EZB dürfte Zinsen im Dezember anheben, warnt Nagel
Bundesbank-Präsident Joachim Nagel sieht kaum einen Weg an einer weiteren Zinserhöhung der EZB im Dezember vorbei.

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird die Zinsen im Dezember wahrscheinlich anheben. Das sagte Joachim Nagel, Mitglied des EZB-Rats und Präsident der Deutschen Bundesbank, in einer Rede in Berlin. Als Begründung nannte er eine Inflation, die sich zuletzt weiter verschärft hat.
Nagel verwies darauf, dass die im September vorgelegte Basisprognose für die Verbraucherpreise bereits eine weitere Zinserhöhung voraussetzte. Seit der Vorlage dieser Projektion habe sich die Lage jedoch verschlechtert. Für die Notenbank bedeutet das, dass die Argumente für einen weiteren Straffungsschritt eher zugenommen haben.
Die EZB hatte die Zinsen erst letzte Woche unverändert gelassen. Zuvor hatte sie die Sätze seit Beginn des Iran-Kriegs zweimal angehoben. Mehrere Funktionäre haben in den vergangenen Tagen signalisiert, dass weitere Maßnahmen erforderlich sein könnten. Nagel selbst hatte sich am Freitag gegenüber Bloomberg in derselben Weise geäußert.
Nagel sieht kaum einen Weg an einer Zinserhöhung vorbei
Der Bundesbank-Präsident machte deutlich, dass die Entscheidung im Dezember an neue Daten gekoppelt ist. Die EZB wird bei ihrer Sitzung im nächsten Monat neue Wirtschaftsprognosen bis zum Jahr 2029 vorlegen. „Wir werden unsere Entscheidung auf diesen Projektionen basieren lassen“, sagte Nagel. Zugleich schränkte er den Spielraum ein: „Aus heutiger Sicht gibt es jedoch wahrscheinlich keinen Weg um eine Zinserhöhung herum, sofern sich die Inflationsaussichten nicht deutlich verbessern.“
Nagel warnte zudem vor den Risiken steigender Energiepreise. Wiederkehrende Preisspitzen bei Energiekosten erhöhten das Risiko, dass sich diese auf andere Preise ausbreiten. Als Grund für die Pause in der vergangenen Woche führte er an, dass bislang keine Sekundäreffekte zu beobachten seien. Steigende Energiepreise „könnten zunehmend auch Lohnforderungen speisen“, sagte er. „Dies würde wiederum die Preise nach oben treiben.“
Mehrere Ratsmitglieder halten die Zinspause nicht für das Ende
Die abwartende Haltung der EZB wird innerhalb des Rats offenbar nicht als Abschluss der Straffung verstanden. Das bulgarische Ratsmitglied Dimitar Radev erklärte am Dienstag, die Pause in der vergangenen Woche bedeute nicht, dass die Zinserhöhungen abgeschlossen seien. Sein slowakischer Kollege Peter Kazimir sagte am Donnerstag, die Entscheidung vom Donnerstag sei „keine Ziellinie“ gewesen.
Auch die Marktteilnehmer rechnen mit weiteren Schritten. Ökonomen prognostizieren eine letzte Zinsänderung im nächsten Monat. Investoren erwarten dagegen, dass die Straffungspolitik darüber hinaus bis 2027 andauern wird. Die Einschätzungen gehen also auseinander, was die Unsicherheit über den weiteren geldpolitischen Pfad unterstreicht.
Eurostat dürfte eine Inflation von 4 Prozent melden
Für zusätzliche Orientierung dürften die am Mittwoch erwarteten Inflationsdaten sorgen. Es wird erwartet, dass Eurostat meldet, dass die Inflation in der Eurozone im vergangenen Monat 4 Prozent erreicht hat. Das entspricht dem Doppelten des EZB-Ziels. Die Kerninflation, die volatile Posten wie Energie ausklammert, soll voraussichtlich bei 2.5 Prozent verharren.
Damit bleibt die Teuerung deutlich über dem Zielwert der Notenbank. Die Kernrate zeigt, dass der Preisdruck nicht allein von schwankungsanfälligen Komponenten wie Energie getrieben wird. Für die EZB ist das ein wichtiges Signal, weil sie ihre Entscheidungen an der mittelfristigen Preisentwicklung ausrichtet.
Bereits am 23.09.2026 warnte Nagel vor einem restriktiven Kurs
Die aktuelle Debatte hat eine Vorgeschichte. Bereits am 23.09.2026 berichtete aktien.news, dass Nagel in London eine deutliche Warnung ausgesprochen hatte. Die EZB könnte gezwungen sein, die Zinssätze auf ein Niveau anzuheben, das das Wirtschaftswachstum dämpft. Der Bundesbank-Präsident ließ dabei offen, ob dieser Schritt tatsächlich kommen wird, schloss ihn aber nicht aus. „Ich kann nicht ausschließen, dass wir uns bei längerfristig hohen Energiepreisen wie diesen in einen leicht restriktiven Bereich der Geldpolitik begeben müssen“, sagte Nagel damals in London. Gleichzeitig betonte er, es sei zu früh, eine „entsprechende Einschätzung“ abzugeben.
