Warum der reale Ölpreis 30 bis 40 Dollar höher liegt
Brian Sullivan erklärt, warum physisches Öl deutlich teurer ist als der Futures-Preis – und welche Energieaktien davon profitieren.

Wer dieser Tage den Ölpreis auf dem Bildschirm abliest, kennt nur die halbe Wahrheit. Das legt zumindest Brian Sullivan in seiner Analyse für CNBC nahe: Die tatsächlichen Kosten eines Ölbarrils liegen seiner Einschätzung nach bei 125 Dollar oder mehr. Der Grund ist so einfach wie folgenschwer – ein Futures-Kontrakt ist ein Papiergeschäft, der Kauf der physischen Ware dagegen eine völlig andere Geschichte.
Zwischen dem Preis, der auf dem CNBC-Bildschirm oder auf CNBC.com angezeigt wird, und dem Betrag, den ein Unternehmen für tatsächlich geliefertes Öl zahlt, klafft derzeit eine erhebliche Lücke. „Ich sage keineswegs, dass man die Ölfuture-Preise ignorieren sollte", schreibt Sullivan, „aber Sie müssen wissen, dass der Preis auf dem CNBC-Bildschirm nicht immer den gesamten gezahlten Preis widerspiegelt."
In der Praxis bedeutet das: Jedes Unternehmen, das Öl per Schiff, Bahn oder LKW transportieren lassen muss, zahlt heute einen erheblichen Aufschlag auf den Preis des Rohstoffs selbst. Die Frachtkosten sind zum entscheidenden Kostentreiber geworden – und sie bewegen sich nach Einschätzung des Autors in nur eine Richtung, nämlich nach oben.
Die Details
Die Zahlen, die Sullivan nennt, sind drastisch. In der vergangenen Woche wurde ein VLCC – in der Sprache der Versender auch als „Supertanker" bezeichnet – von der Golfküste der USA nach China für 76 Millionen Dollar gechartert. Ein weiterer sehr großer Rohöltanker ging für 77 Millionen Dollar von den USA nach Südkorea. Das ist das Zehnfache des Preises für dieselbe Strecke vor weniger als einem Jahr.
Unter der Annahme, dass diese Schiffe etwa 2 Millionen Barrel Öl fassen, bedeutet dieser Charterpreis, dass jeder Barrel an Bord rund 38 Dollar über dem Preis des eigentlichen Öls kostet. Addiert man diesen Aufschlag auf den Rohstoffpreis, ergibt sich die Marke von 125 Dollar je Barrel, die Sullivan als „realen" Ölpreis beschreibt – und die damit laut seiner Darstellung 30 bis 40 Dollar über dem liegt, was die Futures aktuell anzeigen.
Auch die Straße von Hormus liefert ein Beispiel für diese Entkopplung. Zwar nähert sich das Volumen des dort fließenden Öls wieder den Vorkriegsniveaus an, die Kosten tun das jedoch nicht. Sullivan formuliert es deutlich: Es gebe keine Anzeichen dafür, dass sie sich „in irgendeiner Richtung außer nach oben bewegen werden".
Ein Ereignis überschattet die Branche in diesen Tagen ohnehin. Sullivan spricht den Angehörigen der Opfer der „schrecklichen Angriffe" auf den Flughafen in Riad, Saudi-Arabien, sein Beileid aus. Der Angriff auf Zivilisten – darunter einige religiöse Pilger – forderte mindestens 14 Todesopfer und verletzte mehr als 300 Menschen. Der Flughafen wurde mindestens dreimal angegriffen, während Reisende und Fachleute aus der Energiebranche aus aller Welt nach Riad zur Konferenz des World Petroleum Council flogen. Sullivan hatte geplant, am Samstag einzufliegen, sagte die Reise wegen der Angriffe aber ab; die Konferenz selbst fand wie geplant statt.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Entwicklung ist Teil einer Serie, die aktien.news schon länger begleitet. Bereits am 15.04.2026 berichtete aktien.news über den Fall des HSBC-CEO Georges Elhedery, der auf dem Global Investment Summit in Hongkong einen Extremfall öffentlich machte: Ein Barrel Öl, das Sri Lanka erreichte, kostete 286 Dollar – ein Preis „frei Haus", der erhöhte Fracht- und Versicherungskosten einschließt. Damals notierten Brent-Futures für den August-Kontrakt unter 90 Dollar pro Barrel.
Am 19.09.2026 meldete aktien.news unter Berufung auf einen Bericht von Bloomberg Europe, dass ein weltweiter Mangel an Supertankern die ohnehin angespannten Lieferketten bedroht. In einigen Regionen gab es kaum noch Schiffe dieser Größe zum Verchartern – jedes von ihnen so lang wie drei Fußballfelder. Der Engpass mache weit entfernte Öllieferungen zunehmend unattraktiver.
