Online-Wettanbieter setzen Millionen auf US-Staatenwahlen
Glücksspiel- und Vorhersagemarkt-Firmen spenden mehr als 80 Millionen Dollar, um Regulierung auf Bundesstaatsebene mitzugestalten.

Online-Glücksspielunternehmen und Anbieter von Vorhersagemärkten geben Millionen für die legislativen Wahlen auf Staatenebene an diesem Dienstag aus. Ihr Ziel: den Flickenteppich der Wettregulierungen in den USA mitzugestalten. Die Midterm-Wahlen bieten beiden Lagern die Gelegenheit, politische Entscheidungsträger und Beamte auf Staatenebene zu gewinnen, die maßgeblich darüber entscheiden könnten, wie sie künftig reguliert werden.
Hinter dem Engagement steht wirtschaftlicher Druck. Glücksspielunternehmen in den USA müssen neues Wachstum finden, weil Vorhersagemärkte einen Teil des 17 Milliarden US-Dollar schweren Sports-Betting-Marktes abschöpfen. Viele Wettanbieter argumentieren, dass Plattformen wie Polymarket und Kalshi, die von der Bundesregierung als finanzielle Derivateunternehmen reguliert werden, als Wettunternehmen besteuert werden sollten, um gleiche Wettbewerbsbedingungen in der Branche zu schaffen.
Andere Unternehmen, darunter FanDuel und DraftKings, haben eigene Vorhersagemärkte eingeführt. Dieser Schritt hat zu einer Spaltung der einflussreichen US-Glücksspiellobby geführt. Einige Bundesstaaten stellen sich auf die Seite der traditionellen Wettanbieter: Vierundvierzig Generalstaatsanwälte der Bundesstaaten unterzeichneten im Juli einen Brief an die Commodity Futures Trading Commission (CFTC). Darin argumentierten sie, der Ansatz der Bundesbehörde zur Regulierung von Vorhersagemärkten würde Unternehmen unzulässig ermöglichen, staatliche Regulierungen und Steuern zu umgehen, die für Glücksspielunternehmen gelten.
Sportwetten-Firmen finanzieren ein 80-Millionen-Dollar-PAC
Geschäfte im Bereich Sportwetten, darunter DraftKings, FanDuel, Fanatics und Bet365, haben dem im vergangenen November gegründeten politischen Aktionskomitee „Win for America" mehr als 80 Millionen US-Dollar zugeführt. Das PAC verteilte den Großteil der Mittel an zwei politische Aktionskomitees, die in legislativen Wahlen auf Staatenebene spenden: den American Conservative Fund, der republikanische Kandidaten unterstützt, und American Future, das Demokraten unterstützt.
Die Anzeigen, die von den verbundenen PACs der Online-Wettindustrie finanziert und erstellt wurden, erwähnen keine Glücksspielregulierungen. Sie konzentrieren sich stattdessen auf breitere Themen wie Erschwinglichkeit und die Ansichten der Kandidaten gegenüber Präsident Trump. Win for America, Bet365, DraftKings und FanDuel lehnten eine Kommentarabgabe ab. Fanatics reagierte nicht auf eine Anfrage zur Stellungnahme.
Neben der Lobbyarbeit zur Gestaltung der Zukunft von Vorhersagemärkten drängen Glücksspielunternehmen auf einen größeren Zugang der Verbraucher zu Sportwetten und Online-Casino-Spielen. Diese sind in einigen Bundesstaaten verboten und lassen sich schwerer durch Vorhersagemärkte replizieren. Flutter, Eigentümer der Sportwetten-Plattform FanDuel, hat im Jahr 2026 bereits fast zwei Drittel seines Marktwerts eingebüßt. Eine Person in der Nähe von Flutter erklärte, der virtuelle Casino-Bereich sei „jetzt, da das Wachstum bei Sportwetten stagniert, entscheidend für das Geschäft".
DraftKings und FanDuel spenden für Volksentscheid in Nebraska
Auf Ebene einzelner Bundesstaaten zeigen sich die Beträge konkret. DraftKings und FanDuel gaben jeweils 10 Millionen US-Dollar an Tax Relief Nebraska, eine Organisation auf Staatenebene, die Volksentscheide unterstützt, die mobile Sportwetten in diesem Bundesstaat legalisieren würden. Fanatics trug 600.000 US-Dollar zur Organisation bei, MGM's Roar Digital spendete 500.000 US-Dollar.
