US-Zölle: Warum ein Begräbnis der Handelspolitik verfrüht ist
Trumps Zollpolitik kostet Republikaner Stimmen, doch der Zusammenhang zwischen Abgaben und Wahlverhalten ist dünner als viele annehmen.

Donald Trump hat in der vergangenen Woche Importzölle auf industrielle Vorprodukte wie Papier, Sperrholz und bestimmte Maschinen abgeschafft – und diese im Gegenzug auf Kanus und Särge erhoben. Der Schritt erfolgte nach Darstellung der Financial Times als letzter verzweifelter Versuch, den Senatssitz des Bundesstaates Maine für die Republikanerin Susan Collins bei den anstehenden Zwischenwahlen zu retten. Bei diesen Wahlen entscheiden die Amerikaner, ob Trumps Republikanische Partei oder die Demokraten den Kongress kontrollieren.
Collins, deren Unterstützung für Trumps Agenda ihre Rolle als gemäßigte Republikanerin zunehmend lächerlich erscheinen lässt, hatte sich bereits verdienten Spott zugezogen. Sie hatte damit geprahlt, Trump davon überzeugt zu haben, Streusalz von den Importzöllen auszunehmen. „Wir können Streusalz nicht essen“, spottete ihr demokratischer Herausforderer.
Gezielte Zollentlastungen dürften den Republikanern kaum viele Wählerstimmen bringen. Die meisten Wähler importieren weder Sperrholz, noch essen sie es, und die Kürzungen sind viel zu gering, um die allgemeine Inflation spürbar zu beeinflussen. Zölle sind zwar eindeutig unbeliebt, dienen den Wählern aber vor allem als bequemer Anknüpfungspunkt, an dem sie ihre allgemeine Unzufriedenheit mit den Lebenshaltungskosten und mit Trump selbst festmachen – statt sie als wesentlichen direkten Treiber steigender Verbraucherpreise zu sehen.
Die Details
Die Zwischenwahlen werden größtenteils um Trump kreisen, da er persönlich allen versichert hat, dass dies so sein wird. Seine Handelspolitik steht zur Debatte – angesichts der enormen Macht, die er sich nach Einschätzung der Financial Times verfassungswidrig von einem passiven republikanischen Kongress angeeignet hat. Ein demokratischer Sieg würde nicht nur verändern, was der Kongress in der Handelspolitik tut, sondern auch, ob dieser überhaupt noch ein Mitspracherecht beanspruchen will.
Zölle sind ein fester Bestandteil der Angriffsstrategie in den Wahlwerbespots der Demokraten; die Republikaner bevorzugen es hingegen, so zu tun, als existiere das Thema nicht. Einige Umfragen deuten darauf hin, dass die Abgaben im vergangenen Jahr unpopulärer geworden sind. Der substanzielle Zusammenhang zwischen der tatsächlichen Wirkung von Trumps Zöllen und dem Wahlverhalten ist jedoch dünn – einige der am direktesten von den Zollkriegen Betroffenen, etwa Landwirte, haben ihm weiterhin die Stimme gegeben.
Die neuesten Schätzungen des Budget Lab der Yale University legen nahe, dass der mittelfristige Effekt der Zölle auf die allgemeinen Verbraucherpreise moderat ausfällt. Unter Berücksichtigung des Wechsels der Konsumenten zu günstigeren Gütern beziffert das Budget Lab ihn mit 0,7 Prozent. Die Kosten der Zölle im Verhältnis zum medianen Haushaltseinkommen nach Steuern liegen ebenfalls bei diesem Wert von 0,7 Prozent.
In einigen Kategorien haben die Zölle die Preise deutlich in die Höhe getrieben: Autos um 2,8 Prozent sowie Kleidung und Schuhe um 3,3 Prozent. Mit wenigen Ausnahmen waren die Lebensmittelpreise – für Wähler von sehr hoher Relevanz – weitaus weniger betroffen; die Zölle haben die Lebensmittelkosten lediglich um 0,7 Prozent erhöht. Trump wird zu Recht dafür verantwortlich gemacht, dass sein Fehlmanöver im Iran die Kraftstoffpreise in die Höhe getrieben hat, doch der Zusammenhang zwischen Zöllen und Verbraucherinflation ist schwächer.
Dennoch stellte Trumps Vorgänger Joe Biden fest, dass Präsidenten die Schuld an der Inflation gegeben wird, unabhängig davon, ob dies gerechtfertigt ist. Der berüchtigte Anstieg der Eierpreise nach 2022 hatte fast nichts mit Bidens Fiskalpolitik zu tun: Er war vor allem auf einen Angebotsschock durch die Vogelgrippe zurückzuführen. Doch Korrelation wurde als Kausalität interpretiert, und Trumps Angriffe auf Biden landeten hart.
Die Beweise zeigen zudem, dass die Öffentlichkeit „Inflation“ eher als ein dauerhaft erhöhtes Preisniveau versteht denn als die aktuelle Änderungsrate, was die korrekte Definition der Ökonomen ist. Trumps Versprechen, den Anstieg der Lebensmittelpreise nicht nur zu verlangsamen oder zu stoppen, sondern rückgängig zu machen, hat ihn für ein Scheitern prädisponiert. Es besteht die Tendenz, die Auswirkungen spezifischer Themen wie Handel auf Wahlen zu projizieren und dabei wichtigere Faktoren zu ignorieren.
