US-Kupferbestände verschleiern wachsende globale Engpässe in der Versorgung
Fast 70 Prozent der weltweit sichtbaren Börsenvorräte liegen in den USA – und verzerren das Bild der globalen Kupferversorgung.

Eine wachsende Konzentration der Kupfervorräte in US-Lagern maskiert die Verknappung an anderen Orten und schafft einen fragmentierten globalen Markt, in dem ein Überangebot mit Engpässen und hohen Preisen koexistieren kann. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Beratungsunternehmens GEM Mining Consulting. Die Analyse zeigt, dass die offiziell gemeldeten Lagerbestände immer weniger geeignet sind, die tatsächliche Verfügbarkeit des Industriemetalls abzubilden.
Fast 70 Prozent der weltweit sichtbaren Börsenkupfervorräte werden derzeit in den USA gehalten – ein dramatischer Wandel im Vergleich zu historischen Mustern. Die globalen Bestände erreichten im Oktober 1,04 Millionen Tonnen, ein Anstieg von 83 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein Großteil dieses Metalls ist für Käufer auf anderen Märkten jedoch effektiv nicht verfügbar.
Das Ungleichgewicht hilft, die widersprüchlichen Prognosen für 2026 zu erklären. Die International Copper Study Group (ICSG) prognostiziert ein globales Raffineriekupfer-Überangebot von 104.000 Tonnen, während Goldman Sachs ein Defizit von rund 950.000 Tonnen außerhalb der USA schätzt und erwartet, dass die Preise bis Jahresende 14.700 US-Dollar pro Tonne erreichen. Beide Prognosen können gleichzeitig zutreffen, wenn sich der Markt in getrennte regionale Segmente aufspaltet.
Die Details
Die Analyse von Patricio Faúndez von GEM, die auf Daten der chilenischen Kupferkommission Cochilco basiert, zeigt, dass COMEX-Lager im Oktober 718.000 Tonnen Kupfer hielten. Das entspricht 69 Prozent der sichtbaren Bestände an der London Metal Exchange (LME), an der COMEX und an der Shanghai Futures Exchange (SHFE). Zwischen 2015 und 2024 entfiel auf die COMEX durchschnittlich nur 16 Prozent der Börseninventare, wobei ihr Anteil nie 36 Prozent überschritt. Der aktuelle Bestand ist etwa doppelt so hoch wie der vorherige Rekord der Börse in der historischen Reihe von Cochilco, die bis ins Jahr 1990 zurückreicht.
Im Gegensatz dazu lagen die kombinierten LME- und SHFE-Bestände bei 319.000 Tonnen – 11 Prozent unter ihrem Durchschnittswert der Jahre 2015 bis 2024. Diese Zahl umfasst nahezu 130.000 Tonnen, die in LME-Lagern in New Orleans und Baltimore gehalten werden, wie aus Presseberichten hervorgeht, die in der Studie zitiert werden. Ohne diese Bestände verbleiben etwa 190.000 Tonnen sichtbarer Börsenkupfer außerhalb der USA.
Die Konzentration beschleunigte sich, nachdem Washington im Februar 2025 eine Untersuchung nach Section 232 der US-Handelsgesetze zu Kupferimporten eingeleitet hatte. Dies veranlasste Händler, Metall vor potenziellen Zöllen in das Land zu bringen. Zwischen Februar und Juli 2025 notierte COMEX-Kupfer mit einer durchschnittlichen Prämie von rund 1.120 US-Dollar pro Tonne über den LME-Preisen, wobei die monatliche Spanne im Juli 2.230 US-Dollar erreichte. Die Prämie brach zusammen, nachdem Washington raffinierte Kupferkathoden von einem am 30. Juli 2025 angekündigten Importzoll in Höhe von 50 Prozent ausgenommen hatte.
Doch der Metallfluss hielt an. Laut Faúndez trafen 77 Prozent der seit Februar 2025 hinzugefügten 633.000 Tonnen zu den COMEX-Beständen erst nach der Zollankündigung ein, obwohl die Preisprämie stark gefallen war. Von August 2025 bis September 2026 betrug die Spanne durchschnittlich nur 156 US-Dollar pro Tonne – knapp über dem Durchschnitt von 2024 in Höhe von 151 US-Dollar. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Unsicherheit über Zölle und nicht allein die unmittelbare Preisarbitrage zum Hauptfaktor geworden ist, der Kupfer in den USA hält.
Forscher von BMO Metals and Mining haben ebenfalls eine wachsende Diskrepanz zwischen gedämpften Futures-Preiskursen und verknappenden physischen Angeboten festgestellt. Die spekulative Positionierung bleibt vor den US-Zwischenwahlen vorsichtig, selbst wenn das Yangshan-Kathoden-Prämienniveau über 200 US-Dollar pro Tonne gestiegen ist und die Schanghai-Prämien für nicht registrierte äquivalente Kathoden Rekordniveaus erreicht haben.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 02.10.2026 berichtete aktien.news, dass sich Kupfer in amerikanischen Lagern anhäuft und dort noch eine ganze Weile verbleiben könnte – mit beunruhigenden Auswirkungen auf Käufer an anderen Standorten. Der Kupfermarkt befand sich demnach seit Juli des vergangenen Jahres in einer Art Schwebezustand, weil die politischen Rahmenbedingungen in den USA unklar blieben. Auslöser war eine Entscheidung von Präsident Donald Trump, der Zölle auf Kabel und andere Kupferprodukte verhängte, davon jedoch das von Herstellern verwendete raffinierte Metall ausnahm.