Der Chief Executive von DraftKings, Jason Robins, sagte der Financial Times im Mai: „Es macht einfach Sinn: Wenn Vorhersagen in Ihrem Bundesstaat stattfinden, warum sollten Sie dann keine legalen Sportwetten verfolgen?" Die großen Betreiber von Vorhersagemärkten haben einen ähnlichen Ansatz gewählt und unterstützen Kandidaten beider Parteien auf Staatenebene.
Blockratize, die Muttergesellschaft von Polymarket, gab im Juni 1 Million US-Dollar an den republikanisch orientierten Congressional Leadership Fund. Chief Executive Shayne Coplan spendete 250.000 US-Dollar an die RNC im August. Berichten zufolge spendete das Unternehmen weitere 1 Million US-Dollar an House Majority Forward, eine demokratische Gruppe, die ihre Spender nicht beim FEC offenlegt. Ein Sprecher von Polymarket sagte: „Wir engagieren uns auf allen Seiten der Debatte und begrüßen Gespräche mit jedem, der mehr über unsere Plattform erfahren möchte."
Kalshi und ihr Chief Executive Tarek Mansour haben politische Zuwendungen in Höhe von fast 2 Millionen US-Dollar offengelegt. Das Unternehmen spendete 567.500 US-Dollar an vier Gruppen von Gouverneuren und Generalstaatsanwälten sowie 812.700 US-Dollar an Wahlen auf Staatenebene in Idaho, Kalifornien und Florida. Mansours nahezu 600.000 US-Dollar an bundesweit offengelegten Zuwendungen wurden zwischen Republikanern (367.675 US-Dollar) und Demokraten (227.600 US-Dollar) aufgeteilt. „Die politischen Zuwendungen von Kalshi spiegeln unsere starken Beziehungen zu Gesetzgebern beider Parteien wider und werden bis zum Wahltag etwa gleichmäßig auf die beiden Parteien verteilt sein", sagte John Bivona, Leiter der bundesweiten Regierungsbeziehungen.
Bereits am 22.10.2026 berichtete aktien.news über wachsende Spenden der Vorhersagemärkte
Der aktuelle Vorstoß ist Teil einer länger angelegten Strategie. Bereits am 22.10.2026 berichtete aktien.news, dass die beiden führenden Betreiber von Vorhersagemärkten in den USA, Kalshi und Polymarket, im laufenden Wahlzyklus gemeinsam mit ihren Gründern mindestens 5 Millionen Dollar an republikanische und demokratische politische Gruppen gespendet haben. Grundlage waren Aufzeichnungen zur Kampagnenfinanzierung sowie ein privater Überweisungsbeleg, der der Nachrichtenagentur Reuters vorlag. Dem Bericht zufolge handelte es sich um den ersten bedeutenden Einstieg beider Unternehmen in die politische Spendenlandschaft der Vereinigten Staaten.
Schon früher geriet die Branche politisch unter Druck. Am 15.04.2026 berichtete aktien.news, dass Prognosemärkte in den USA angesichts einer Welle von Regulierungsvorschlägen im US-Kongress unter wachsendem politischen Druck stehen. Kalshi startete damals eine offensive Werbekampagne in Washington und schaltete Anzeigen auf Plakatwänden, an Bushaltestellen und als Beilagen in der Washington Post, um Kritik abzuwehren und sich als seriöse Alternative zu Polymarket zu positionieren. Prognosemärkte ermöglichen es Nutzern, sogenannte Ereigniskontrakte zu erwerben – im Grunde Wetten auf den Ausgang eines bestimmten Ereignisses.
