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Ölpreise trotz historischer Versorgungsunterbrechung überraschend stabil

Die größte Ölversorgungsunterbrechung der jüngeren Geschichte treibt die Preise kaum an – Experten suchen nach Erklärungen.

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Ölpreise trotz historischer Versorgungsunterbrechung überraschend stabil

Die Schließung der Straße von Hormus vor zehn Wochen hat die Ölmärkte in eine beispiellose Situation gebracht. Fast eine Milliarde Barrel an Seefracht-Lieferungen sind seitdem ausgefallen – und dennoch reagieren die Ölpreise erstaunlich verhalten. Kommentatoren und Analysten rätseln, warum der Markt diesen massiven Angebotsschock nicht stärker einpreist.

Liam Halligan schrieb im Sunday Telegraph, dass der Öl-Terminmarkt die „massiven Versorgungsunterbrechungen aus dem Nahen Osten erst noch einpreisen" müsse. Der Schock dauere nun schon den dritten Monat an – weit länger, als fast jeder erwartet hatte, als die Krise Ende Februar begann. Halligan bezeichnet die aktuellen Ölpreise als „von der Realität losgelöst".

Enormes Angebotsdefizit, gedämpfte Preisreaktion

Die Zahlen sind beeindruckend: Selbst wenn die Feindseligkeiten morgen enden würden, würde allein die Zeit für den Neustart der Produktion und die Verlegung der Tanker an ihre Bestimmungsorte weitere kumulierte eine Milliarde Barrel aus dem Angebot für 2026 entfernen. Insgesamt droht also ein Defizit von rund zwei Milliarden Barrel – eine historisch einmalige Größenordnung.

Dennoch sind die Öl-Futures lediglich rund 66 Prozent teurer als zu Jahresbeginn. Ein Brent-Preis von 100 US-Dollar würde bedeuten, dass man sich kaum von den Niveaus entfernt hat, die zwischen 2011 und 2014 als Routine galten. Die Höchststände während der globalen Finanzkrise und der Pandemie sind bislang nicht übertroffen worden.

Viele Beobachter sehen in diesen relativ ruhigen Preisniveaus ein Zeichen dafür, dass Ölhändler Schlagzeilen über eine baldige Wiedereröffnung der Meerenge zu unkritisch aufnehmen. Hinzu kommt, dass die weltweiten Ölvorräte zu Beginn der Krise ungewöhnlich hoch waren – das gibt dem Markt mehr Puffer als bei früheren Angebotsschocks.

Morgan Stanley identifiziert zwei Schlüsselfaktoren

Martijn Rats, Analyst bei Morgan Stanley, und sein Team sehen zwei potenziell wichtigere Erklärungen für die gedämpfte Preisreaktion. Erstens haben die USA ihre Ölexporte massiv gesteigert. Zweitens hat China seine Importe drastisch reduziert.

Konkret zeigen Tanker-Tracking-Daten des Analyseunternehmens Vortexa: Die durchschnittlichen Netto-Seeexporte von Rohöl und raffinierten Produkten der sieben großen Produzenten im Nahen Osten – Saudi-Arabien, VAE, Kuwait, Irak, Iran, Katar und Bahrain – sind in den letzten 30 Tagen im Jahresvergleich um 12,3 Millionen Barrel pro Tag gesunken. Andere Produzenten haben ihre Netto-Seeexporte kollektiv jedoch um 5,5 Millionen Barrel pro Tag gesteigert und damit einen erheblichen Teil des Ausfalls kompensiert.

Diese Kombination aus erhöhtem Angebot außerhalb des Nahen Ostens und gedrosselter Nachfrage aus China erklärt zumindest teilweise, warum der Markt trotz der historischen Dimension der Krise keine extremen Preisausschläge zeigt. Für Anleger und Energieverbraucher bleibt die Lage dennoch angespannt – denn ob die aktuellen Preise die tatsächliche Versorgungslage korrekt widerspiegeln, ist unter Experten weiterhin umstritten.

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