Der Bundesstaat Ohio im Mittleren Westen liefert hierfür ein besonders klares Beispiel. Im Jahr 2006 wurde der Demokrat Sherrod Brown als Senator gewählt; Brown lehnte Handelsabkommen entschieden ab, einschließlich derer, die damals von Präsident George W. Bush vorangetrieben wurden. Bis zu diesem Zeitpunkt war Bush jedoch aus anderen Gründen, insbesondere wegen des Irakkriegs, zutiefst unbeliebt, was zweifellos maßgeblich zu Browns Sieg beitrug. Vier Jahre später wählten die Menschen in Ohio, unzufrieden mit der schleppenden Wirtschaftslage nach den ersten zwei Jahren von Barack Obamas Präsidentschaft, den Republikaner Rob Portman – den ehemaligen US-Handelsbeauftragten von Bush, der genau jene Abkommen befürwortet hatte, die Brown angegriffen hatte. Portman verteidigte den Handel mit der Begründung, er schaffe Arbeitsplätze durch Exporte, und kritisierte seinen demokratischen Gegner dafür, ihn für den Verlust von Arbeitsplätzen verantwortlich zu machen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 24.10.2026 berichtete aktien.news, dass die US-Regierung einen Teil ihrer 50-prozentigen Zölle auf kanadische Waren aufhebt. Ab dem 30. Oktober sollten Abgaben auf Produkte wie „Sperrholzplatten, einige Papierprodukte, bestimmte Maschinen und Kühlgeräte“ gelockert werden – weniger als zwei Wochen vor den Halbzeitwahlen und offenbar auch unter Druck aus dem Senatswahlkampf von Susan Collins in Maine.
Am 25.07.2026 berichtete aktien.news, dass Trump trotz wachsender Unbeliebtheit an seiner protektionistischen Handelspolitik festhält. Sowohl Handelspartner als auch US-Wähler zeigten sich verärgert über die jüngsten Zölle; dennoch sprechen gewichtige Argumente dafür, dass diese Abgaben auch künftigen Präsidenten schwer zu beseitigen sein werden.
Am 26.07.2026 berichtete aktien.news, dass die jüngste Neugestaltung der Zölle durch das Weiße Haus vor allem eine Fortsetzung bereits bekannter Belastungen bedeutet: plötzliche politische Kurswechsel, unterbrochene Lieferketten und steigende Preise für Importgüter. Achtzehn Monate nach dem Beginn des Handelskriegs in Trumps zweiter Amtszeit zeigte sich ein klares Muster – die Zölle schlugen sich in erster Linie in höheren Verbraucherpreisen nieder.
Und am 15.10.2026 berichtete aktien.news, dass die Inflation nach sechs Jahren rapide steigender Preise bei den Zwischenwahlen zum entscheidenden Thema werden könnte. Viele Wähler seien erschöpft, was den Republikanern zum Verhängnis werden könnte.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die wichtigste Botschaft, dass die Zölle in den USA politisch umkämpft, aber nicht verschwunden sind. Die Preiseffekte fallen je nach Kategorie sehr unterschiedlich aus: Autos, Kleidung und Schuhe sind deutlich stärker betroffen als Lebensmittel. Wer in US-Aktien oder in Unternehmen mit US-Exportgeschäft investiert, muss weiterhin mit politisch bedingten Kurswechseln, unterbrochenen Lieferketten und steigenden Preisen für Importgüter rechnen.
Hinzu kommt die Unsicherheit über die künftige Rolle des Kongresses. Sollten die Demokraten die Zwischenwahlen gewinnen, könnte sich nicht nur die Handelspolitik ändern, sondern auch die Frage, ob der Kongress überhaupt noch ein Mitspracherecht beansprucht. Umgekehrt gilt: Ein Teil der Unbeliebtheit der Zölle resultiert aus ihrer engen Assoziation mit einem Präsidenten, der von manchen tief verachtet wird – ein Faktor, der sich mit dem politischen Personal ändern kann, ohne dass die Abgaben selbst verschwinden.
Ausblick
Die Zwischenwahlen stehen unmittelbar bevor; die Republikaner dürften die Zölle nach Einschätzung der Financial Times viele Stimmen kosten, und das zu Recht. Trumps Experiment hat offensichtlich nicht funktioniert. Doch die hohen Zölle in der US-Handelspolitik lassen sich noch nicht beerdigen – zumal die Preise für Särge so hoch sind wie nie zuvor. Klar ist auch, dass die Öffentlichkeit unter „Inflation“ eher ein dauerhaft erhöhtes Preisniveau versteht als die aktuelle Änderungsrate. Ein Ende der Abgaben ist damit nicht absehbar, auch wenn einzelne Produktgruppen wie zuletzt kanadische Waren ab dem 30. Oktober Entlastung erhalten.
Kurz erklärt
- Zölle: Abgaben, die ein Staat auf importierte Waren erhebt und die Importeure an der Grenze zahlen müssen.
- Zwischenwahlen: Wahlen in der Mitte der Amtszeit eines US-Präsidenten, bei denen über die Zusammensetzung des Kongresses abgestimmt wird.
- Inflation: Anhaltender Anstieg des allgemeinen Preisniveaus, der die Kaufkraft von Einkommen und Ersparnissen verringert.
