Investment Banking: KI-Kapitalmärkte und robuste US-Kredite prägen den Markt
Hongkong bleibt ein Zentrum für KI-Börsengänge, während US-Regionalbanken starke Kreditnachfrage trotz Zinserhöhung und Inflation melden.

Stand: 18. Oktober 2026 — Die weltweite Investment-Banking-Landschaft wird derzeit von zwei Entwicklungen bestimmt: der anhaltenden Nachfrage nach Kapitalerhöhungen im KI-Sektor in Hongkong und einem überraschend robusten Kreditumfeld im US-Bankensektor. Beide Bereiche zeigen sich trotz makroökonomischer Gegenwinde widerstandsfähig – getrieben von der globalen Infrastruktur-Offensive rund um Künstliche Intelligenz. Simon Yuan, Leiter des China-Investmentbankings bei Citigroup, berichtet, dass Hongkong weiterhin ein zentraler Standort für chinesische Unternehmen der KI-Lieferkette bleibt, die an die Börse streben.
Zwar haben Bewertungsbedenken zuletzt die Aktien von Rechenzentrumsbetreibern in den USA belastet, die Nachfrage nach Hongkong-IPOs bleibt jedoch stabil. Die Stärke wird durch eine breit gefächerte Anlegerbasis gestützt: chinesisches Inlandskapital trifft auf internationale Investoren, hinzu kommt zusätzliche Liquidität durch südwärts gerichtete Investmentzuflüsse („southbound flows“).
Yuan warnt allerdings, dass der Markt nicht immun gegen globale Schwankungen ist. Ein deutlicher Abschwung im US-amerikanischen KI-Investitionszyklus könnte eine breitere Korrektur der Bewertungen weltweit auslösen. Aktuell profitieren chinesische Hardware-Hersteller von der hohen globalen Nachfrage nach KI-Infrastruktur und gestiegenen Stückpreisen. Viele dieser Firmen haben ihre Produktion auch außerhalb des chinesischen Festlands diversifiziert, um geopolitische Risiken zu mindern und internationale Kunden besser bedienen zu können.
Fokus verschiebt sich 2027 auf KI-Modellentwickler
Für 2027 erwartet Citi eine strategische Verschiebung an den Hongkonger Aktienkapitalmärkten. Während 2026 von Hardware-Zulieferern dominiert war, dürfte sich der Fokus auf Entwickler von KI-Modellen und Anwendungsunternehmen verlagern. Yuan betonte, dass die Eintrittshürde für diese künftigen Emittenten hoch sein wird: „Potenzielle Emittenten müssten nachhaltige Geschäftsmodelle, starkes Umsatzwachstum und Profitabilität nachweisen, um Investoren anzuziehen.“
Die aktuelle Dynamik ist dabei unbestreitbar: In den ersten neun Monaten des Jahres 2026 gingen 118 Unternehmen in Hongkong an die Börse und sammelten 388 Milliarden HK-Dollar (49,4 Milliarden US-Dollar) ein. Das entspricht einem Anstieg von 106 Prozent im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Jahres 2025 – ein bemerkenswerter Schub für den Standort.
US-Regionalbanken melden robuste Kreditnachfrage
In den USA zeigt sich ein Bild der wirtschaftlichen Widerstandsfähigkeit. Nach starken Quartalszahlen der Branchengrößen JPMorgan Chase, Bank of America, Wells Fargo und Citigroup meldeten auch die US-Regionalbanken eine kräftige Kreditnachfrage. Das Wachstum hält trotz der Zinserhöhung der Federal Reserve im September und trotz der inflationären Belastungen durch den laufenden Iran-Krieg an.
Führungskräfte stellen fest, dass Unternehmen die globale Unsicherheit inzwischen weitgehend als „neue Normalität“ akzeptieren. William Demchak, CEO von PNC Financial, sagte: „Die Wolken sind so dunkel wie nie, aber die Wirtschaft ist weiterhin stark. Die Menschen investieren.“ PNC führte die Regionalbanken mit einem Kreditwachstum von 14,2 Prozent im dritten Quartal an, gefolgt von U.S. Bancorp (8 Prozent), M&T Bank (5,5 Prozent) und Citizens Financial (5,29 Prozent).
Im Zentrum dieser Kreditstärke steht das KI-Ökosystem. Bruce Van Saun, CEO von Citizens Financial, bemerkte, dass der KI-Ausbau „mit voller Kraft“ laufe, wobei Unternehmen kaum zögern, trotz höherer Finanzierungskosten in Rechenleistung zu investieren. „Die Akteure zucken nicht einmal mit der Wimper“, so Van Saun. Selbst Banken wie PNC, die keine direkte Exposition gegenüber Rechenzentren aufweisen, profitieren indirekt, da KI-bezogene Investitionsausgaben (Capex) in Sektoren wie Schwermaschinen, Transport und Energie durchsickern.
Dennoch bleiben die Banken wachsam. Demchak merkte an, dass eine breite Verlangsamung der KI-bezogenen Capex wahrscheinlich zu einer Abkühlung des allgemeinen Kreditwachstums führen würde. U.S.-Bancorp-CFO John Stern betonte zugleich, dass die Stärke nicht ausschließlich an der Technologie hängt. Die Bank meldete robustes Wachstum in unterschiedlichen Sektoren, darunter Einzelhandel, Lebensmittel und Getränke sowie Versicherungen. Das deutet darauf hin, dass die Widerstandsfähigkeit der US-Wirtschaft breit aufgestellt ist und nicht allein im Technologiesektor verwurzelt ist.
Für die verbleibenden Monate des Jahres bleibt damit das Zusammenspiel zwischen KI-getriebener Kapitalnachfrage in Asien und der anhaltenden Kreditbereitschaft der US-Unternehmen der zentrale Fokus der Marktteilnehmer. Anleger sollten beide Entwicklungen im Auge behalten: Der Hongkonger IPO-Markt hängt stark vom globalen KI-Investitionszyklus ab, während die Kreditnachfrage der US-Regionalbanken als Frühindikator für die Konjunktur der größten Volkswirtschaft der Welt dient.