Am 22.09.2026 meldete aktien.news, dass die Kupferpreise den fünften Handelstag in Folge zugelegt hatten. COMEX-Kupfer mit Lieferung im Dezember stieg um bis zu 3,3 Prozent auf 6,8410 US-Dollar pro Pfund in New York – den höchsten Stand seit dem 10. September. Auch der Referenzpreis für dreimonatiges Kupfer an der LME berührte 14.710,50 US-Dollar pro Tonne, bevor er sich auf rund 14.650 US-Dollar einpendelte. Kupfer verzeichnete am Freitag zuvor bereits den elften wöchentlichen Anstieg in zwölf Wochen.
Am 14.10.2026 berichtete aktien.news über einen Bericht von GEM Mining Consulting, wonach die umfangreichen Kupfer-Investitionspläne in den Anden das von den Regierungen erwartete Produktionswachstum verfehlen könnten. Finanzierungsschwierigkeiten, Infrastrukturlücken und operative Engpässe wurden als zentrale Hürden identifiziert. Das peruanische Bergbauportfolio für 2026 umfasst 66 Projekte mit einem geschätzten Wert von 64,1 Milliarden US-Dollar, während die chilenische Investitionspipeline für den Zeitraum 2025 bis 2034 ein Volumen von 104,5 Milliarden US-Dollar erreicht.
Bereits am 12.08.2026 hatte aktien.news berichtet, dass Engpässe bei kritischen Mineralien bis zum Jahr 2035 laut einer GEM-Analyse nicht nur von der Menge der geförderten Tonnen abhängen. Entscheidend sei auch, ob Bergbauunternehmen nutzbares Material zuverlässig verarbeiten und liefern können. GEM analysierte sechs Schlüsselmineralien – darunter Kupfer – auf Basis des Ausblicks der Internationalen Energieagentur (IEA) für das Jahr 2035.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die zentrale Botschaft, dass aggregierte Inventurdaten zunehmend zu einem unzuverlässigeren Maßstab für die Kupferverfügbarkeit werden. Wer Kupferpreise anhand globaler Lagerbestände einordnet, könnte die regionale Fragmentierung des Marktes unterschätzen. Die US-Handelspolitik fördert das Verbleiben des Metalls in amerikanischen Lagern, während Käufer anderswo steigenden Kosten ausgesetzt sind.
Die Divergenz zwischen Futures-Kursen und physischen Prämien zeigt, dass der Papiermarkt und der physische Markt unterschiedliche Geschichten erzählen. Rekordabschlüsse bei Vertragspreisen für Kathodenprämien sowie der Anstieg der Yangshan-Preise deuten darauf hin, dass Käufer zunehmend hohe Prämien zahlen, um verfügbares Material zu sichern – auch wenn spekulative Investoren vorsichtig bleiben. Diese Konstellation ist für Anleger relevant, die auf Kupferpreise setzen oder Unternehmen der Kupferwertschöpfungskette im Depot halten.
Ausblick
Washington hat die Möglichkeit offengelassen, im Jahr 2027 Zölle in Höhe von 15 Prozent und im Jahr 2028 von 30 Prozent auf raffiniertes Kupfer zu erheben. Ein Update des Handelsministeriums war für Juni 2026 vorgesehen, doch es wurde keine weitere Entscheidung veröffentlicht, so die Studie. Da die aktuelle COMEX-Prämie zu gering ist, um den Versand von Kupfer zurück ins Ausland zu rechtfertigen, haben Händler wenig Anreiz, frühere Sendungen rückgängig zu machen, solange zukünftige Abgaben möglich bleiben.
Auch in Afrika zeichnen sich Versorgungsrisiken ab. BMI, eine Einheit von Fitch Solutions, hat gewarnt, dass die Demokratische Republik Kongo – der Quelltext bricht an dieser Stelle ab. Goldman Sachs erwartet unterdessen, dass die Preise bis Jahresende 14.700 US-Dollar pro Tonne erreichen.
Kurz erklärt
- COMEX: Rohstoffbörse in New York, an der unter anderem Kupfer-Futures gehandelt und physische Bestände gelagert werden.
- LME: London Metal Exchange, die weltweit wichtigste Handelsplattform für Industriemetalle.
- Kathodenprämie: Aufschlag, den Käufer über dem Börsenpreis zahlen, um physisch verfügbares Kupfer zu erhalten.
- Section 232: US-Handelsgesetz, das Untersuchungen zu Importen erlaubt, die die nationale Sicherheit betreffen könnten.