Am 08.10.2026 berichtete aktien.news über eine Reuters-Umfrage unter Ökonomen. Danach wird die EZB ihren Einlagenzins im laufenden Monat voraussichtlich bei 2,50 Prozent belassen, ihn jedoch im Dezember um 25 Basispunkte anheben. Grund dafür ist eine Inflation, die nahezu doppelt so hoch liegt wie das 2-Prozent-Ziel der Notenbank. Die meisten befragten Volkswirte gingen bis vor Kurzem noch davon aus, dass die EZB ihre Zinserhöhungen bereits abgeschlossen habe. Diese Einschätzung hat sich nun deutlich gedreht. Hintergrund sind stark gestiegene Renditen globaler Staatsanleihen, die höhere Inflationserwartungen und fiskalische Bedenken widerspiegeln.
Noch weiter zurück liegt ein anderer Bericht: Am 05.05.2026 verteidigte Nagel in Frankfurt den geldpolitischen Kurs der EZB. Er betonte, die abwartende Haltung sei kein Zögern, sondern eine bewusste und begründete Entscheidung. Als zentrales Argument für eine mögliche Zinserhöhung verwies er auf die ausbleibende deutliche Verbesserung der Preisprognosen. Die EZB stehe jederzeit bereit zu handeln, sofern die wirtschaftlichen Bedingungen ein Eingreifen erfordern.
Am 13.05.2026 berichtete aktien.news, dass Nagel Zinserhöhungen als zunehmend wahrscheinlich bezeichnete. In einem Interview mit dem Handelsblatt machte er deutlich, dass die EZB angesichts der hartnäckig hohen Inflation handeln müsse. „Zinserhöhungen werden immer wahrscheinlicher, wenn sich das Inflationsbild nicht grundlegend ändert“, sagte er. Die EZB hatte bereits im vergangenen Monat über eine Zinserhöhung debattiert und einen Schritt im Juni als wahrscheinlich signalisiert. Hintergrund waren die hohen Energiepreise, die die Inflation weit über das Ziel der Notenbank getrieben haben. Nagel warnte zudem vor sogenannten Zweitrundeneffekten.
Steigende Zinsen betreffen Sparer und Kreditnehmer in Deutschland
Für deutsche Privatanleger ist die Richtung der Geldpolitik unmittelbar relevant. Wenn die EZB die Zinsen anhebt, verändert das die Bedingungen für Ersparnisse und für Kredite. Zugleich wirken höhere Zinsen auf die Bewertung von Anleihen und Aktien, weil sich die Finanzierungskosten und die Diskontierung künftiger Erträge verschieben. Die Einschätzungen der Fachleute gehen auseinander: Ökonomen erwarten eine letzte Zinsänderung im nächsten Monat, Investoren rechnen mit einer Straffung bis 2027. Anleger sollten daher die kommenden Projektionen und Inflationsdaten genau verfolgen, statt sich auf eine einzelne Prognose zu verlassen.
Der nächste wichtige Termin ist die EZB-Sitzung im Dezember
Der weitere Fahrplan ist im Quelltext klar umrissen. Am Mittwoch wird die Inflationsrate für die Eurozone erwartet, die Eurostat veröffentlichen soll. Bei ihrer Sitzung im nächsten Monat legt die EZB neue Wirtschaftsprognosen bis 2029 vor. Auf dieser Grundlage will der Rat über die Zinsen entscheiden. Nagel hat bereits deutlich gemacht, dass aus heutiger Sicht wahrscheinlich kein Weg an einer Zinserhöhung vorbeiführt, sofern sich die Inflationsaussichten nicht deutlich verbessern. Ob es bei einem letzten Schritt bleibt oder die Straffung länger andauert, hängt damit maßgeblich von den neuen Projektionen und der weiteren Preisentwicklung ab.
Drei Fachbegriffe helfen beim Verständnis des Artikels
- Leitzins: Der von einer Zentralbank festgelegte Zinssatz, zu dem sich Geschäftsbanken Geld beschaffen können und der die Bedingungen am Geldmarkt prägt.
- Kerninflation: Ein Maß für die Teuerung, das schwankungsanfällige Posten wie Energie ausklammert, um den zugrunde liegenden Preisdruck sichtbar zu machen.
- Zweitrundeneffekt: Die Übertragung ursprünglich einmaliger Preissteigerungen auf Löhne und andere Preise, wodurch sich die Inflation verfestigen kann.