Auch die Konkurrenz um Wettvolumen ist dokumentiert. Am 19.09.2026 berichtete aktien.news unter Berufung auf eine Prognose von Eilers & Krejcik Gaming (EKG), dass die NFL-Saison voraussichtlich rund 40 Milliarden Dollar an US-Wettaktivität generieren wird. Regulierte Sportwettenanbieter kontrollierten demnach nach wie vor fast vier von fünf Dollar pro Wette, mit einem geschätzten Volumen von 31,7 Milliarden Dollar – ein Anstieg um etwa acht Prozent gegenüber der letzten Saison. Zugleich schätzte EKG, dass Vorhersagemärkte eine NFL-Wettaktivität in Höhe von 8,4 Milliarden Dollar verzeichnen werden.
Am 13.09.2026 berichtete aktien.news zudem, dass die Volumina auf Vorhersagemarkt-Plattformen nach zwei früheren Ereignissen massiv gewachsen sind: der Präsidentschaftswahl 2024 und dem Start der NFL-Saison 2025. In diesem Herbst fielen beide Ereignisse zusammen, und die Branche erwartete einen regelrechten „Supercycle". Die beiden dominierenden Marktführer Polymarket und Kalshi versuchten, von dieser Konstellation zu profitieren – ebenso wie kleinere Börsen.
Die Spendenoffensive macht Regulierungsentscheidungen zum Treiber der Branchenbewertung
Für Anleger in Deutschland ist die Entwicklung vor allem ein regulatorisches Signal. Die Spendenoffensive zeigt, dass die US-Glücksspiel- und Vorhersagemarktbranche ihren künftigen Rechtsrahmen nicht dem Zufall überlassen will. Wer in Unternehmen mit Bezug zu Sportwetten oder Vorhersagemärkten investiert ist, sollte die Regulierungsentscheidungen auf Bundesstaatsebene als wesentlichen Treiber im Blick behalten. Flutter als Eigentümer von FanDuel hat im Jahr 2026 bereits fast zwei Drittel seines Marktwerts eingebüßt – ein Hinweis darauf, wie stark Marktbewertungen in diesem Segment von Wachstums- und Regulierungserwartungen abhängen.
Zugleich ist die Branche gespalten: Während traditionelle Wettanbieter auf Besteuerung der Vorhersagemärkte drängen, haben DraftKings und FanDuel selbst eigene Vorhersagemärkte eingeführt. Diese Interessenlage macht pauschale Aussagen über „die Glücksspielbranche" schwierig. Für Privatanleger bedeutet das, einzelne Geschäftsmodelle und deren Regulierungsrisiko getrennt zu bewerten, statt auf Branchentrends zu setzen.
Der Wahltag am Dienstag entscheidet über die künftige Regulierungslandschaft
Der unmittelbare Ausblick richtet sich auf die legislativen Wahlen auf Staatenebene am Dienstag. Beide Lager – traditionelle Wettanbieter und Betreiber von Vorhersagemärkten – haben Kandidaten beider Parteien unterstützt, um nach der Wahl Gesprächspartner in den Parlamenten und Generalstaatsanwaltschaften der Bundesstaaten zu haben. Kalshi erwartet nach den Worten von John Bivona, dass sich seine Zuwendungen bis zum Wahltag etwa gleichmäßig auf Republikaner und Demokraten verteilen.
Offen bleibt die Haltung der Bundesaufsicht. Der Brief der 44 Generalstaatsanwälte an die CFTC aus dem Juli ist bislang unbeantwortet geblieben – zumindest ist im vorliegenden Material keine Reaktion der Behörde dokumentiert. Ebenso ungeklärt ist, ob die Volksentscheide in Nebraska zur Legalisierung mobiler Sportwetten erfolgreich sein werden; Tax Relief Nebraska wird von DraftKings, FanDuel, Fanatics und MGM's Roar Digital finanziell unterstützt. Beide Fragen dürften die Regulierungsdebatte über den Wahltag hinaus prägen.
Diese drei Fachbegriffe ordnen die Debatte ein
- Vorhersagemarkt: Eine Handelsplattform, auf der Nutzer Ereigniskontrakte auf den Ausgang künftiger Ereignisse kaufen und verkaufen können.
- PAC (Political Action Committee): Eine Organisation, die Spenden sammelt und an politische Kandidaten oder Kampagnen weiterleitet.
- CFTC: Die US-Bundesbehörde, die den Handel mit Derivaten und damit auch Vorhersagemärkte reguliert.