Am 23.09.2026 berichtete aktien.news, dass die Kosten für die Charterung eines Ölsupertankers auf den Routen zwischen dem Nahen Osten und Asien erstmals auf über 1,2 Millionen Dollar pro Tag gestiegen sind. Der Krieg im Iran hat laut diesem Bericht zu einer schweren Knappheit bei den Very Large Crude Carriers geführt; laut dem Schiffsvermittler Braemar hatten sich die Raten dieser Carrier-Klasse seit Ende August mehr als vervielfacht.
Am 08.10.2026 schließlich fasste aktien.news einen Gastbeitrag aus der wöchentlichen Auswahl von FT-Herausgeberin Roula Khalaf zusammen. Darin machte ein Direktor für Marktintelligenz und Mitbegründer von Energy Aspects deutlich, dass Futures-Kontrakte den tatsächlichen Marktzustand nicht mehr abbilden können. Laut Daten der Argus Media Group betrug der Brent-Futures-Preis damals nur noch etwa 60 bis 70 Prozent der angelieferten Rohstoffkosten in Asien – üblich waren zuvor rund 90 Prozent.
Was das für Anleger bedeutet
Sullivan liefert in seiner Analyse auch eine Reihe von Unternehmenssignalen. Auf die Frage, was sonst noch steigt, verweist er auf die Aktien der Reeder und deren Kursbewegungen in diesem Monat und in diesem Jahr. Shell erreichte in dieser Woche ein neues Hoch; der Analyst Biraj Borkhataria von RBC schreibt, die Exportmargen für Flüssigerdgas seien auf das breiteste Niveau seit 2022 gestiegen – nach seiner Schätzung fast doppelt so hoch wie im zweiten Quartal 2026, nämlich rund 13 Dollar/mmbtu gegenüber 7 Dollar/mmbtu. Borkhataria erwartet, dass Shell sowie TotalEnergies (TTE) und BP (BP) mit großen US-LNG-Positionen von den breiteren Exportmargen nach Europa profitieren.
RBC führt zudem ConocoPhillips als eine seiner Top-30-Aktienideen weltweit. Analyst Scott Hanold sieht eine „renditeorientierte Wertproposition", eine starke Bilanz und branchenführende Ausschüttungen sowie eine globale und diversifizierte Asset-Basis; sein Zielkurs liegt bei 152 Dollar für COP, was einer potenziellen Kurssteigerung von mehr als 20 Prozent entspricht. Morgan Stanley wiederum zeigt sich optimistisch für Raffinerien: Der Dieselengpass greife nun auch auf Benzin über, was eine weitere Phase des „goldenen Zeitalters" für Raffinerien markieren könnte. Die Bank hat ihre Gewinnprognosen für ExxonMobil (XOM), Valero (VLO), Phillips 66 (PSX) und PBF (PBF) nach oben revidiert.
Im Bereich Stromerzeugung stuft Truist First Solar (FSLR) auf „Kaufen" hoch, mit einem Zielkurs von 270 Dollar; die Section-232-Zölle sollten dem Unternehmen mit Sitz in Phoenix für mindestens vier weitere Jahre Preisgestaltungsmacht verleihen und dabei helfen, die Preise für Solarmodule zu erhöhen und die Gewinne zu steigern. TD Cowen beginnt die Berichterstattung über TeraWulf (WULF) mit „Buy" und einem Zielkurs von 21 Dollar – ein Potenzial von etwa 50 Prozent, aber einer der niedrigeren Zielkurse an der Wall Street. Analyst Michael Elias hält die Bewertung nun für attraktiv und nennt einen wahrscheinlichen Leasingvertrag im zweiten Halbjahr 2027 an einem Standort in Kentucky als möglichen Katalysator.
Ausblick
Für die weitere Entwicklung nennt Sullivan mehrere konkrete Punkte. Die IEA erwartet, dass die Dieselknappheit bis weit ins Jahr 2027 andauern wird, da der Iran-Krieg die Versorgung stört. Der Iran selbst erklärt, er „zähle die Momente", bis er US-Kriegsschiffe angreifen könne; zudem ist ein Containerschiff in der Straße von Hormus gesunken, während der Iran seine Angriffe intensiviert.
Für die Gasmärkte verweist Sullivan auf JPMorgan, das erwartete Wettermuster hervorhebt. Die frühe Prognose sieht Oktober und November als durchschnittlich oder leicht wärmer als den Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre an. Da die Füllstände der Erdgasspeicher in diesem Jahr niedriger liegen als in früheren Jahren, wird die Temperatur eine große Rolle dabei spielen, wie gut die Länder den Winter überstehen. Gespräche mit Helima Croft von RBC Capital Markets zu den Anschlägen in Saudi-Arabien und den Energiemärkten rundeten die Berichterstattung ab.
Kurz erklärt
- VLCC: Very Large Crude Carrier, ein Supertanker für den Transport großer Rohölmengen.
- Futures: Standardisierte Terminkontrakte, die einen Preis für einen künftigen Lieferzeitpunkt festhalten.
- Raffineriemarge: Die Differenz zwischen dem Wert der raffinierten Produkte und den Kosten des eingesetzten Rohöls.
