US-Zwischenwahlen: Trumps Wirtschaftsbilanz hält dem Faktencheck nicht stand
Am 3. November wählen die USA – der Präsident wirbt mit Wachstum, doch Inflation, schwache Verbraucherstimmung und ein gespaltener Arbeitsmarkt prägen die Realität.

Am 3. November entscheiden die Wähler in den USA über die Zusammensetzung des Kongresses. Präsident Donald Trump wirbt im Wahlkampf mit seiner Wirtschaftsbilanz – mit Wachstum, Arbeitsplätzen und einer angeblich gezähmten Inflation. Die Verbraucher erleben indes eine andere Realität: an der Tankstelle, im Supermarkt und bei der Finanzierung des Eigenheims.
Dass die USA nicht in einer Rezession stecken, ist dabei unstrittig. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs im dritten Quartal 2026 nach Angaben des US-Handelsministeriums um 3,4 Prozent auf annualisierter Basis. Im zweiten Quartal lag das Plus bei 2,2 Prozent, im ersten Quartal bei 2,5 Prozent. Trump behauptet dennoch, das Wachstum sei nie zuvor so stark gewesen.
Der Vergleich mit früheren Jahren fällt differenzierter aus. Im vergangenen Jahr wuchs die US-Wirtschaft unter Trump um 2,3 Prozent. Unter seinem Vorgänger Joe Biden lag das Plus 2024 bei 3,0 Prozent und 2023 bei 2,9 Prozent. Getragen wird das aktuelle Wachstum vor allem von der Privatwirtschaft, der private Konsum zeigt sich trotz schlechter Verbraucherstimmung stabil. Die von der University of Michigan erhobene Verbraucherstimmung ist schlechter als 2020 und 2008.
Die Teuerung liegt mit 3,7 Prozent deutlich über dem Ziel der Fed
Trump hatte im Wahlkampf versprochen, die Inflation einzudämmen. Im September 2026 lagen die Verbraucherpreise jedoch 3,7 Prozent über dem Vorjahresmonat – deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel der Federal Reserve. Auf einer Wahlkampfveranstaltung am 3. Oktober sagte Trump: „Wir haben fast keine Inflation."
Anfang 2026 war die Teuerung noch in Richtung des Zwei-Prozent-Ziels gefallen. Dann löste der Iran-Krieg eine Energiekrise aus, die Benzin und Diesel wieder verteuert und die Haushalte belastet. Hinzu kommt die Zollpolitik: Bereits 2025 zogen die Preise für Konsumgüter bis Februar um 2,9 Prozent an. Das Budget Lab der Yale University beziffert die Zollkosten für dieses Jahr auf 1.100 Dollar pro Haushalt.
Allerdings fielen die Zollfolgen bislang geringer aus als von Analysten befürchtet. Tatsächlich gezahlte Zölle liegen unter den angekündigten Zollsätzen. Die Produktion im verarbeitenden Gewerbe ist sogar leicht gestiegen, und einige Unternehmen planen Produktionsverlagerungen in die USA. Handelsbarrieren belasten jedoch exportorientierte Unternehmen.
Außerhalb der Landwirtschaft entstanden zuletzt nur 29.000 neue Stellen
Der Arbeitsmarkt liefert ein gemischtes Bild. Die Arbeitslosenquote lag im September bei 4,2 Prozent. Außerhalb der Landwirtschaft entstanden zuletzt nur 29.000 neue Stellen – unter Biden waren es monatlich rund 200.000. Trumps Versprechen gut bezahlter Industriejobs ist bislang nicht erfüllt.
Zusätzlich wächst das Arbeitskräfteangebot langsamer, weil die Nettozuwanderung praktisch zum Stillstand gekommen ist. Für Unternehmen bedeutet das einen engeren Arbeitsmarkt, der Lohnkosten und Besetzung offener Stellen erschwert.
Der KI-Boom stützt die Konjunktur, geht aber nicht auf Trump zurück
Eine wichtige Stütze der US-Wirtschaft sind die Unternehmensinvestitionen in künstliche Intelligenz, Halbleiter, Rechenzentren und Energieinfrastruktur. Der KI-Boom ist maßgeblich für die wirtschaftliche Stärke verantwortlich, lässt sich aber nicht der Trump-Regierung zuschreiben. Zudem bleibt offen, ob die milliardenschweren KI-Ausgaben einen Produktivitätsschub auslösen oder sich als Überinvestition erweisen.
Die Einkommensschere öffnet sich weiter, während die Schulden 40 Billionen Dollar überschreiten
Von dem Wachstum profitieren vor allem Unternehmen und Vermögende. Eine Analyse des Economist kommt zu dem Ergebnis, dass die ärmsten zehn Prozent der Haushalte 2026 fast 3 Prozent ihres Einkommens verlieren, während die reichsten zehn Prozent fast 3 Prozent hinzugewinnen. Mittlere Einkommen verzeichnen Einbußen von über 400 Dollar. Geringverdiener leiden besonders unter den gestiegenen Lebenshaltungskosten.
