OpenAI senkt Bewertungsziel: KI-Branche unter Druck der Kapitalmärkte
Der ChatGPT-Entwickler passt seine Bewertung auf 1,25 Billionen Dollar an, während Investoren im KI-Sektor zunehmend Zurückhaltung zeigen.

Der KI-Sektor durchläuft derzeit eine Phase erheblicher finanzieller Neubewertung. Im Zentrum der Entwicklungen steht OpenAI, der Entwickler von ChatGPT, der sich in der Endphase einer großen Finanzierungsrunde befindet, mit der bis zu 30 Milliarden Dollar eingesammelt werden sollen. Mehrere Berichte deuten darauf hin, dass das Unternehmen sein angestrebtes Bewertungsziel auf 1,25 Billionen Dollar nach unten korrigiert hat – nachdem zuvor gegenüber potenziellen Investoren noch 1,4 Billionen Dollar genannt worden waren.
Diese Anpassung um 150 Milliarden Dollar wird von Marktanalysten weithin als Reaktion auf den Widerstand der Investoren und die allgemeine makroökonomische Anspannung gewertet. Quellen zufolge wird die Runde als „opportunistische“ Brücke vor einem möglichen Börsengang (IPO) positioniert, der derzeit für die erste Hälfte des Jahres 2027 erwartet wird. Angeführt wird das Vorhaben von Investoren aus den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie der Beteiligungsgesellschaft Coatue.
Im Rahmen des Deals hat sich OpenAI Berichten zufolge ein Vorkaufsrecht auf neue Rechenleistung gesichert, die von seinen Partnern in den Vereinigten Arabischen Emiraten entwickelt wird. Damit unterstreicht das Unternehmen seine Strategie, sich die gewaltigen Rechenressourcen zu sichern, die für den Betrieb seiner Modelle erforderlich sind. Potenzielle Investoren haben eine Frist bis zum 30. Oktober erhalten, um ihre Beteiligungen verbindlich zu machen.
Gedämpfte Investorenstimmung
Während frühere Finanzierungsrunden von OpenAI von intensiver Nachfrage geprägt waren, wird der aktuelle Prozess von einigen Insidern im Vergleich zu früheren „Frenesien“ als „dumpf“ beschrieben. Berichte der Financial Times legen nahe, dass bei den Investoren nach den umfangreichen Kapitaleinsätzen früherer Runden eine Art „Erschöpfung“ oder „Verdauungsprobleme“ eingesetzt hat. Darüber hinaus verfolgen einige potenzielle Geldgeber Berichten zufolge eine abwartende Haltung und beobachten insbesondere, wie der Rivale Anthropic seinen eigenen bevorstehenden IPO bewertet, bevor sie weiteres Kapital in OpenAI investieren.
Diese abkühlende Stimmung fällt mit einem breiteren Ausverkauf bei US-Technologieaktien zusammen, der die Anleger dazu veranlasst hat, in sichere Anlagehäfen wie US-Staatsanleihen zu rotieren. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen verzeichnete kürzlich ihren größten Tagesrückgang seit März 2023 und fiel unter die Marke von 5 %, während die Marktteilnehmer zunehmende Zweifel an der Nachhaltigkeit des schuldenfinanzierten KI-Infrastrukturbooms äußern.
KI-Infrastruktur am Kapital-Limit
Parallel zu den Entwicklungen bei OpenAI sieht sich der „Neocloud“-Sektor – Unternehmen, die KI-Rechenleistung vermieten – erheblicher Marktvolatilität ausgesetzt. Branchenexperten und Analysten warnen zunehmend davor, dass die Kapitalverfügbarkeit bald zum primären Engpass für die KI-Expansion werden könnte. Goldman Sachs schätzt, dass die KI-bezogenen Investitionsausgaben bis 2031 bis zu 7,6 Billionen Dollar erreichen könnten, wobei einzelne Rechenzentren mit einer Leistung von einem Gigawatt etwa 50 Milliarden Dollar kosten.
Nvidia-CEO Jensen Huang hat auf einer vielbeachteten Europatour verstärkt für KI-Infrastruktur geworben. Während seines Besuchs in Berlin stellte Huang ein neues mobiles KI-Rechenzentrum vor, das in Schiffscontainern transportiert werden kann, um die Bereitstellung zu beschleunigen. Trotz seiner optimistischen Einschätzung räumte Huang die Herausforderungen des aktuellen Umfelds ein und wies darauf hin, dass Verzögerungen beim Aufbau von Rechenzentren zu Milliardenverlusten bei den Einnahmen führen können. Zudem betonte er die Notwendigkeit eines schnellen Ausbaus und verwies scherzhaft auf sein eigenes Mantra, „weniger zu schlafen“, um die Produktivität aufrechtzuerhalten.
Die Marktangst konzentriert sich besonders auf die „Größenordnung an Unternehmen ohne Bonitätsbewertung“ innerhalb des Neocloud-Sektors. Diese Sorge hat zu Aktienverkäufen bei Unternehmen wie CoreWeave und Nebius beigetragen. Als Reaktion auf die hohen Kosten suchen große KI-Akteure wie OpenAI und Anthropic aktiv nach kleineren, effizienteren Lösungen für den Aufbau von Rechenzentren.
Weitere Marktentwicklungen
Trotz der Marktvorsicht bleibt die Investitionstätigkeit aktiv. Nvidia und TCV haben in das KI-Video-Startup Higgsfield Inc. investiert, als Erweiterung einer Finanzierungsrunde aus dem August. Higgsfield, das derzeit mit 5,4 Milliarden Dollar bewertet wird, hält einen erheblichen Teil seines Engineering-Talents in Kasachstan – einem Land, das Nvidias CEO als potenzielles künftiges KI-Zentrum bewirbt.
In weiteren Marktnachrichten fielen die Aktien von Volvo Car um 30 %, nachdem das Unternehmen in den USA und in China schwache Ergebnisse erzielt hatte, während die Apple-Aktie nach der Markteinführung des iPhone Duo zulegte. Zudem beeinflussen geopolitische Faktoren weiterhin die Kapitalflüsse: Berichten zufolge verlagern wohlhabende chinesische Personen Vermögenswerte auf US-Banken, um rückwirkenden Steuern Pekings auf Offshore-Vermögen zu entgehen. Unterdessen hat Präsident Trump Berichten zufolge die Wiederherstellung des vollständigen militärischen Starlink-Zugangs für die Ukraine gefordert, was unmittelbare operative Auswirkungen in der Region hatte.
