung mit Nahrungsmitteln, Düngemitteln und Treibstoff.
Schon am 14.02.2026 hatte sich Okonjo-Iweala auf der Münchner Sicherheitskonferenz für eine grundlegende Reform des globalen Handelssystems ausgesprochen. Die von US-Präsident Donald Trump verhängten Zölle seien ein deutliches Signal für Reformbedarf. Trump hatte im vergangenen Jahr per Dekret Zölle zwischen 10 und 41 Prozent auf Importe aus Dutzenden Ländern verhängt. Der Oberste Gerichtshof der USA prüft derzeit die Rechtmäßigkeit dieser Maßnahmen.
Am 27.06.2026 warnte der scheidende IWF-Chefökonom Pierre-Olivier Gourinchas in einem Interview mit Reuters vor den anhaltenden Risiken für die Weltwirtschaft und einer fortschreitenden Handelsfragmentierung. Die strategischen Ölreserven vieler Länder seien weitgehend erschöpft, wodurch ein wichtiger Puffer wegfalle, falls der fragile Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran nicht halte.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger sind die Aussagen der WTO-Chefin ein Signal, dass die Globalisierung der Lieferketten nicht einfach zurückkehrt, sondern sich neu ordnet. Unternehmen, die auf kostengünstige Transportwege durch die Straße von Hormus angewiesen sind, müssen sich auf höhere Kosten und längere Wege einstellen. Die von Okonjo-Iweala beschriebene Umkonfiguration der Lieferketten kann Margen belasten und Investitionsentscheidungen in neue Standorte und Routen erforderlich machen.
Gleichzeitig bleibt der Welthandel insgesamt expansiv. Die angehobene WTO-Prognose für 2026 zeigt, dass die Nachfrage nach KI-bezogenen Produkten die kriegsbedingten Störungen teilweise ausgleicht. Anleger sollten jedoch beachten, dass dieser Effekt laut Okonjo-Iweala andere, weniger positive Tendenzen im Handel überdeckt. „Die Auswirkungen der KI maskieren andere Tendenzen im Handel, die nicht positiv sind“, sagte sie. Eine breite Diversifizierung über Regionen und Branchen hinweg erscheint vor diesem Hintergrund naheliegend, ohne dass daraus eine konkrete Kauf- oder Verkaufsempfehlung abgeleitet werden kann.
Ausblick
Die Zukunft des Welthandels bleibt nach den Worten von Okonjo-Iweala angesichts der anhaltenden Konflikte, Zölle und der Unsicherheit über den KI-Boom ungewiss. Sollte der Boom in der KI nachlassen oder zusammenbrechen, könnte der ausgleichende Effekt auf die Handelszahlen wegfallen. Eine Erholung des Nahost-Handels erwarten Marktteilnehmer erst nach einem Ende des Krieges und der Wiedereröffnung der Straße von Hormus. Ob und wann dies geschieht, ließ die WTO-Chefin offen.
Kurz erklärt
- Straße von Hormus: Eine Meerenge, die als wichtige Schifffahrtsroute für den internationalen Handel gilt.
- Lieferkette: Die Abfolge von Schritten und Standorten, über die ein Produkt vom Rohstoff bis zum Endkunden gelangt.
- Intra-afrikanischer Handel: Der Handel zwischen afrikanischen Ländern untereinander, im Unterschied zum Handel mit anderen Kontinenten.
- Baseline-Prognose: Eine Referenzprognose, an der spätere Anpassungen gemessen werden.