Gleichzeitig überschritten die Bundesschulden im August erstmals 40 Billionen Dollar und entsprechen 125 Prozent des BIP. Der hohe Finanzierungsbedarf treibt die Kapitalmarktzinsen nach oben, die Zinslasten im Haushalt steigen deutlich. Die nachfolgende Administration erbt damit eine schwere Hypothek, und die Einwanderungsbeschränkung erschwert den Abbau der Schuldenquote zusätzlich, weil sie das Wachstum langfristig bremst.
Bereits am 20.10.2026 berichtete aktien.news, dass die Beweise Trumps Behauptungen nur teilweise stützen
Schon vor zwei Wochen zeigte sich ein ähnliches Bild: aktien.news berichtete am 20.10.2026, dass sich die US-Wirtschaft nach Trumps „Liberation Day"-Zöllen aus dem Jahr 2025 besser entwickelt als von vielen erwartet, die Hinweise aber darauf deuten, dass die Importsteuern und die Folgen des Iran-Kriegs die Inflation antreiben. Am 23.10.2026 folgte die Einordnung, dass Trump seine Ankündigungen aus dem Wahljahr 2024 – Steuersenkungen und höhere Zölle – zwar umgesetzt hat, die Preise an der Tankstelle aber nicht gefallen sind.
Am 27.10.2026 meldete aktien.news unter Berufung auf Daten der Organisation AAA, dass der durchschnittliche Benzinpreis seit Trumps Amtsantritt bei 3,472 Dollar pro Gallone lag und damit den Durchschnitt unter Biden übertraf. Bereits am 19.02.2026 hatte aktien.news über Trumps angekündigte Wirtschaftsrede in Georgia berichtet, in der es um Maßnahmen zur Senkung der Lebenshaltungskosten ging – während Umfragen zeigten, dass die Wähler skeptisch waren, ob der Präsident sein Versprechen einlösen kann.
Für Anleger zählt weniger der Wahlkampf als die Richtung von Zinsen und Margen
Für deutsche Privatanleger ist entscheidend, dass die US-Wirtschaft weder in einer Krise noch in einem außergewöhnlichen Boom steckt. Die Teuerung liegt über dem Notenbankziel, der Finanzierungsbedarf des Staates ist hoch, und die Kapitalmarktzinsen werden dadurch nach oben getrieben. Das belastet zinssensitive Bereiche und verteuert Investitionen.
Thomas Obst vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln formuliert es so: „Die amerikanische Volkswirtschaft trägt nach wie vor eine große Dynamik in sich. Es zeigen sich aber Risse im System." Diese Risse betreffen vor allem exportorientierte Unternehmen, Haushalte mit niedrigen Einkommen und Branchen, die unter Handelsbarrieren leiden. Stabilisierend wirken der private Konsum und die Investitionen in KI-Infrastruktur.
Wer US-Aktien oder US-Anleihen hält, sollte die Schere zwischen Unternehmensgewinnen und Haushaltseinkommen im Blick behalten. Ein Wachstum, das vor allem bei Unternehmen und Vermögenden ankommt, stützt Kurse, kann aber die Binnenkonjunktur schwächen. Eine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf lässt sich daraus nicht ableiten.
Der 3. November bleibt der nächste feste Termin für die Kapitalmärkte
Am 3. November finden die Zwischenwahlen statt, bei denen die Republikaner ihre Mehrheiten in beiden Kammern des Kongresses verteidigen wollen. Zuvor hatte Trump am 3. Oktober einen Wahlkampfauftritt absolviert. Über den Ausgang der Wahl hinaus bleibt die Schuldenlast von 125 Prozent des BIP bestehen, und die nachfolgende Administration erbt diese Belastung unabhängig vom Wahlergebnis.
Offen ist zudem, ob sich die KI-Investitionen als Produktivitätsschub erweisen oder als Überinvestition entpuppen. Auch die weitere Entwicklung der Energiepreise hängt von den Folgen des Iran-Kriegs ab. Die Einwanderungsbeschränkung dürfte das Arbeitskräfteangebot weiter begrenzen.
Drei Fachbegriffe helfen beim Einordnen der Zahlen
- Annualisiertes Wachstum: Die Quartalsveränderung des Bruttoinlandsprodukts wird auf ein ganzes Jahr hochgerechnet, um die Dynamik vergleichbar zu machen.
- Verbraucherpreisindex: Er misst die durchschnittliche Preisentwicklung eines Warenkorbs und dient als Grundlage für die Inflationsrate.
- Schuldenquote: Sie setzt die Staatsschulden ins Verhältnis zur jährlichen Wirtschaftsleistung und zeigt, wie stark ein Land relativ zu seiner Wirtschaft verschuldet ist.
